Salzburger Festspiele: Zweig-Novelle wird zum modernen Psychodrama
Salzburger Festspiele: Stefan Zweigs Novelle »Angst« wird in der Inszenierung von Jossi Wieler zum modernen Psychodrama.
In Wahrheit klammert sie sich an ihren Liebhaber: Irene Wagner (Elsie de Brauw) ist in Eduard (Stefan Hunstein) vernarrt. (dpa)
Stefan Zweig war schon berühmt, als er 1919, ein Jahr vor Gründung der Festspiele, auf dem Kapuzinerberg in Salzburg ein Haus kaufte. Dort lebte er bis 1934. Einen Draht zu den Festspielgründern Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal hatte er nicht - bei den Festspielen war er bislang nur als Librettist für Richard Strauss’ musikalische Komödie »Die schweigsame Frau« vertreten. In ihrem neunzigsten Jahr nun ist er endlich das erste Mal auch als Autor beim Programm der Festspiele dabei. Im Prinzip jedenfalls. Neben der von dem Niederländer Koen Tachelet stammenden Bühnenfassung der Novelle »Angst« besorgte kein Geringerer als Klaus Maria Brandauer im Rahmenprogramm noch schnell die Erstlesung des Zweigtextes »Widerstand der Wirklichkeit«.
»Angst« ist ein auf die Bühne gebrachtes Stück Literatur. Nun hat allerdings schon diese Novelle aus dem Jahre 1920 Kammerspielqualitäten. Nicht zufällig ist sie bislang dreimal, darunter von Roberto Rossellini in den 50er Jahren mit Ingrid Bergmann, verfilmt worden. Der in den letzten Jahren immer wieder mit Erfolg bei den Festspielen inszenierende Regisseur Jossi Wieler hat die Fähigkeit, daraus tatsächlich ein packendes Psychodrama zu machen, das ziemlich modern daherkommt.
Jedenfalls ist es bei ihm keine neue Variante des Dauerthemas progressiver Literaten, die sich in voremanzipatorischen Zeiten konsequent auf die Seite der Frauen schlugen, die den gesellschaftlichen Preis für das zu zahlen hatten, was man Ehebruch nennt.
Der Bühnenraum, den Ausstatterin Anja Rabes gebaut hat, ist offen, beschränkt sich auf ein paar Wände, ein Labyrinth aus andeutenden Neonröhren und ein Spielpodest aus Brettern, unter denen es mitunter leuchtet und die bald einen ziemlich unsicheren Untergrund abgeben. Am Anfang sieht man nur zwei paar nackte Füße durch einen Schlitz in der Wand. Und genau das, was im Auge des Betrachters geschieht, passiert tatsächlich: Irene hat ein Verhältnis.
Sie genießt es, hat den Liebhaber in ihr Leben eingebaut und will daran im Grunde auch nichts ändern. Das schlägt in eine zunehmende Angst vor Entdeckung um, als sie von einer Frau erpresst wird. Die ist eine von ihrem Ehemann engagierte Schauspielerin, der seine Frau so in die Enge treiben will, dass sie ihren Fehltritt »freiwillig« eingesteht. Es ist ein Machtspiel, das zu weit geht, weil er Irene damit beinahe in den Selbstmord treibt.
Wieler inszeniert das in einem Wechsel von referierender und direkter Rede, aus der Sicht Irenes, schickt sie sogar für ihre Selbstrechtfertigung mitten ins Publikum.
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