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17.05.2009 - 23.07 Uhr
»Opferschutz sollte höchste Priorität genießen«
Alsfeld (ml). »Bei diesen Straftaten muss man mit Null Toleranz vorgehen«, sagte Staatssekretär Boris Rhein bei einer Veranstaltung zum Thema sexueller Missbrauch am Freitag im Autohaus Roth. Neben einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde stand besonders die Lesung der Autorin Ulrike M. Dierkes im Mittelpunkt.
Sie las aus ihrer Biografie »Schwestermutter. Ich bin ein Inzestkind« vor, in dem sie ihre eigenen Erfahrungen schildert. Eingangs begrüßte Bürgermeister und Vorsitzender des Präventionsrates Ralf A. Becker die Zuschauer. Er meinte, dass es wichtig sei, auch »heiße Eisen« anzupacken. Gerade bei solchen Themen wie Kindesmissbrauch sei es falsch, wegzuschauen und sie zu tabuisieren.
Beckers Dank galt den an der Veranstaltung beteiligten Organisationen, dem Weißen Ring und der International Police Association (IPA). Besonders dankte er Horst W. Bichl, jahrelanges Mitglied des Präventionsrates und Vizepräsident der Deutschen Sektion der IPA, der diese wichtige Veranstaltung federführend auf die Beine gestellt habe und in der Diskussionsrunde als Moderator fungierte. Horst Cerny, Landesvorsitzender des Weißen Rings Hessen erklärte in seinen Grußworten, dass sich gesellschaftlich noch einiges ändern müsse, denn es sei der Täter, der nach Straftaten meist im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehe. Die Opfer würden dabei schnell vergessen. Während Täter sofort einen Therapieplatz erhielten, müssten die Opfer meist monatelang auf Hilfe des Staates warten.
Beim Thema sexueller Missbrauch habe man es mit einer sehr hohen Dunkelziffer zu tun, so Cerny. Schätzungen zufolge liege die Dunkelziffer bei rund 85 Prozent. Ähnlich verhalte es sich auch bei häuslicher Gewalt. In Deutschland habe jede achte Frau Erfahrungen damit gemacht. Und diese Verbrechen beschränkten sich nicht bloß auf eine bestimmte Gesellschaftsgruppe, sondern gehe quer durch alle Schichten. Eine positive Veränderung habe vor einigen Jahren das Gewaltschutzgesetz geschaffen. Dies sorge dafür, dass die Polizei einen größeren Handlungsspielraum habe und nun auch berechtigt sei, im Fall einer häuslichen Gewalt, den prügelnden Partner aus dem Haus zu weisen.
In einer rund 30-minütigen Lesung schilderte die Autorin und Journalistin Ulrike M. Dierkes die Geschichte ihrer Familie. Ihre Mutter, die zugleich auch ihre Schwester ist, wurde demnach über mehrere Jahre vom eigenen Vater missbraucht. Mit 13 Jahren wurde sie dann schwanger. In dem kleinen Dorf in Westfalen, in dem die Familie lebte, sei zwar viel getuschelt worden, aber die Familie habe sich ausgeschwiegen. Ein Dorfbewohner, der bis heute anonym ist, brach das Schweigen und zeigte den Vater an, der schließlich zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.
Ende der 50-er Jahre waren nach Angaben von Ulrike M. Dierkes Begriffe wie Pädophilie oder Inzest weitgehend unbekannt, und es habe an Erklärungen gefehlt. »In dieser Zeit hat ein fremdklingender Name für mehr Aufregung gesorgt, als dieses schändliche Verbrechen«. Dierkes schilderte sehr direkt und beklemmend ihre Kindheit, in der sie ohne Liebe und fürsorgliche Zuwendung aufgewachsen sei. »Zu einer starken Persönlichkeit wurde ich erst nach und nach«, so Dierkes, die bei der anschließenden Podiumsdiskussion ergänzte, dass viele Inzestkinder an diesem lebenslänglichen, zermürbenden Kampf zerbrechen würden. Denn um Gerechtigkeit zu erfahren, müsse man einen »regelrechten Sprachkrieg mit den Behörden« überstehen. Daher habe sie den Verein M.E.L.I.N.A. gegründet, der sich um Inzestopfer kümmert und sich für deren Rechte einsetzt.
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