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Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel in der Alten Oper

Artikel vom 21.02.2010 - 21.10 Uhr

Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel in der Alten Oper

Die Erwartungen waren ohnehin hoch, die Sternstunden stellten sich folgerichtig ein: Eines der berühmtesten Orchester der Welt unter einem der erfahrensten und renommiertesten Dirigenten der Welt gastierte in Frankfurt: Die Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel traten in der Alten Oper auf. Mit langem Vorlauf als Sonderkonzert des Rheingau Musik Festivals angekündigt, war der weiträumige Saal am Samstag bis fast auf den letzten Platz gefüllt.
Das Programm traf auf den ersten Blick zwar nicht gerade den allerbreitesten Geschmack, wirkte jedoch wie maßgeschneidert auf den Klangkörper: Die Wiener warteten mit zwei ehemaligen Skandalwerken auf, die heute zu den Marksteinen der Musikgeschichte gehören; zunächst mit Igor Strawinskys Ballettmusik »Le sacre du printemps«. Die »Bilder aus dem heidnischen Russland« wurden bei der Uraufführung in der Choreografie von Vaclav Nijinsky 1913 in Paris ausgepfiffenen (ein Jahr später gab es beim reinen Konzertstück allerdings Begeisterung!). Nicht ganz so extrem erging es dem »armen Organisten Bruckner« (Cosima Wagner). Nach der missglückten Uraufführung überarbeitete Anton Bruckner seine »Dritte«, und die in Frankfurt aufgeführte letzte Fassung von 1889 - eingedampft auf immerhin noch eine gute Stunde Länge - brachte dem Komponisten dann doch Ruhm ein.

Sinnvollerweise hatte man den ursprünglich für den zweiten Teil des Abends vorgesehenen Strawinsky an den Beginn gesetzt - eine effektvolle »Visitenkarte« des Orchesters, die in ihrer klanglichen Präsenz und stringenten Interpretation regelrecht vom Stuhle reißen und neben dem großartigen Hörerlebnis nicht nur den Mitwirkenden an die Physis gehen konnte. Faszinierend war auch optisch, wie die Streicher die stampfende, treibende und gegen den Strich gebürstete Rhythmik aus ihren Instrumenten holten - sowohl die markanten Schläge als auch die Pianissimi zeugten von Disziplin und großer Geschlossenheit. Aus dem differenzierten Bläsergemälde der ersten Takte entwickelt sich eine mit eruptiv ansprechender Klanggewalt in vier Tempi gefasste, schlagzeugbetonte Vision des Frühlingsopfers, die von russischer Volksmelodik bis zu den grellsten Dissonanzen reicht - archaisch, ekstatisch, kosmisch.

Das Ensemble vermittelte eine höchst plastische Realisierung in den Saal, der stellenweise fast an seine akustischen Grenzen zu geraten schien. So motorisch bewegt die Musik, so zurückgenommen die Bewegungen des Maestros am Pult: Lorin Maazel stand aufrecht wie festgewurzelt, führte mit sparsamen, dezidierten Gesten und steter Kopfbewegung den Riesenapparat durch die Partitur. Das Ergebnis war nicht etwa nur von der Ökonomie des Krafteinsatzes des knapp 80-Jährigen bestimmt, sondern in erster Linie von der Suggestion eines Meisters mit ausgeprägtem Charisma.

Vor 110 Jahren wurde Anton Bruckners Sinfonie Nr. 3 d-Moll von den Wiener Philharmonikern aufgeführt. Ein Gastspiel also als historisches Moment in der Alten Oper. Die Wiener, als Orchester mit dem besonderen Streicher- und Bläserklang berühmt - manche geschulte Ohren hören sogar per Tonträger heraus, ob es Wiener oder Berliner Solisten sind - machten diesem Ruf hier alle Ehre.

Ein nerviger, homogener Streichereingang im ersten Satz, massive Blech-Unisoni, ein Herzklopfmotiv - vieles erinnert an die »Romantische«. Auf der Basis der Ur-Intervalle Quinte und Oktave entwickelt der Komponist ein sich verdichtendes Netz, aus dem er seine Themen schöpft. Das Ensemble bot selbst in den vielfach sich wiederholenden Figuren nuancierte Farbigkeit. Dosierte Dynamik beließ allen vier Sätzen Lebendigkeit und Spannung. Immer wieder faszinierend das homogene Miteinander der Instrumentengruppen, der flexibel musizierende Streicherapparat mit seiner weichen, sonoren Tongebung. Aufhorchen ließen die Anklänge an »Tristan« im zweiten Satz und die mehr elegant als volkstümlich getönten Ländlertakte. Ein unverwechselbar »mahlerisch« gefärbter, entrückter Streicherton verströmte einen Moment lang jene himmlisch-fromme Süße; Bruckners Nähe zur religiösen Empfindung konnte man auch aus dem Bläserchoral heraushören. Das grandiose Konzerterlebnis wurde enthusiastisch gefeiert. Maestro Maazel und die Wiener schenkten dem Publikum noch ein schmissiges Schmankerl von hohem Schmeichelwert: Brahms 5. ungarischer Tanz. Ovationen. Olga Lappo-Danilewski

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Artikel vom 21.02.2010 - 21.10 Uhr
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