Alsfeld (ml). Über die »Kunst, ein adliges Leben zu führen« berichtete am Dienstag Christine Gräfin von Brühl. Im Rahmen der Lesereihe »Der Vulkan lässt lesen« gab sie im Zunftsaal des Alsfelder Regionalmuseums einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen einer exklusiven Parallelgesellschaft.
Über die »Kunst, ein adliges Leben zu führen« berichtete am Dienstag Christine Gräfin von Brühl (links). (Foto: ml)
Auch wenn sie durch die Heirat mit einem Bürgerlichen nach Adelsrecht nicht mehr adlig ist, konnte sie viel über Kindheit und Leben im Adel berichten. Dazu las sie einzelne Passagen aus ihrem Buch »Noblesse oblige« vor. Das reichte von ihrer Jugend und der strengen Erziehung über Benimmregeln und »adlige Konversation« bis zur Situation des heutigen Adels.
Eingangs begrüßten Andreas Matlé (OVAG) sowie Jochen Weppler, Vorsitzender des Geschichts- und Museumsvereins, mehr als 30 Zuhörer. Dr. Christine Gräfin von Brühl wurde als Tochter eines Diplomaten in Ghana geboren und verbrachte ihre Kindheit in London, Brüssel und Singapur. Sie studierte Slawistik, Geschichte und Philosophie und schreibt als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen. Mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt sie in Berlin. Von Brühl entstammt der Linie Heinrich Graf von Brühl, Minister unter Friedrich II im 18. Jahrhundert. Der Name Brühl leitet sich nicht von der Stadt bei Köln ab, sondern bedeutet soviel wie »feuchter sumpfiger Grund«. Wieviel Adlige es heute noch in Deutschland gibt sei unbekannt, da es keine Erhebungen darüber gebe. Nach Schätzungen von Historiker seien es deutlich weniger als ein Prozent. Aber, so schreibt sie im Buch, »der Adel wird nie vergehen«. Es werde ihn immer geben und seine Mitglieder würden nicht von den Traditionen ablassen oder ihren Konventionen abschwören.
Und von diesen Traditionen und Konventionen berichtete sie in ihrer Lesung. Auch wenn der Adel im Prinzip 1928 abgeschafft worden ist, werde er immer noch genauso gelebt wie vor hunderten von Jahren. Schon als Kind sei sie von ihren Eltern als Adlige erzogen worden. An Wochenenden besuchte sie Tanzkurse, Bälle in Schlössern und unter der Woche erlebte sie den ganz normalen Schulalltag mit bürgerlichen Mitschülern. Die Parallelwelt habe mit der normalen Welt keine Berührungspunkte. Schon als Kind habe sie die Geschicklichkeit entwickelt, ein adliges Leben zu führen, aber sich davon nach außen nichts anmerken zu lassen. Sie wollte spöttische Bemerkungen von Schülern und Lehrern vermeiden. Im Adel werden andere Prioritäten gesetzt, so von Brühl. Jagdscheine seien eine Selbstverständlichkeit und wer in diesen Kreisen nicht tanzen kann, der hat ein Problem. Für alle Gelegenheiten gebe es feste Regeln, für Hochzeiten, Essen, Begrüßungsrituale und Konversation. So habe sie schnell gelernt, dass eine gut geführte Konversation eine hohe Kunst ist und dazu noch körperlich anstrengend. Die Manieren seien mit drastischen Erziehungsmethoden verbunden. Eiserne Strenge, drakonische Strafen und lange Standpauken pflastert diesen Weg, so von Brühl. Als Strafe winkte meist Zimmerarrest, Hausarrest wäre in einem Schloss, wo allein der Dachboden die Ausmaße eines normalen Einfamilienhauses übertrifft, keine Strafe gewesen. Mit Humor und Selbstironie zeichnete sie das Leben in Adelskreisen nach, wie sie es erlebt hat. Im Anschluss gab es die Möglichkeit, Fragen zu stellen, wovon die Zuschauer auch reichlich Gebrauch machten.
Von Brühl sieht sich aufgrund ihrer Heirat mit einem Bürgerlichen als Grenzgängerin. Zwar pflegt sie noch engen Kontakt zur adligen Verwandtschaft, aber sie ist auch überzeugte Demokratin. Bei ihrer Hochzeit habe es teilweise schon Entrüstung innerhalb der Verwandtschaft gegeben, aber als »schwarzes Schaf« sei sie nicht bezeichnet worden.