Saisonvorschau

Gießen 46ers zwischen Tradition und Moderne

Vor einer Saison, in der es viel um die Basketball-Tradition in Gießen gehen wird, bleibt beim Bundesligisten Gießen 46ers kaum ein Stein auf dem anderen. Wir haben die 46ers im großen Check.
28. September 2017, 16:19 Uhr
In Aktion: Darwin »Dee« Davis. (Foto: Vogel)

Vor einer Saison, in der es viel um die Basketball-Tradition in Gießen gehen wird, bleibt beim heimischen Bundesligisten Gießen 46ers kaum ein Stein auf dem anderen. In diesem Jahr gibt es den Spagat. Bei den Korbjägern wird zeitgleich nostalgisch zurück und optimistisch nach vorne geblickt. Der Streifzug hat die Gießener Basketballer vor dem Knaller zum Saisonstart am 30. September gegen den FC Bayern München einem Check unterzogen.

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Neuer Trainer, runderneuerter Kader, neuer Stil: Wer eine Partie der 46ers in der vergangenen Spielzeit gesehen hat, wird sie in der neuen Saison kaum wiedererkennen. Das liegt nicht nur daran, dass fast alle Spieler neu an die Lahn gekommen sind, sondern auch daran, dass mit Ingo Freyer ein neuer Headcoach das Zepter schwingt. Nach vier Jahren Denis Wucherer implementiert der ehemalige Nationalspieler nun seinen schnellen, offensiven Stil in der Traditions-Heimspielstätte Sporthalle Gießen-Ost und wird regelmäßig für hohe Ergebnisse sorgen. Zumindest dann, wenn man bei der ersten Mannschaft der 46ers zusieht. Denn die größte Neuerung in diesem Sommer dürfte die Implementierung eines zweiten Teams in der dritten Liga ProB sein. Heißt konkret: Ab sofort gibt es die Gießen 46ers gleich doppelt.


Der Trainer

46ers-Cheftrainer Ingo Freyer (Foto: Vogel)
46ers-Cheftrainer Ingo Freyer (Foto: Vogel)
Nach vier Jahren gab es einen Wechsel auf der wichtigsten Position – der neue Mann heißt Ingo Freyer. In den letzten zehn Jahren war der 46-Jährige (wie passend!) bei Phoenix Hagen tätig, führte die Westfalen aus der zweiten Liga bis in die Playoffs in der BBL. Letzten Winter dann aber die Insolvenz der Feuervögel, nun steht er als Nachfolger von Denis Wucherer (zu Köln, ProA) an der Seitenlinie der 46ers. Damit hält auch sein Basketball Einzug in der Osthalle: Keine Mannschaft spielte in den letzten Jahren so schnell wie die Hagener – und die ersten Tests haben gezeigt, dass Freyer diesen Stil auch an der Lahn spielen lassen wird: Schnell den Abschluss suchen, aufs Tempo drücken, den Gegner mit der eigenen Offensive aus der Halle schießen. Wohl deutlich häufiger als in den letzten Jahren dürfte damit in dieser Saison die Marke von 100 Punkten fallen.

Der Mann aus Wedel, einem Vorort von Hamburg, hat sich inzwischen in Gießen gut eingelebt. Immerhin: Wer die letzten zehn Jahre in Hagen gelebt hat, dürfte nicht der Idee anheimfallen, dass es in der Universitätsstadt nicht schön sei.


Das Team

Kaum ein Stein ist noch auf dem anderen, im Sommer stand eine komplette Neuausrichtung des spielenden Personals auf der Tagesordnung. Neun Spieler gingen, es kamen acht neue – ein völlig umgekrempelter Kader also. Einzig den gebürtigen Gießener Benjamin Lischka, Marco Völler sowie den Kanadier Jahenns Manigat kennen die Fans noch aus der vergangenen Saison, wobei Manigat erst Anfang September wieder unter Vertrag genommen wurde und derzeit nur bis Ende des Jahres verpflichtet ist.

