Alsfeld (ks). Die Veranstalter konnten nicht ahnen, dass ihr Thema schon einen Tag später erneut traurige Aktualität erlangt: Gestern tötete ein 23-Jähriger an einer Berufsschule in Ludwigshafen seinen früheren Lehrer. Auch wenn die Verantwortlichen nicht von Amoklauf sprechen wollten, so war es doch wieder ein furchtbarer Gewaltausbruch an einer Schule. Was aber treibt Amokläufer an, in rasender Wut zu töten?
Prof. Matthias Elzer (FH Fulda)
Antworten auf diese Frage wollten am Mittwoch in der Aula der Max-Eyth-Schule rund 30 Lehrer von Prof. Matthias Elzer (FH Fulda). Er lieferte ihnen reichlich Stoff aus dem Bereich der Ursachenforschung. Klar ist: Es muss vieles zusammenkommen, damit ein Mensch zum Amokläufer wird. Fest steht, dass sogenannte Schul-Amokläufer bis auf ganz wenige Ausnahmen männlich sind, um die 15 bis 16 Jahre alt, Außenseiter, oft Waffenfans voller Wut auf Andere - ihr schwaches Selbstbewusstsein wollen sie durch eine »grandiose Tat« aufpolieren. Die Vorfälle seien zum Glück selten, wenngleich Schul-Amokläufe (»school shootings« oder Schulschießereien) seit den 1990er Jahren weltweit zunehmen, auch in Deutschland.
Schulleiterin Claudia Galetzka sagte, man könne sich auf eine solche Tat schlecht vorbereiten, das sei eine »extreme Stresssituation«. Dennoch wollte man sich beim Experten einige Tipps holen. Der machte Mut mit der Aussage, dass geplante Amokläufe durchaus im Vorfeld verhindern werden können, wenn man hinsieht.
Nach einem kurzen Hinweis auf die Herkunft des Wortes (malaiisch »amuk« für »rasend« oder »wütend«) und die Geschichte (Militärtaktik, Kamikaze, Beserker) ein Blick in die Statistik. Danach gab es von 1993 bis 2001 weltweit 143 Amokläufe mit 141 Einzeltätern und in zwei Fällen waren zwei Täter beteiligt. Mit einer Ausnahme waren alle Täter Männer. In 61 Prozent der Fälle sei »Rache« das Hauptmotiv gewesen, gefolgt von persönlichen/familiären Gründen. Die Opfer sind nicht wie oft angenommen unbeteiligte Fremde, sondern meistens Familienangehörige oder zumindest entfernte Bekannte, so Prof. Elzer. Auffällig sei, dass bei fast allen Schul-Amokläufen die Täter am Ende umkommen, ob von eigener oder fremder Hand. Amokläufe an Schulen habe es schon in früheren Jahrzehnten gegeben, dann wurden sie allerdings von schwer psychisch gestörten Erwachsenen verübt, während es heute Schüler der jeweiligen Schule seien. Von 1996 bis 2009 hat es weltweit 54 Schul-Amokläufe gegeben. Die Ursachen seien nicht immer eindeutig zu benennen. Dennoch spiele mit eine Rolle sicher ein massiver Medienkonsum, dem viele junge Leute frönen - seien es die unzähligen Morde und Gewalttaten im Fernsehen oder die »Ballerspiele« am PC, all das beeinflusse die Hirnentwicklung, die erst nach der Pubertät abgeschlossen ist, negativ. So sagte Prof. Elzer, dass von 300 befragten hessischen Grundschülern die Hälfte angab, im Kinderzimmer einen Fernseher zu haben (»das geht überhaupt nicht,« so der Experte Kopf schüttelnd in Richtung Eltern). Immer häufiger dringe eine Erwachsenenwelt in die Köpfe der Kinder und Jugendlichen ein, welche diese noch gar nicht verarbeiten könnten. Die Fähigkeit zu Mitgefühl nehme ab, die Aggressionsbereitschaft steige. Manche Jugendliche mit einem schwachen Ego tauchten in Parallelwelten ab, hätten keinerlei Frustrationstoleranz und entwickelten stattdessen Allmachtsphantasien und Größenwahn.
Viele der Amokläufe seien durch einen leichten Zugang zu Waffen begünstigt worden, oft hätten die Eltern mit Waffen zu tun gehabt, so Elzer. Zu den Faktoren komme eine biologische Komponente gerade bei jungen Männern (zu viel Testosteron und Dopamin, zu wenig Serotonin), viele könnten keine Liebesbeziehungen aufbauen, hätten in der Kindheit Vernachlässigung erlebt, der aggressive Trieb überwiege. Potentielle Amokläufer seien oft isoliert, Einzelgänger, geschüttelt von Wut, Hass, Selbsthass und Misstrauen. Viele hätten schon vor der Tat ausgeprägte Gewaltphantasien gehegt. Die Waffe dient als »Egokrücke«, um das schwache Selbstbewusstsein zu verstärken. Psychisch schwankten Amokläufer zwischen Depression und übersteigertem Narzissmus. Klar ist laut Elzer, »dass Amokläufer ihr Umfeld oft auf Jahrzehnte traumatisieren. Das kriegen sie aus Schulmauern nicht mehr heraus.« In der Diskussion äußerte eine Lehrerin ihre Zurückhaltung, auf schwierige Schüler zuzugehen, »ich weiß ja nicht, was da zurückkommt.« Man dürfe Lehrer nicht mit schwierigen Schülern alleingelassen, wurde gefordert, hier seien andere Länder weiter, wo Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen zum festen Standard gehören. Zudem fühle sie sich überfordert, sagte eine Lehrerin, weil Schule ein Bewertungssystem sei »und keine Therapeutenpraxis«. Elzer beklagte, dass an Schulen oft an der falschen Stelle gespart wird. Auch werde in der Lehrerausbildung zu wenig auf pädagogische oder Aspekte der Hirnentwicklung bei Heranwachsenden eingegangen. Immerhin hatte er auch einen kleinen Trost: »Die Störungen nehmen zu, aber nicht die schweren Störungen.«