Gießen/Gemünden (ti). Ein Mensch mit großem Herzen, immer auf das Glück und Wohlbefinden der anderen bedacht. So bleibt die 35-Jährige, die am 10. Mai von ihrem Lebensgefährten in Burg-Gemünden mit einem Schlosserhammer getötet wurde, den Hinterbliebenen in Erinnerung.
Nicht nur nahen Angehörigen, auch ihren Arbeitskollegen, die am dritten Tag im Mordprozess gegen den 58-jährigen Partner der Toten als Zeugen aussagten. Ein anderes Bild hatte der gebürtige Wettenberger zum Prozessauftakt von seiner Freundin gezeichnet. Der psychiatrische Sachverständige Dr. Rainer Gliemann gab Ähnliches gestern, basierend auf den Angaben des Angeklagten, im Rahmen seines Gutachtens wider. Er sprach von einer schnell explodierenden Frau, die ihr Kind auch schon mal schlug, wenn es aus der Reihe tanzte. Nur eine von mehreren Diskrepanzen, die der Fünften Großen Strafkammer des Gießener Landgerichtes die Suche nach der Wahrheit nicht gerade erleichtern.
Ein »absolut liebenswerter Mensch« sei seine Tochter gewesen, sagte der 59-jährige Vater. »Sie hätte ihr letztes Hemd gegeben für jemand anderen.« Das bestätigte eine 48-jährige Arbeitskollegin. »Es war ihr wichtig, dass es allen gut ging«, berichtete sie über die Tote. »Die hat jeden eingenommen mit ihrer Art - wie ein Engel.« Harmoniebedürftig sei sie gewesen, habe immer alles »schön machen wollen«, erinnerte sich der Vater. Ganz anders der Angeklagte, den der gelernte Radio- und Fernsehtechniker als »geizig« und »raffgierig« beschrieb. Darin sah er auch den Grund für das Geschehene. »Die Ursache von allen Dingen war das Geld«. Von Trennungsabsichten der Tochter wisse er nichts. Sie sei in der Vergangenheit zwar schon zweimal vor ihrem Freund geflüchtet - einmal ins Frauenhaus, ein anderes Mal zu ihrer Familie -, aber sie habe immer wieder versucht, alles in Ordnung zu bringen. »Ich glaube nicht, dass sie ihn verlassen hätte«, so die Einschätzung des 59-Jährigen. Als Gründe dafür nannte er ein angebliches Helfersyndrom seiner Tochter sowie eine »große Abhängigkeit« der beiden Partner voneinander.
Seit der Tat leidet der Angeklagte, der bei Gutachter Dr. Rainer Gliemann seine Partnerin als die Dominantere und sich selbst als den eher Unterwürfigeren dargestellt hatte, unter einer reaktiven Depression. Der 58-Jährige habe immer wieder gesagt, dass er lieber selber tot sei, wenn er es rückgängig machen könne, so der Sachverständige. Darüber hinaus konnte der Gutachter keine Diagnose stellen. Es gebe weder Anzeichen für eine Persönlichkeitsstörung noch für eine andere seelische Abartigkeit oder Schwachsinn. Fazit: Der ehemalige Konditormeister ist voll schuldfähig. Bezüglich einer Affekthandlung wollte sich der Arzt für Psychiatrie nicht festlegen. Einige Faktoren sprächen dafür, andere dagegen. Konkret hänge dies von der Beweiswürdigung ab. Wurde beispielsweise der Tatort nach der Tötung vom Angeklagten verändert - ein dort aufgefundenes Messer ohne jegliche Spuren spricht dafür - sei dies laut Gliemann ein »heftiges Argument gegen ein Affektdelikt«.
Der Prozess wird am Dienstag mit einem weiteren Gutachten fortgesetzt. Am Tag darauf soll es nach den Plädoyers ein Urteil geben.
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