(MDV-Grafik: C. Mank/Fotos: pm/mv)

Den großen Knaller gab es zum Schluss: Mit John Bryant verpflichteten die 46ers einen Mann mit Star-Potenzial: Der Center ist mit 2,11 Metern Körpergröße und 127 Kilo schon an sich eine beeindruckende Erscheinung, die durch seine Erfolge nur noch größer wird: Zweifacher MVP der BBL, ebenso oft wertvollster Spieler des Allstar-Spiels, viermal im »First Team« der BBL, fünfmal Allstar, einmal bester Offensivspieler, 2014 Meister mit Bayern München, zudem in Valencia und Monaco aktiv gewesen. Vom Namen her ist Bryant, der sowohl von der Dreierlinie als auch in Korbnähe punkten kann, der mit Abstand größte Transfer der Gießener der letzten Jahre – nun muss der Kalifornier zeigen, was er noch im Tank hat. Zweiter Center neben Bryant ist Mahir Agva: Der A 2-Nationalspieler wechselte vom hessischen Rivalen aus Frankfurt an die Lahn, nachdem er bei den Skyliners eine verletzungsgeplagte Saison erlebte. Nun will der 21-Jährige, der allerdings schon vor seiner vierten BBL-Spielzeit steht, seine 2,06 Meter unter dem Korb für die 46ers ins Getümmel werfen. Agva bringt viel rohes Talent mit, das er vor allem in Korbnähe einsetzen kann. Dazu stehen auf den »großen« Positionen mit Völler und Lischka zwei bekannte Gesichter zur Verfügung: Während Völler mit seiner Masse unter dem Korb offensiv gut dagegenhalten kann und sich vor allem defensiv auszuzeichnen weiß, bietet der vielseitige Lischka offensiv Gefahr mit seinem guten Wurf, der seine Gegenspieler aus der Zone zieht.

Als Forward setzt Freyer auf Jamar Abrams: Der Amerikaner, der vom rumänischen Club Craiova nach Gießen kam, ist, ähnlich wie Austin Hollins, sowohl mit seinem Distanzwurf als auch mit seiner Athletik korbgefährlich. Auch er musste allerdings in der Vorbereitung pausieren: Seine Hüfte zeigte eine Stressreaktion. Hinter ihm wird es dünn, wahrscheinlich wird Hollins öfter auf Abrams’ Position rücken, wenn der eine Pause braucht, und das Spiel so kleiner und noch schneller machen.

(MDV-Grafik: C. Mank)

Die kleine Flügelposition besetzen Hollins und Mauricio Marin: Hollins (Kauhajoki, Finnland), dessen Vater Lionel NBA-Trainer ist, war in den Testspielen einer der beständigsten Punktesammler, kann sowohl am Brett als auch von außen für Gefahr sorgen, und wird mit Sicherheit eine der Führungsrollen im Team einnehmen. Hinter ihm kommt mit Marin einer der drei Neuzugänge mit BBL-Erfahrung: Der gebürtige Berliner spielte zuletzt bei Tübingen und kam dort letztes Jahr auf 3,0 Punkte pro Spiel. Die kleinen Positionen komplettiert Manigat: Er soll sowohl als Aufbauspieler, als auch auf der kleinen Flügelposition eingesetzt werden: Mit 47,5 Prozent Dreierquote war der Kanadier in der letzten Saison der beste Werfer von außen bei den 46ers. Als Pointguard stehen Freyer mit Darwin »Dee« Davis (Rogaska, Slowenien) und Max Landis (Okapi Aalst, Belgien), zwei US-Amerikaner zur Verfügung, deren Vorbereitung alles andere als optimal lief: Davis plagte sich mit Blessuren herum, bei Landis gab es gar einen Meniskusriss – er wird zum Saisonbeginn noch fehlen.

Ingo Freyer bediente sich also fast ausschließlich bei Spielern, die noch nicht in Deutschland aktiv waren und bislang in kleineren Ligen spielten: Slowenien, Belgien, Finnland und Rumänien sind nur einige der Länder, in denen die Neu-Gießener in der vergangenen Saison auf Korbjagd gingen. Das schont den Geldbeutel, schließlich ist es für jeden dieser Akteure ein Aufstieg, nun in der BBL aufzulaufen. Es erhöht aber auch das Risiko: Mit Kayel Locke und Malik Dime wurden zwei Spieler bereits in der Vorbereitung wieder nach Hause geschickt. Sie erfüllten schlicht die Erwartungen der sportlichen Führung nicht.
Komplettiert wird der Erstliga-Kader von Doppellizenzspielern der zweiten Mannschaft, die spielen aber in erster Linie für...


