Sie sind hier: Startseite » Lokales » Städte und Gemeinden » Alsfeld »

Titanic Boygroup zeigte Berlusconi einmal angezogen

  Anzeige

Artikel vom 11.11.2011 - 20.02 Uhr

Titanic Boygroup zeigte Berlusconi einmal angezogen

Alsfeld (ks). Sie lasen in »Dings bei Lauterbach«, lästerten über die Trecker vor der Tür und warben für mehr Intoleranz: Die Titanic Boygroup Schmitt, Sonnenborn und Gsella war in Alsfeld - gewohnt ätzend und unkorrekt.

A_titanic1111jpg_121111_4c_1
Lupe - Artikelbild vergrössern
Mit allem gebührlichen Ernst: die drei ehemaligen Titanic-Chefredakteure Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn und Thomas Gsella bei der Lesung. (Foto: ks)
Alsfeld (ks). Beißend-bitterböse Satire bietet die Zeitschrift »Titanic« ihren Lesern zuverlässig seit 30 Jahren - das hat ihr etliche Rügen vom Presserat und Prozesse eingebracht. Die drei ehemaligen Chefredakteure Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn und Thomas Gsella rieben sich nach eigenem Bekunden im Kampf gegen Staatsanwälte und Richter auf und tingeln nun als Titanic-Boygroup durch die Lande. Jetzt war »Dings« an der Reihe– »äh pardon, dieser sympathische Weiler in der Nähe von Lauterbach.« Natürlich schonen die Akteure nichts und niemanden – schon gar nicht die Zuhörer. »Draußen sind ja eine Menge Traktoren angekettet, Sie müssen sicher alle noch nach Hause auf den Rübenacker« hörten die rund 80 Besucher.

Bei der Jubiläumslesetour lief das Trio im Rahmen der Reihe »Der Vulkan lässt lesen« im Autohaus Deisenroth ein und ätzte in gewohnter Weise – garniert war das Ganze mit einer aufwändigen »PowerPointenPräsentation.« Hier waren sie dann noch einmal zu sehen – die beliebtesten Titelbilder (legendär: »Zonen-Gabi und ihre erste Banane«) oder die verbotenen wie der »Klorollen-Jesus.« Gegrüßt wurde »Ex-Abonnent Muammar-al-Gaddafi«, das Publikum dürfe sich im Anschluss auf »Diskussion und Flatratesaufen« freuen. Natürlich bekam auch der gerade in der Stadt weilende selbsternannte Geistheiler sein Fett weg, die von ihm noch nicht geistig Geheilten hätten sich offenbar bei der Lesung versammelt. Oliver Maria Schmitt, der für »mehr Intoleranz und Hirnverbranntheit« streitet, hatte zwei versierte Querulanten mitgebracht – »denn allein kommt ja keiner nach Alsfeld«.

Ob Mauerfall (»hat doch gut funktioniert, bis sie von einem Heer zerlumpter Gestalten niedergerissen wurde«), Politik oder Kirche, die Speerspitze deutschen Satireschaffens lässt nichts aus. Stolz ist man auf den Jahresrekord von 212 Beschwerden beim Presserat, bekannt als Rügen, »die bei uns höchstens im Bereich Fremdenverkehrswerbung veröffentlicht werden.« Gezeigt werden berühmte tote Automobilisten oder Berlusconi, wie ihn keiner kennt, nämlich angezogen im Büro. Extrem beliebt in »Titanic« sind die Briefe an die Leser (»Leserbriefe werden gleich weggeworfen«), die gern vor Anzüglichkeiten und Unverschämtheiten nur so strotzen. Einige Beispiele gaben Sonneborn und Gsella zum Besten.

Letzterer macht sich seit Jahren als Lyriker einen Namen, so hat er viele deutsche Städte wenig schmeichelhaft skizziert. Nun hat er sich europäische Länder vorgenommen, in denen die peinlichsten Klischees über Deutsche, Italiener, Polen oder Finnen in kurzen Versen genüsslich aufgespießt werden. Dazu kommt die Offenbacher Anthologie als Anspielung auf das Gegenstück in der FAZ, präsentiert werden herausragende Werke noch unbekannter Dichter wie der Eskimofrau. Eingespielt wurden Filme, die Martin Sonneborn als Reporter zeigen, der sich für »Google Home View« mit Kameramann in Häuser und Schlafzimmer drängt oder in Trebbin in Brandenburg mit den Bewohnern 60 Jahre Grundgesetz feiern will und auf massives Unverständnis stößt. Einem Vertreter der Pharma-Industrie entlockt er gänzlich Unerhörtes. Aufs Korn genommen werden geschmacklose Werbeaktionen oder Facebook- und Twitter-Aktionen von Politikern. So hatte Schmitt dem glücklosen Ex-Ministerpräsidenten Stefan Mappus per Facebook auf subversive Manier helfen wollen, doch alle Freundschaftsanfragen konnten nichts retten. Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel (»TSG«) wurde von Titanic mit einem gefälschten Twitter-Account bedacht, auf dem fröhlich Meldungen abgesetzt wurden à la »Der Durst auf ein kleines Bier steigt stetig.« Ausführlich wurde über die Besonderheiten Afghanistans berichtet, das nach den Anschlägen vom 11. September als neues Urlaubsgebiet entdeckt worden sei.

Im Anschluss gab es noch eine der ebenfalls legendären Telefonaktionen, wie sie gern mit Politikern oder Fifa-Funktionären durchexerziert wurden. In diesem Fall sollte eine »Hilfsaktion für Neonazis« gestartet werden. Der Versuch der Gruppe »weißer arischer Widerstand«, an Nazigold in Schweizer Tresoren zu kommen, scheiterte allerdings am Unverständnis der eidgenössischen Banker. Nach über zweieinhalb Stunden ging ein Abend zu Ende, bei dem auch ein Werbestand der »Partei« nicht fehlte, für die Martin Sonneborn als Kandidat unermüdlich unterwegs ist.

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 11.11.2011 - 20.02 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang