Nick Cave

Der Trauerarbeiter

Nick Cave hat die schönsten und traurigsten Liebeslieder geschrieben. Doch der Unfalltod seines Sohnes hat den in London lebenden Australier tief getroffen. Dieses Trauma prägt den Mann, der in Frankfurt auftritt.
27. September 2017, 14:19 Uhr

Dieses Album muss man nicht nur hören, man muss es aushalten. Aus jedem Ton dringt Trauer, Verzweiflung, Ratlosigkeit und Resignation. Nick Cave hatte die Songs seines Longplayers »Skeleton Tree« bereits geschrieben, als Arthur, einer seiner Zwillingssöhne, im Sommer 2015 unter tragischen Umständen starb. Der 15-Jährige war im englischen Badeort Brighton von einer Klippe gestürzt.

In diese Zeit fielen die Aufnahmen für Caves Album »Skeleton Tree«. Die Arbeit daran gab dem Songwriter Halt, Kollegen aus seiner Band The Bad Seeds wurden neben der Familie zur wichtigen Stütze. Dabei entstanden so bedrückende wie beeindruckende Lieder wie »I Need You«, das in seiner Brüchigkeit geprägt ist von der Liebe zu seiner Frau, mit der er diese schwere Zeit durchlebt hat. Oder die Ballade »Distant Sky«, die Hoffnung aufkommen lässt, dass nach dem Leben noch irgendetwas kommt. In einem beeindruckenden Interview mit dem »Zeit«-Magazin sagte Cave über den Aufnahmeprozess: »Ich war wirklich am Ende.« Seine eigenen Texte zu lesen und die Tragödie überall zwischen den Zeilen wiederzufinden, sei nicht gesund. »Diesen Zustand muss man überwinden und gleichzeitig ehrlich bleiben und das Finstere in seinem Leben nicht ignorieren.«


Songs über Tod und Teufel

»Skeleton Tree« ist vielleicht nicht Caves bestes Album. Dazu bleibt es zu oft im Fragmentarischen, wabert dahin, ohne große musikalische Reize zu setzen. Aber es enthält wohl die Lieder, in denen der Privatmensch Cave nahbarer wird. Denn der gebürtige Australier hat es geschafft, seine Kunst von seinem Privatleben zu trennen. Wenn er sich in einer Schaffensphase befindet, steht er früh auf, geht in sein Arbeitszimmer – und arbeitet. Anschließend macht er Feierabend. In der Zwischenzeit notiert er sich Gedankenfragmente, erarbeitet Texte, probiert am Klavier Melodien aus. Dann schreibt der 60-Jährige Songs über Tod und Teufel, über Abgründe und Verrat, über Mörder und Ermordete. Die Drogenexzesse und Abstürze im realen Leben hat er mit seinem Wegzug aus London und Berlin und mit der Heirat seiner zweiten Ehefrau Susie Bick hinter sich gelassen.

Cave überraschte in den vergangenen Jahrzehnten musikalisch immer wieder mit wilden Stiländerungen. Viele Jahre nach der Punk- und Garagenrock-Phase gab er mit dem hochklassigen 2003er-Album »Nocturama« den Songwriter mit großen (Liebes-)Balladen und homöopathisch eingestreuten krautigen Rocknummern.


Hang zu Zynismus und Sarkasmus

Fast schon größenwahnsinnig das Doppelalbum »Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus« von 2004 mit wild hin- und herschwappenden Songs, in denen Cave sogar mit Gospel experimentierte. Ein künstlerischer Befreiungsschlag. Auf »Dig, Lazarus, Dig!!!« gab Cave plötzlich den Westernhelden, der staubtrockene Rocksongs ausspuckte. Fünf Jahre später dann »Push the Sky Away«, ein Album, das mit Kinderchören und Filmmusikzitaten um die Ecke kam.

Was bei all diesen Silwechseln ein roter Faden blieb: Caves Hang zu Zynismus und Sarkasmus, zu hintergründigem Humor und zur Lust, auch mal total gaga zu sein. Auf seinem jüngsten Album »Skeleton Tree« ist von alldem nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil. Es scheint eher so, als rechtfertige das eigentliche Aufnehmen der Platte, der Entstehungsprozess nach der familiären Katastrophe, ihre Existenz.


Am 7. Oktober in der Jahrhunderthalle

Das Album zwingt seine Zuhörer, Empathie für einen Mann zu entwickeln, der den Erzähler und Zyniker im Anzug gab. Im Interview mit dem »Zeit«-Magazin sagt Cave, viele Menschen hätten ähnliche Verluste erlitten, und wer das erkenne, fühle sich nicht mehr so hoffnungslos in seinem Schmerz. »Das Schwierigste ist dann aber, weiterzumachen. Irgendwie wieder einen Rhythmus im Leben zu finden. Wenn man sich überwunden hat, sich einfach nur hinzusetzen und irgendetwas zu arbeiten, ist das immerhin ein Anfang.«

Cave macht weiter. Zum Beispiel am Samstag, 7. Oktober, um 20 Uhr in der Jahrhunderthalle in Frankfurt.

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