Die Rackelos

Wer? Ulei, die Rackelos, du Na! Wer Manisch puckt, hat’s schon längst gerafft: Es muss um Heranwachsende, jüngere Personen gehen – Und das ist richtig: Die Gießen 46ers Rackelos (für diejenigen, die der manischen Sprache nicht mächtig sind: Grob übersetzt bedeutet das Jungs, Jugendliche, Kinder) sind die neue Zweitvertretung der Bundesliga-Truppe in der dritten Liga ProB. Damit haben die 46ers nun BBL, ProB, NBBL (U19-Bundesliga) und JBBL (U16-Bundesliga) unter einem Dach.

Gießen übernahm die Lizenz der Licher BasketBären, das Trainerduo Rolf Scholz und Lutz Mandler gleich mit, und will nun die Jugend im eigenen Haus ausbilden. An geführt von Ex-Nationalspieler Johannes Lischka sollen Talente wie Bjarne Kraushaar (18), Alen Pjanic (20) oder Leon Okpara (19, kam aus Köln) in Gießen an den Profibasketball herangeführt werden.

Attraktive Gegner gibt es auf jeden Fall: Mit Rekordmeister Leverkusen und den Reserven der BBL-Konkurrenten aus Würzburg, Frankfurt und dem FC Bayern München warten auch in der dritten Liga große Namen auf die Gießener Jungspunde.


Das Jubiläum

Zum 50. Mal tritt eine Gießener Mannschaft im Basketball-Oberhaus an, kein anderer Club in Deutschland kommt auf mehr Spielzeiten. Darum steht die Saison ganz im Zeichen des Jubliäums: Am ersten Spieltag tritt die Mannschaft im Heimspiel gegen Bayern München in speziellen Trikots an, die an die Meisterkluft der 1960er Jahre erinnern sollen. Im Vorfeld der Saison stand bereits eine Gala in der Kongresshalle an. Wer die Berichterstattung in der Gießener Allgemeinen über das Jahr hinweg verfolgt, wird zudem immer wieder Erinnerungen an legendäre Spieler, unvergessliche Duelle und große Triumphe lesen dürfen.


Die Liga

Bayern oder Bamberg? Die Favoritenrolle ist nicht mehr so eindeutig vergeben wie noch zuletzt, die Oberfranken könnten trotz Double in der letzten Saison zumindest teilweise das Prädikat des Gejagten an die Münchener abgeben. Dahinter lauern Berlin, Ulm und Oldenburg auf die Rolle des ersten Verfolgers. Hinter einem breiten Mittelfeld wollen die Aufsteiger aus Weißenfels und Gotha ebenso schnell den Klassenerhalt dingfest machen, wie die Traditionsklubs aus Jena, Braunschweig und Gießen.


Die Termine

Gleich das erste Heimspiel ist ein Pflichttermin: Bayern München eröffnet am 30. September (20.30 Uhr) die Saison in der Osthalle, und bringt unter anderem Ex-46ers-Star Braydon Hobbs mit. Am 22. Dezember gibt es dann das erste Hessenderby der Saison, wenn die Frankfurt Skyliners ihre Visitenkarte in der Lahnstadt abgeben. Der Meister und Pokalsieger aus Bamberg ist am 4. März 2018 zu Gast in Gießen, und das letzte Heimspiel der Saison gibt es am 29. April – wieder ein Kracher, dann gegen ALBA Berlin.

(MDV-Grafik: C. Mank)

Das Fazit

Zum Saisonbeginn wird der Kader aufgrund von Verletzungen in der Vorbereitung nicht so eingespielt sein, wie sich Freyer das vorgestellt hat. Fest steht: Es wird keine leichte Saison für Gießen. Individuell sieht das Team schwächer aus als die Vorjahrestruppe, doch mit der Ankunft von Freyer ist das System der Star: Funktionieren die Spieler im schnellen Run-and-Gun-Stil, kann es zum frühzeitigen Klassenerhalt und für das gesicherte Mittelfeld reichen. Gibt es Probleme mit dem System, wird es am Saisonende eine knappe Kiste.

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