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In der DDR kam er für Gedichte in den Knast

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Artikel vom 07.05.2014 - 07.21 Uhr

In der DDR kam er für Gedichte in den Knast

Alsfeld (jol). Auch die düstere Gefängniszelle mit schimmeligen Wänden hat ihm nicht den Humor austreiben können: Witzig und fundiert erinnerte am Dienstag Autor Michael Meinicke an die DDR-Opposition.

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Michael Meinicke las vor Abiturientinnen und Abiturienten der Max-Eyth-Schule aus seinem Buch »Ostkreuz«, vorn ein Koffer mit Erinnerungsstücken an die DDR. (Foto: jol)
© Joachim Legatis
Er las auf Einladung der Max-Eyth-Schule aus seinem Buch »Ostkreuz«, ein Titel mit doppelter Bedeutung. So ist das ein bekannter S-Bahn-Knotenpunkt in seiner Geburtsstadt Berlin und ein Hinweis auf das Kreuz, das aufmüpfige Menschen in der DDR zu tragen hatten. Im Gespräch mit Abiturienten des Beruflichen Gymnasiums der MES erinnerte er an ein spannendes Leben in einer aufsässigen Jugendclique und Begegnungen mit Oppositionellen wie Wolf Biermann. Meinicke las zur Eröffnung der Ausstellung »Jugendopposition in der DDR«.

Die Schülerinnen und Schüler des Geschichtskurses BG 13 von Ralf Fei hatten das Rahmenprogramm für die Ausstellung der Havemanngesellschaft gestaltet. Und es klappte prima, wie Fei erfreut feststellte. Neben Präsentationen und Vorträgen gab es die Autorenlesung, flankiert von einer Gesprächsrunde mit dem Zeitzeugen. In seiner Einführung erinnerte Fei an eine Schülerbefragung von 2010, wonach 40% nicht wussten, dass die Mauer vom DDR-Regime errichtet wurde. Fast die Hälfte der Jugendlichen sah kaum Unterschiede zwischen dem Regime im Dritten Reich und in der DDR. Schulleiterin Claudia Galetzka ermunterte die Schüler, Meinicke über sein Leben auszufragen. Das sei eine »einmalige Gelegenheit zu erfahren, wie die jungen Menschen die DDR erlebt haben«.

Verschimmelte Gefängniszelle

Der 1948 Geborene stellte nach der Einführung von Saskia Schneider und Johanna Hamel eine Jugend in Ost-Berlin plastisch dar. So war er auf einer schönen Freizeit im Jugend-Zeltlager, als 1961 die Grenze zwischen den beiden Teilen Berlins geschlossen wurde. Über Lautsprecher wurde das den Kindern mitgeteilt. Er hatte Verwandte im Westteil der Stadt, die Grenzen waren bis dato offen gewesen. Erst nach der Rückkehr nach Berlin wurde ihm nach und nach klar, was er durch den Mauerbau verloren hat.

Früh war er in einer Jugendclique unterwegs, die gegen die Verhältnisse aufbegehrte. Die Jugendlichen bauten Bomben, »sprengten Gartenhäuschen und klauten Mopeds«, wie er auf schnoddrige Art erzählte. Die Hälfte seiner Schulklasse von einst machte Bekanntschaft mit dem Gefängnis.

Auch er selbst kam in Haft, allerdings als Oppositioneller. Er hatte sich Ende der 1960er Jahre dem Lyrikclub Pankow angeschlossen, wo er Wolf Biermann und Bettina Wegner kennen lernte. Sieben Gedichte gab er an einen Schriftsteller weiter, um Tipps zum Schreiben zu erhalten. Das wertete der Geheimdienst Stasi als Veröffentlichung von systemkritischen Texten, Meinicke wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. »Die saß ich bis zum letzten Tag ab« – in einer Zelle mit Schimmelwänden und Schaben. Statt eines Fensters waren drei Glasbausteine verbaut. »Als ich rauskam, konnte ich keine Gedichte mehr schreiben«, im Vergleich zum Polizeiarrest sei es eine grauenhafte Zeit gewesen.

Lustig verlief hingegen Meinickes Fahrt nach Ungarn. Für Freunde hatte er die Taschen seines Parkas vollgestopft mit Antibabypillen, die es in der DDR auf Rezept gab, in Ungarn dagegen nicht. Die erste Nacht verbrachte er auf mit anderen Trampern auf der Brücke zu einer Insel, morgens geweckt wurde die bunte Truppe mit Wasserwerfer und Polizeiknüppeln. Das störte keinen besonders, »bei uns hätten wir nicht einmal im Freien übernachten dürfen«.

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Artikel vom 07.05.2014 - 07.21 Uhr
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