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Mainz zeigt »Tristan und Isolde« im Nahen Osten

Artikel vom 19.09.2011 - 19.19 Uhr

Mainz zeigt »Tristan und Isolde« im Nahen Osten

Spielzeitbeginn in Mainz: Tilman Knabe verfrachtet »Tristan und Isolde« in den Nahen Osten. Seine Inszenierung polarisiert das Publikum.

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In Markes Reich: Auch wenn Tristan (Alexander Spemann) das Messer in der Hand hält, zeigt Isolde (Ruth Staffa) ihm, wo der Hammer hängt. (Foto: Martina Pipprich)
Sieht der Knab’ ein Röslein stehn, dann rodet er gleich die ganze Heide. Dieser Ruf eilt Tilman Knabe voraus. Der Regisseur ist für seine Neigung zu Gewaltszenen auf der Bühne bekannt. Er hat einen Ruf zu verlieren, wenn nicht blutrünstig gemordet und vergewaltigt wird. Gleichwohl feierte in Mainz seine Lesart von Wagners »Tristan und Isolde« zum Spielzeitbeginn umjubelte Premiere, auch wenn der progressive Knabe, zum ersten Mal im Staatstheater zu Gast, am Ende zwischen etlichen Bravorufen lautstarke Buhs entgegengeschleudert bekam. So muss es sein, wenn Wagners nächtlicher Liebeszauber, der erst im Tod Vollendung findet, in eine derbe Politfarce umfunktioniert wird, in der viel Blut fließt und das Penetrieren als Liebe missinterpretiert wird.

Knabes Tristan, ursprünglich Gralsritter von Beruf, firmiert jetzt als Soldat im Nahen Osten. König Marke und seine Mannen sind feiste Islamisten, sagen wir aus dem Iran, aus Ägypten vielleicht, aus Libyen eher nicht. Marke ist Mubarak und Ahmadinedschad und etwas Abbas in Personalunion und liebt die Gewalt. Isolde darf als Freiheitskämpferin emanzipatorisch wirken, als starke Kraft, die Knabe ins Zentrum seiner Betrachtung stellt.

Das Boot des ersten Aufzugs, mit Isolde als Braut für den König an Bord, ist ein modernes Kriegsschiff. Der Betrachter schaut in den Bauch des stählernen Riesen, auf zwei Kabinen und einen Gang (Bühne: Beatrix von Pilgrim). In der einen Kabine Tristan und seine Soldaten in Tarnanzügen und Springerstiefeln (Kostüme: Kathi Maurer). Die Männer beobachten mithilfe von Videokameras die zweite Kabine, in der Isolde und Brangäne kopftuchtragend ihr Schicksal herausfordern. Isolde wirft das Kopftuch beiseite. Aufbegehren tut not.

Der zweite Aufzug im königlichen Reich hat zu Beginn die üblichen Längen, denen Knabe optisch nichts entgegensetzt, wenn Isolde Brangäne die Lage skizziert und Tristan als liebestollen Tor in ihre Realität zieht – in die Realität des Kampfes und des Wunsches nach Gleichberechtigung. Musliminnen wehren sich gegen Unterdrückung und bringen mithilfe eines Fotokopierers Pamphlete in Umlauf. Marke und seine Soldaten unterbinden das Treiben. Am Ende des Akts sind bis auf die Handvoll Hauptdarsteller alle tot. Gestorben wird in Zeitlupentempo.

Der dritte Aufzug allein ist den Besuch der Oper wert. Gezeigt wird Tristans Burg – ein verfallener Bunker. Der Schwerverletzte hängt am Tropf und verkommt zur eigenen Karikatur, wenn er damit im Fieberwahn slapstickartig über die Bühne torkelt. Ein Defibrillator darf den beinahe Dahingegangenen wiederbeleben. Als Tristan sich auf dem Höhepunkt seiner Sehnsucht nach Isolde verzehrt, betritt Christian Petrenz mit seinem Englischhorn die Bühne, spielt sein Solo, setzt sich neben den singenden Tristan und grinst.



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Artikel vom 19.09.2011 - 19.19 Uhr
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Leserkommentare
(20.09.2011 00:07)
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Ne danke, muss nicht sein.
Unbedingt anschaun meint der Kritiker?
Ne, lass ma, entweder will ich Wagner sehn oder Knabe.
Und von dem hab ich schon genug gesehn.
Erst wenn der letzte Besucher sein Abo gekündigt hat, merken die Opernhäuser, dass sie von den Knabes nicht leben können.
Also: einfach zumachen die Läden, wenn sie sowieso nix Gescheites mehr auf die Beine kriegen.
Und an die Knabes: schreibt doch endlich mal selbst was, statt nur anderes zu verhunzen. Oder fehlt dafür etwa die Begabung? ;-)
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