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Acht Monate Haft für Herbert Diestelmann

Artikel vom 02.12.2011 - 08.00 Uhr

Acht Monate Haft für Herbert Diestelmann

Alsfeld/Gießen (ks). Wer gedacht hatte, tiefer könne der frühere Alsfelder Bürgermeister Herbert Diestelmann nicht mehr fallen, der wurde eines Besseren belehrt. In diesem Frühjahr hat er über die Tankkarte des »Vereins für aktives Leben im Alter« in Grünberg Treibstoffkanister für den eigenen BMW befüllt.

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Der frühere Bürgermeister von Alsfeld, Herbert Diestelmann (Archivbild) muss eine Haftstrafe antreten. Foto: Archiv)
Diestelmann leistete in dem Alten- und Pflegeheim Arbeitsstunden ab, nachdem er die Geldbuße aus seiner ersten Verurteilung wegen Untreue im Jahr 2008 nicht mehr abzahlen konnte. Er stand zu diesem Zeitpunkt unter Bewährung. Der frühere Rathauschef mühte sich am Donnerstag bei der Verhandlung vor dem Amtsgericht Gießen mit dem sattsam bekannten Pathos, seine Tat aus einer verzweifelten Notlage heraus zu erklären. Das konnte den Vorsitzenden Richter Dr. Frank Oehm nicht umstimmen, der hätte sich etwas »mehr Sachlichkeit« beim Angeklagten gewünscht. Diestelmann wurde zu acht Monaten Haft verurteilt. Er kann dagegen Rechtsmittel einlegen, will das mit seinem Verteidiger beraten.

Dem 60-Jährigen wurde angelastet, im Februar und März diesen Jahres an einer Grünberger Tankstelle beim Betanken von Fahrzeugen des gemeinnützigen Vereins in sieben Fällen Kanister für den eigenen Bedarf befüllt zu haben. Einem Zivildienstleistenden der gleichen Einrichtung, in der Diestelmann seine Sozialstunden ableistete, war das merkwürdige Gebaren aufgefallen. Er hatte die Heimleitung informiert und diese schaltete die Polizei ein. Nach einer Observierung stellten die Beamten Diestelmann zur Rede und fanden die Kanister im Kofferraum des 5er-BMW – der war mit Kartons passender Größe für die Kanister und Papier gegen mögliche Flecken »präpariert«.

In der Seitenablage des Wagens fand sich zudem ein Elektroschocker. Im Falle des nicht zugelassenen Gerätes erkannte das Gericht aber auf eine Ordnungswidrigkeit laut Waffengesetz, das Verfahren wurde eingestellt. Der unrechtmäßig erlangte Treibstoff hatte einen Wert von rund 120 Euro, später hatte Diestelmann rund 150 Euro mit einem Entschuldigungsschreiben an seinen Arbeitgeber übermittelt. Der Vorsitzende Richter ließ die Frage im Raum stehen, ob es sich bei den ruchbar gewordenen Tankklau-Aktionen vielleicht nur um die Spitze des Eisbergs gehandelt haben könnte.

Diestelmann gab die Taten zu und bemühte in seiner Schilderung detailliert das Bild eines völlig gebrochenen Mannes. Wobei das aus seiner Sicht sogar zutreffen mag. Nachdem er 2008 wegen Untreue zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt worden, fielen seine Bezüge und wenig später seine Pension weg. So hatte das Paar zuvor neben seiner Pension von 3000 Euro noch über 4000 Euro monatliche Einnahmen aus dem Immobilienbüro der Ehefrau verfügen können. Seine Frau sei inzwischen unheilbar erkrankt, könne nicht mehr arbeiten. Sie erhalte ein Rente von 350 Euro im Monat, »das ist jetzt unser Haupteinkommen«. Er selbst machte sich als Unternehmensberater selbstständig, um seine Kenntnisse aus einem langen Berufsleben gewinnbringend zu verwerten: »Als Anwalt hatte ich ja quasi Berufsverbot und anstellen wollte mich auch keiner mehr.« Er habe intensiv an der neuen Existenz gearbeitet, doch etliche Projekte zerschlugen sich, letztlich habe sich die Firma gerade so getragen. Im laufenden Jahr habe er rund 8000 Euro an Einkünften erzielt, dazu kamen bislang pro Jahr noch einmal rund 2400 Euro aus seiner Tätigkeit im OVAG-Aufsichtsrat, die Ende des Jahres ausläuft. Diestelmann nannte Schulden von heute gut 500 000 Euro, sämtliche Kredite können nicht mehr bedient werden, die Sparkasse lasse ihn noch aus Milde im Haus in Eudorf wohnen, das hoch belastet ist und bei einer Zwangsversteigerung noch weniger als bei einem ordentlichen Verkauf einbringen würde. Wegen Steuernachforderungen hat auch das Finanzamt das »Eigenheim« mit einer Zwangshypothek belegt. 2010 habe man sich noch über die Runden retten können, weil alles irgendwie Verwertbare zu Geld gemacht wurde. Jetzt hofft Diestelmann nach eigener Auskunft auf neue Aufträge, es gebe »Perspektiven.« Der frühere Bürgermeister ist nicht mehr kranken- oder pflegeversichert, »ich kann nur hoffen und beten, dass ich gesund bleibe.« Im Januar folgte aus diesem ganzen Dilemma die eidesstattliche Versicherung, mittlerweile helfen auch seine Schwester und seine Mutter mit Beiträgen beim Lebensunterhalt. Aus dieser Notlage heraus seien die Taten zu erklären, so Diestelmann: »Man ist arbeitslos, ehrlos, chancenlos, aber man kämpft.« Er legte dar, dass er einige viel versprechende Projekte verfolgte, er suchte Standorte für Lebensmittel- oder Textilmärkte und bahnte für die Autobahnraststätte Pfefferhöhe bei Alsfeld ein Spiel-Center an, ein weiteres in einem anderen Bundesland, beides ist bis heute nicht zu Stande gekommen. Sein Anwalt legte dar, dass Diestelmann für die Geschäftstermine in ganz Deutschland das Auto brauchte, dabei habe er es sich nicht einmal leisten können, an einer Raststätte Halt zu machen. Und auch für das Ableisten der Arbeitsstunden habe er das Auto benötigt, so Diestelmann. »Von Alsfeld nach Grünberg wären Sie auch so gekommen, da fährt nämlich ein Bus,« bemerkte Richter Dr. Oehm trocken. Der Verkauf des teuren Autos sei ebenfalls eine Überlegung wert gewesen. Doch weil dafür noch die Ratenzahlungen liefen, habe er das nicht in Erwägung gezogen, so der Angeklagte.

Ein Polizeibeamter schilderte den Vorgang bis zur Ergreifung Diestelmanns, dessen Fahrtenbücher seien »sehr schlampig« geführt gewesen. Schließlich hatten sie den Alsfelder gestellt, nachdem er die Kanister in seinen BMW umgeladen hatte und davon gefahren war. Derzeit leistet Diestelmann übrigens seine Arbeitsstunden in einem Altenheim in Ziegenhain ab.



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Leserkommentare
(02.12.2011 14:58)
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