Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Kultur »

Verzerrt in eine Parodie billigster Machart

Artikel vom 12.10.2008 - 18.17 Uhr

Verzerrt in eine Parodie billigster Machart

In Bremen signalisierte Katharina Wagner jetzt, was sie von dem von triefendem Freiheits- und Erlöser-Pathos durchtränkten Frühwerk "Rienzi" ihres seinerzeit 29-jährigen Ur-Opas hält. So wenig, dass sie es in eine Parodie billigster Machart verzerrt.
Mark Duffin als Cola Rienzi (l.) und Patricia Andress als Irene	(dpa-Foto)
Lupe - Artikelbild vergrössern
Mark Duffin als Cola Rienzi (l.) und Patricia Andress als Irene (dpa-Foto)
Sind das die Zeichen für ein Neu-Bayreuth unter dem Szepter der Wagner-Urenkelinnen Katharina und Eva? Der »Rienzi«, Wagners erster Opernerfolg aus dem Jahre 1842, vom Meister aus dem Bayreuther Kanon verbannt, von Hitler heiß verehrt und in seiner schlichten Machart und Botschaft wohl auch am besten verstanden, wird demnächst auch in Bayreuth zu sehen sein. Wenn auch nicht im Festspielhaus, sondern im Rahmen eines Sonderprogramms an anderer Stätte. In Bremen signalisierte Katharina Wagner jetzt, was sie von dem von triefendem Freiheits- und Erlöser-Pathos durchtränkten Frühwerk ihres seinerzeit 29-jährigen Ur-Opas hält. So wenig, dass sie es in eine Parodie billigster Machart verzerrt.

Der Bürger Cola Rienzi, eine historisch verbürgte Figur, wollte im 12. Jahrhundert in Rom eine Republik nach altrömischem Vorbild wiederherstellen, um die Macht der Patrizierfamilien zu brechen. Er ernannte sich zum Tribun, schwang sich zum Volkshelden auf, bis er, vom Adel, der Kirche und letztlich auch vom Volk verlassen, vom brennenden Kapitol erschlagen wird. An der Seite von Irene, »meiner Heldenschwester«. Ein Werk in der musikalischen Tradition der Grand Opéra mit wuchtigen Chören, Aufmärschen, Schlachtenszenen und großen Gefühlen, das schon manches von Wagners Sendungsbewusstsein ahnen lässt und musikalisch in seinen besten Teilen den »Tannhäuser« vorwegnimmt. Allerdings so undifferenziert, dass es allenfalls als Vorstudie angesehen werden kann. Aber auch nicht so unreflektiert, dass man zu so plumpen, handwerklich unfertigen Lösungen greifen muss wie jetzt Katharina Wagner.

Da Rienzis Karriere als Befreier und Erlöser des moralisch verrotteten Roms bei Wagner letztlich scheitert, könnte man sich schon seriöser mit dem Werk und der Figur auseinandersetzen als ihn zu einem schmierigen Showstar à la Elvis im Florian-Silbereisen-Format zu denunzieren, der seine Ideologie im Sessel eines tuntigen Promi-Friseurs entwickelt.

Spätestens im letzten, dem zugleich besten Akt, läuft diese Werksicht ins Leere, wenn Rienzi den Sinn seines Heldentums selbst in Frage stellt. Hier verwandelt ihn Katharina in einen traurigen Bajazzo. Im Ansatz richtig, letztlich aber dürftig ausgeführt.

Noch deutlicher als in ihren Bayreuther »Meistersingern« lässt die Regisseurin eklatante Schwächen in der Personenführung erkennen. Es wird eigentlich nur gestanden, steif gestelzt oder platt gesessen. Mehr Bewegungsfreiheit lässt die riesige Freitreppe von Tilo Steffens den Chören und Solisten ohnehin nicht. Und so müssen optische Mätzchen bis hin zu einer immer spärlicher bekleideten Minerva als Blickfang den vierstündigen Abend auflockern. Mit manchem Lacher an der falschen Stelle.

Christoph Ulrich Meier dirigiert die mäßig disponierten Bremer Philharmoniker weniger knallig als Stefan Soltesz vor drei Jahren in der konzertanten Essener Aufführung, aber auch nicht sonderlich spannend. Ihm ist der Misserfolg allerdings ebenso wenig anzulasten wie den Chören und dem Gesangsensemble mit einem beachtlich konditionsstarken Mark Duffin in der kräftezehrenden Titelrolle. Patricia Andress bewältigt die hochdramatischen Anforderungen der Irene vorbildlich, nicht minder Tamara Klivadenko in der Hosenrolle des Adriano Colonna. Die kleineren Rollen verbreiten viel Licht und manchen Schatten. Insgesamt, wenn auch etwas dünn besetzt, überzeugen die Chöre.

Das Publikum, darunter auch etwa 2000 Gäste auf dem Theatervorplatz beim Public-Viewing-Event, reagierte verhalten nach dem langen Abend. Nur wenige Buh-Rufe für das szenische Team, aber auch keine überbordende Begeisterung. Pedro Obiera

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 12.10.2008 - 18.17 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang