David Garrett kehrt zur Klassik zurück

Wetzlar (chl). Vor Jahren als musikalisches Wunderkind auf der klassischen Violine gefeiert, macht sich David Garrett als Jugendlicher nach einer Sinnkrise auf nach New York, um seinen musikalischen Weg neue Impulse zu geben. Dann kehrt der Aachener bestens ausgebildet mit einem strategisch erfolgreichen Plan zurück nach Europa. Im Gepäck hat der deutsch-amerikanische Musiker ein Crossover-Programm, mit dem er die Grenzen zwischen Klassik und Popmusik überwindet. Am Donnerstag gastierte David Garrett in der ausverkauften Rittal-Arena.
22. Januar 2010, 19:24 Uhr
Popstar am Geigenhimmel: David Garrett. (Foto: chl)

Nach den zwei Erfolgsalben »Virtuosi und »Encore« möchte er anscheinend nun mit seinem neuen Programm »Classical Romance« den bei tradierten Klassikbesuchern verlorenen Boden wieder gut machen und gleichzeitig auch den Horizont seiner junge Gefolgschaft erweitern. Aufgrund seiner in den zurückliegenden drei Jahren gewonnen Popularität, die sicherlich auch etwas mit seiner smarten Erscheinung als Mädchen- und Frauenschwarm sowie einer ausgeklügelten Marketing-Kampagne zu tun hat, kann man den heute 29-Jährigen getrost als Popstar am Geigenhimmel bezeichnen.

Rund 4000 Zuhörer warteten gespannt auf das Erscheinen der blonden Mode-Ikone, die mit ihrem lässigen Outfit samt Jeans und Hut in die Fußstapfen eines Nigel Kennedy tritt und die übliche klassische »Pinguin-Kleiderordnung« ad acta legt. Denn: Auf die Musik kommt es an.

Und die beherrscht Garrett meisterlich. Als Begleitung hat er die renommierte Weimarer Staatskapelle unter der Leitung von George Pehlivanian mitgebracht. Ein rein klassisches Konzert stand auf dem Plan, das nur durch den wuchtig, orchestralen Filmtitel »He’s a pirate« von Hans Zimmer aus dem Kinohit »Fluch der Karibik« in Richtung Crossover-Schiene abtriftete. Aber spätestens bei diesem Stück, das beim Erklingen und am Ende am lautstärksten bejubelt wurde, war klar, dass die Beobachtung des Publikumverhaltens an diesem Abend fast mehr unter die Lupe genommen werden sollte als der Musikvortrag. Da saßen junge, Garrett anhimmelnde Mädchen neben adretten Ehepaaren, Leute in feiner Abendgarderobe neben Jugendlichen in Rockband-Fanshirts oder auch im Adornoschen Sinne Unterhaltungsmusikhörer neben Bildungskonsumenten. Die einen wollten frohgelaunt ob der so lässigen Art des Protagonisten die Musik ebenfalls mit ausleben und versuchten vergeblich, bei Brahms mitreißenden »Ungarischen Tanz« Nr. 5 oder in der schnellen, fidelen dritten »Zigeunerweise« von Pablo de Sarasate im Takt der Musik a la Andre-Rieu-Schmankerl mitzuklatschen. Die anderen zischten jenen energisch entgegen, um den vollen Klanggenuss zu erleben. Vermutlich wurden mache Gäste vorab auch in die Irre geführt. Zwar war bekannt, dass Garrett in Wetzlar nur mit dem Sinfonieorchester auftreten wird und der Titel des Programms den musikalischen Kern auch vorgab. Doch an anderen Spielorten der aktuellen »Classical-Romance«-Tournee hat Garrett zusätzlich seine Band mit dabei. Und deshalb hofften womöglich viele, neben klassischen Werken auch einen poppigeren Rundumschlag serviert zu bekommen. Dem war nicht so.

Dafür konnte das Publikum virtuoses Violinspiel auf höchstem Niveau erleben, vor allem Zuhörer, die zum ersten Male ein klassisches Konzert besuchten. Davon gab es einige. Denn als Garrett entsprechend in die Rund fragte (er moderierte sein Konzert mit jugendlichem Charme), bekam er dies von einigen jungen weiblichen Fans bestätigt.

Als Höhepunkt und Bravourstück galt zweifelsfrei das Violinkonzert op. 64 in e-Moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Nach der nur vom Orchester in perfekter Ausgewogenheit vorgetragenen Ouvertüre zum »Sommernachstraum« mit ihrem elfenartigen Gestus spielte Garrett mit dem Violinkonzert alle Zweifler an die Wand. Mit beachtlicher Hingabe und spürbarer Leichtigkeit meisterte er das mit vielen effektvollen Virtuosen-Parts gespickte dreisätzige Werk. Hob er sich aus der Melancholie des Kopfsatzes mit einer gewieften Solo-Kadenz hervor, ergriff er den mit geistreichem und Spielwitz angereicherten Sturmlauf im finalen »Allegro molto vivace« an den Zügeln, wurde eins mit dem Stück ohne abgeworfen zu werden.

Der erste Programmteil war dem Motto klassischer Romantik von so genannter »leichter Klassik« geprägt. Das fing beim »Czardas« von Monti an und ging unter anderem mit der lieblichen »Vocalise« op. 34 von Rachmaninoff oder der »Humoreske« Nr. 7 von Anton Dvorak weiter, die zum Aufhören bestimmt mittendrin poppig rhythmisch umarrangiert wurde.

Die geforderten Zugaben kam Garrett mit »Meditation« von Jules Massenet sowie den virtuosen Paganini-Variationen über das Lied »Karneval von Venedig« nach.

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