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Schnelle Autos töten Kröten

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Artikel vom 22.03.2014 - 08.24 Uhr

Schnelle Autos töten Kröten

Kirtorf (pm). »Selbst wenn wir hier mit Kindern stehen geht das so«, sagt Johannes Jacobi und blickt dem Auto kopfschüttelnd hinterher. »Das waren doch mindestens die erlaubten 100.«

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Schutz für Kröten an Straßen, Jonathan Reckling (links) und Simon Buse (FSJ). (Foto: pm)
© Red
Eigentlich hat der 21-Jährige nicht viel gegen zügiges Autofahren, sein eigenes Gefährt ist jedenfalls sportlich aufgemacht – aber an der Landstraße zwischen Ober-Gleen und Ehringshausen ist er vom Tempo der meisten Autofahrer nicht begeistert. »Schon bei 70 Stundenkilometern haben die Amphibien praktisch keine Überlebenschance«, erklärt Johannes Jacobi und holt aus seinem orangefarbenen Eimer eine tote Erdkröte, die er zuvor von der Straße gesammelt hat. »So sehen sie aus, wenn sie nicht vom Reifen erwischt werden und ein Auto mit normalem Tempo über sie hinwegfährt.« Der Luftdruck tötet sie, die Verwirbelung hinter dem Auto schleudert die Tier einmal durch die Luft, so dass viele von ihnen auf der Seite oder auf dem Rücken liegen, wenn Jacobi und seine Mitstreiter die Tiere finden. Dass einige Auto- und Lastwagenfahrer aber nicht mal vom Gas gehen, wenn Jugendliche mit Warnwesten am Straßenrand steht, ärgert Jacobi sichtlich.

Seit fünf Jahren unterstützen die Evangelischen Pfadfinder Vogelsberg den Amphibienschutz. Ihr Hauptanliegen: Informieren und Öffentlichkeit schaffen. »Mir war das vorher auch völlig unbekannt, dass schon der Luftdruck unter dem Auto Frösche und Kröten töten kann«, sagt Simon Buse, der bei den Pfadfindern ein Freiwilliges Soziales Jahr macht. Bei dem richtigen Wetter, feucht und nicht zu kalt, müsse man im abendlichen Berufsverkehr oft beobachten, wie ein Krötenweibchen auf dem Weg zum Laichgewässer langsam auf die Straße krabbelt, aber da sind schon Autoscheinwerfer in der Nähe. »So dass man nichts mehr machen kann, und ein paar Sekunden später liegen die Tiere tot auf dem Asphalt.« Das gilt auch in Bereichen mit Krötenzäunen am Straßenrand.

Deshalb sei es so wichtig, wenigstens in den ausgeschilderten Bereichen besonders starker Amphibienwanderungen langsam zu fahren. »Vor drei Jahren haben wir das mal sehr intensiv gemessen«, erzählt Johannes Jacobi, »bei Tempo 30 passiert den Tieren nichts, bei höherem Tempo hat man bald keine Chance mehr, die Tiere überhaupt zu erkennen.« Erdkrötenmännchen sind etwa sieben Zentimeter lang, die Weibchen sind drei Zentimeter größer, aber farblich vom Asphalt kaum zu unterscheiden. »Und die kleinen Molche kann man aus dem Auto heraus gar nicht sehen«, die seien zierlicher als ein kleiner Finger, ergänzt Simon.

Kindergruppe spricht Fahrer an

Mit einer Jugendgruppe gehen die Pfadfinder im Februar die Strecken in ihrem Gebiet ab und reparieren Schutzzäune. Es waren auch schon Röhren unter der Straße komplett mit Laub und Erde voll, so dass sie für die Tiere unpassierbar waren, berichten sie. Dass die Strecke zwischen Homberg und Gemünden regelmäßig von der Unteren Naturschutzbehörde für den Verkehr gesperrt wird, finden die Pfadfinder großartig. »Die Straße war oft ein einziges Schlachtfeld«, erinnert sich Jonathan Reckling, seit sieben Jahren Pfadfinder und jedes Mal beim Krötenschutz dabei. Dass einzelne naturbewusste Autofahrer noch keinen Schutz für die Amphibien bieten, hat er mit eigenen Augen oft genug gesehen: »Wenn ein Auto langsam fährt, überholen andere mit Hupe und wilden Gesten – und das war’s dann für unsere Erdkröten.« In diesem Jahr fehlten zunächst sogar die Hinweisschilder, so dass die Pfadfinder allein bei Wäldershausen am Sonntagabend über 100 Tiere von der Straße gesammelt und vor dem Verkehrstod bewahrt haben. Ganz auf Information setzt man auch in der Kinderstufe der Ev. Pfadfinder Vogelsberg. Inzwischen haben die »Wölflinge« ihre Scheu vor den warzigen Geschöpfen abgelegt. Von den älteren Pfadfindern wurden sie über die Verkehrsbeobachtungen unterrichtet. Und nun sprechen sie Passanten vorm Supermarkt an und legen Infozettel in Tankstellen und Geschäften aus. Dass manche Erwachsene beim Anblick »ihrer Erdkröten« ein »igitt« ausstoßen, können sie gar nicht verstehen. »Die sind doch voll süß«, strahlt Eric Schnelle, als Erstklässler der Jüngste im Stamm. Ein Geschäftsmann hat der Kinderschar Eis aus dem Supermarkt mitgebracht: »Weil ihr das so toll macht.«

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Artikel vom 22.03.2014 - 08.24 Uhr
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