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Wieder zieht der Heiler Tausende in die Stadt

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Artikel vom 11.11.2011 - 09.58 Uhr

Wieder zieht der Heiler Tausende in die Stadt

Alsfeld (ks). »Die siebte Nacht nach der OP in Weiß schlafen, zu den Wesenheiten beten, um eventuell hinterlassene Fäden zu ziehen und am nächsten Morgen nach Danksagung das Glas Wasser austrinken. Besorgen Sie sich gesegnetes Wasser«.

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Warten auf Einlass beim derzeit in der Hessenhalle gastierenden Geistheiler Joao de Deus.
Das ist ein Auszug aus den »Regeln nach einem spirituellen Eingriff«, wie sie noch bis Sonntag im Vorraum der Hessenhalle ausliegen. Dort hält seit Donnerstag wieder der bekannte brasilianische Geistheiler Joao de Deus Hof und für zwei Frauen unter den vielen weiß gekleideten Menschen, die in diesen Tagen nach Alsfeld pilgern, steht eines ganz fest: »Er ist zurzeit weltweit der begnadetste Heiler.« Nur eines haben die beiden Frauen aus dem Schwäbischen zu beanstanden: »Richtig operieren darf er hier ja nicht, sonst hat er gleich die Polizei am Hals.« Also gibt es »spirituelle Operationen« und wenigstens den Händedruck des sanft blickenden Brasilianers.

Wer in diesen Tagen in die Hessenhalle zu den 5. Europäischen Geistheilungstagen kommt, der muss nicht mehr davon überzeugt werden, dass ein Großer seiner Branche am Werke ist. Unzählige Menschen aus ganz Europa eilen in Scharen herbei, damit Joao de Deus ihnen die Hand drückt und sie anschließend noch etwas vom gesegneten Wasser zu zwei Euro die Flasche mit nach Haus nehmen können. Einige haben einen Rollator dabei, einige gehen an Krücken, unter den vielen sind auch Menschen im Rollstuhl oder schwerst behinderte Kinder, die von ihren Eltern begleitet werden. Manch junges Elternpaar schiebt einen Kinderwagen in die Halle. Dort gibt es eine Kasse, wo man »Kristallbettsitzungen« buchen kann. Das Eintrittsgeld von rund 100 Euro pro Tag musste bereits bei der Anmeldung entrichtet werden. Die Hessenhalle ist in verschiedene Zonen eingeteilt, es gibt einen Raum mit vielen Sitzplätzen, wo die Besucher auf die Begegnung mit de Deus eingestimmt werden. Anschließend können sie in langen Reihen an ihm vorbeigehen und er drückt ihnen die Hand. Am Nachmittag darf das Ritual noch einmal wiederholt werden, allerdings nur bei denen, die vorher keine »spirituelle OP« hatten. In der Halle kann auch das »gesegnete Wasser« gekauft werden, von dem viele Flaschen weggehen. Es wird aber auch mit sanfter Stimme an diejenigen appelliert, die meinen, das ganze Ereignis, für das sie gekommen sind, sei doch etwas zu kurz geraten. Da der Heiler ja mit seinem Medium komme, reiche schon ein kurzer Kontakt aus, wird erklärt. Bei der Sitzung sei de Deus in Volltrance, er könne sich später an nichts erinnern. Es seien die »geistigen Wesenheiten«, die durch ihn wirken, »und die über viel mehr Möglichkeiten verfügen als der Mensch.« Ihr hilfreiches Werk könnten die Wesenheiten schon in »Sekundenbruchteilen vollbringen,« informiert der Mann die staundende Menge. Sie hätten auch ganz schnell erkannt, was dem Menschen fehlt und wie ein Heilungsprozess angestoßen werden könne. Vertrauen zu haben sei dafür aber ganz wichtig, wird noch betont.

»Die Atmosphäre ist einfach schön, wenn man dort sitzt. Ich konnte die Lichtwesen sehen und sie auch per Kamera aufnehmen,« schwärmt Bettina Ungerer aus Bonn. Ihre Mutter ist schwer an Krebs erkrankt, sie hat ein Foto von ihr mitgebracht und erhofft sich Hilfe. Aber auch sie selbst, die ihre Eltern pflegt, profitiere vom Besuch: »Ich kann auftanken und fühle mich entspannt.« Begeistert erzählt sie von der »schönen Ausstrahlung« des Heilers, dabei habe sie mit dem Händedruck auch ein Ziehen in der Narbe von einer früheren Operation verspürt. »Er sitzt dort ganz entspannt und die Menschen ziehen an ihm vorbei.« Fotos davon dürfen allerdings nicht gemacht werden, hier winken die Helfer, die für Ordnung in der Halle sorgen, freundlich, aber bestimmt gegenüber der Pressevertreterin ab. Oben quillt derweil das Restaurant fast über vor Menschen, die sich in der Pause zwischen den Tagungen unter anderem mit »gesegneter Suppe« stärken wollen. Die Gespräche drehen sich auch hier um das soeben Erlebte, das die meisten offenkundig sehr bewegt hat. Das gilt auch für die beiden Frauen, die sich mit unverkennbar schwäbischem Akzent austauschen. Natürlich gibt es schwarze Schafe in der Heilerbranche, räumen sie ein, aber de Deus gehöre keinesfalls dazu: »Ich kann das beurteilen, ich bin selber Medium.«

Der Brasilianer wolle sich keinesfalls an irdischen Gütern bereichern, er lebe von den Erträgen einer Farm, die er selbst bewirtschaftet. Er müsse die Menschen schon sehr lieben, um diesen anstrengenden Job durchzuhalten, glauben sie. Und: »Die meisten Heiler werden nämlich selbst nicht alt.« Dazu wissen die beiden noch, »dass jede Menge Ärzte hierher zu ihm kommen und seine Anhänger sind.«

Vor den Toren der Hessenhalle hat derweil die christliche Brüdergemeinde aus Grünberg Posten bezogen, um mitzuteilen, dass es sich bei der Veranstaltung in der Halle um »reinen Spiritismus« handele. »Gott heilt nicht durch Dämonie« heißt es auf den Plakaten, die sie aufgestellt haben.

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Artikel vom 11.11.2011 - 09.58 Uhr
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