Hessen

Jazz-Instrumentalist Jan Garbarek und »The Hilliard Ensemble« überzeugen in Marienkirche

04. Mai 2011, 09:35 Uhr
Das »Hilliard Ensemble« mit David James (Countertenor), Steven Harrold, Rogers Covey-Crump (beide Tenor) und Gorden Jones (Bariton) sowie Sopransaxofonist Jan Garbarek beim Auftritt in der Marburger Marienkirche. (Foto: chl)

Der Musiker verharrte dabei nicht auf einer Stelle, sondern schritt langsam und in sich gekehrt auf dem Bühnenpodest umher. Wie aus dem Nichts heraus schwangen sich meditativ dazu nacheinander vier männliche Obertongesangsstimmen auf. Denn zwei Sänger des renommierten britischen Quartetts »The Hilliard Ensembles« tauchten ebenfalls gemächlich gehend hinter dem Altar auf; die anderen beiden zogen durch den mit 700 Zuhörern vollbesetzten Kirchenraum schreitend herbei. Erst auf der Bühne mündete der vokale Klang in einen vierstimmigen sakralen Gesang, dem das traditionelle armenische Lied »Ov zamranali« zugrunde lag. Dazu improvisierte Garbarek dann mit seinem markanten klaren, nordisch-kühlen und melodiösen Ton quasi als fünfte Stimme.

Alte Vokalmusik und Improvisation

Alte Vokalmusik verband sich mit gemäßigter Jazzimprovisation; die Verwandtschaft mit der barocken Musizierpraxis einer obligaten Instrumentalstimme, welche die Singstimmen ausdrucksvoll begleitet, lag nahe. Insbesondere schmeichelte das hohe Register des Sopransaxofons oft dem Countertenorpart David James». Über mehrere Gesangsstücke hinweg, gut eineinhalb Stunden lang und ohne Pause, zog sich dieses Wechsel- und Zusammenspiel zwischen dem Saxofonisten und den Sängern.

Nach ihren ersten beiden ähnlichen Projekten »Officium« und »Mnemosyne« haben Garbarek und das »Hilliard Ensemble« im vergangenen Jahr mit »Officium novum« eine Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit vorgestellt. Das musikalische Zentrum ist hierbei diesmal - entsprechend beim Marburger Konzert - vor allem in Armenien vorortet. Liturgische Gesänge aus der frühen Christenzeit, Werke des armenischen Komponisten Komitas (eigentlich Soghomon Gevorki Soghomonian) und orientalische Klänge (passend zur vorderasiatischen Kaukasusregion), aber auch andere traditionelle Einsprengsel bildeten das Fundament für diesen musikalisch andächtigen Abend.

Publikum genoss in konzentrierter Stille

In konzentrierter Stille genoss das Publikum den sich in der heiligen Halle ausbreitenden Gesamtklang, zumal Garbarek oder auch einzelne Sänger öfters die Bühne verließen, um im Altarraum umhergehend musizierender oder singender Weise ihren Tönen mehr Raum zu geben.

Jedes Räuspern, jedes Papierknistern, jedes Zurechtrücken auf den Stühlen schien diese eingekehrte magische Trance aufzuwecken. Etwas innovativ Neues ist dem Musikerkonglomerat mit »Officium novum« im Vergleich zu den beiden Vorgängerprojekten zwar nicht gelungen, dafür gelang es ihnen abermals, den Kirchenraum - und nur in einem solchen gelingt es wunderbar - in eine Art Schwebezustand zu versetzen.

Garbareks Improvisationen waren wie gewohnt lyrisch, mit melancholischem Gehalt und intuitiv geprägt. Die kurzen Gedankengänge wirkten aber auch sparsam und oft ähnlich, da sie wie die Gesangsstimmen zumeist um ein tonales Zentrum kreisten.

Zugleich zwei Zugaben applaudierte das Publikum die Musiker zurück, zumal es während des Konzertes seinen Beifall aufsparen konnte.

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