Rettungsgasse

Lebensrettende Gasse – wie es geht und warum es trotzdem nicht klappt

Rettungsgassen sind bei Stau und stockendem Verkehr eigentlich Pflicht auf deutschen Straßen. Dennoch klappt es oft nicht. Dabei ist alles ganz einfach.
24. Juli 2017, 21:00 Uhr
Ein Notarztwagen fährt durch eine zu enge Rettungsgasse. (Foto: Patrick Seeger)

Wenn er zu spät kommt, kann das Menschenleben kosten. Und trotzdem gibt es immer wieder Autofahrer, die Rettungsassistent Tim Gaidies daran hindern, zu Unfallopfern zu gelangen. »Es ist einfach frustrierend für uns«, sagt der 27-Jährige, der beim DRK Rhein-Main-Taunus in Wiesbaden arbeitet.

Angesichts von Autofahrern, die hektisch kurz vor dem Krankenwagen die Spur wechseln oder gar nicht zur Seite fahren, macht sich bei den Einsatzkräften neben Ärger auch Resignation breit. »Uns geht es um Menschenleben, gegen die Autofahrer sind wir machtlos«, sagt Gaidies. Nicht umsonst hat das DRK seine Rettungsgassen-Kampagne unter der Überschrift »Wir helfen gerne – wenn Sie uns lassen« zusammengefasst.

»Viele Autofahrer glauben, dass der Notarzt über den Standstreifen fährt und wissen nicht, wie eine Rettungsgasse gebildet wird«, sagt Jürgen Lachner, Vorstandsmitglied für Verkehr, Umwelt und Technik beim ADAC Hessen-Thüringen. Daher sei eine Sensibilisierung aller Verkehrsteilnehmer sehr wichtig.

 

»Eigentlich ganz einfach«

 

Laut Straßenverkehrsordnung müssen die sich schon bei zähfließendem Verkehr auf der ganz linken Spur nach links, sonst nach rechts orientieren. »Eigentlich ganz einfach«, sagt Gaidies. »Aber viele reagieren erst, wenn der Notarzt kommt und können dann nicht mehr rangieren.«

Andere Helfer zeichnen ein ganz ähnliches Bild. Eugen Wagner, Mitarbeiter eines Abschleppdienstes, der im Auftrag des ADAC unterwegs ist, sagt: »Die Autofahrer diskutieren mit uns, weil sie glauben, wir wollen uns vordrängeln.« Also machten sie bewusst die schon bestehende Rettungsgasse wieder zu. Oft rufen Wagner und seine Kollegen dann die Autobahnpolizei, um mit ihrer Hilfe zur Unfallstelle zu gelangen. Weitere Minuten, die vergehen – zum Frust aller, die im Stau stecken. »Bevor wir vorne nicht aufräumen, geht es hinten nicht weiter«, fasst es Wagner trocken zusammen.

 

Kampagne der Regierung

 

Ein weiteres Phänomen, das immer mehr Rettungskräfte beklagen, ist das sogenannte »Windschattenfahren«. Sobald ein Einsatzfahrzeug sich durch die Gasse geschlängelt hat, folgen ihm weitere Autofahrer. »Das passiert bei so gut wie jedem Unfall, sagt Wagner.

Damit das Thema »Rettungsgasse« Autofahrern bewusster wird, schlägt Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) vor, künftig mit den Staumitteilungen im Verkehrsfunk auf die Rettungsgasse zu verweisen. Auch die Hersteller von Navigationssystemen seien gefragt. »Mein Ziel ist es, dass die Rettungsgasse so selbstverständlich wird wie das Anschnallen«, sagt Grüttner. Die hessische Landesregierung informiert seit zwei Jahren mit Bannern, Flyern und Plakaten über die Notgasse. Zwar müssen Autofahrer, die eine Rettungsgasse blockieren, mit mindestens 20 Euro Strafe rechnen, doch häufig werden Schaulustige nicht gefasst. »Autofahrer werden auf der Gegenfahrbahn langsamer und filmen schamlos mit dem Handy aus dem Fenster den Unfallort«, berichtet Rettungsassistent Gaidies. Speziell für Rettungsgassen wird gerade über weitere Sanktionen beraten, das Bundesverkehrsministerium plant Strafen von bis zu 320 Euro. In Hessen waren bei der Zentralen Bußgeldstelle nach Angaben des Regierungspräsidiums Kassel seit Mitte Dezember vergangenen Jahres 18 Verfahren zum Thema Rettungsgasse anhängig.

Wie es geht? Ganz einfach: Bei einem Stau auf mehrspurigen Straßen sind alle Autofahrer verpflichtet, eine Rettungsgasse freizumachen. Sie ist immer zwischen dem linken und den übrigen Fahrstreifen zu bilden. Für Verkehrsteilnehmer gilt also: Wer auf dem linken Fahrstreifen unterwegs ist, weicht nach links aus. Auf den übrigen Fahrstreifen fährt man nach rechts. Wann und wo eine Rettungsgasse gebildet werden muss, regelt die Straßenverkehrsordnung. Demnach muss schon bei stockendem Verkehr die Bildung einer Gasse angestrebt und offen gehalten werden.

Meinung

Mit aller Härte

Die fehlende Rettungsgasse – ein Thema, das dieses Jahr immer wieder aus aktuellen Anlässen aufschlägt. In Radio, Fernsehen und Zeitung wird sie nicht nur regelmäßig beklagt, es wird im gleichen Atemzug auch wiederholt erklärt, wie man sie bildet. Und ganz ehrlich: Das ist nicht schwer.

Bleibt die Frage, warum es so oft nicht klappt. Liegt es nur an der Unwissenheit von manchem Fahrer oder an der Ungeduld? Aber ganz gleich, wie die Antwort auf das Warum ist: Wird keine Rettungsgasse gebildet, erhöht das die Gefahr für die Unfallopfer. Jeder, der dann im Stau steht, sollte einfach daran denken – und nicht, wie er am schnellsten weiterkommt. In einem solchem Moment ist es doch egal, ob man von der Warterei genervt ist oder einen Termin hat. Alles Dinge, die sich klären lassen.Hängt das Leben eines Menschen am seidenen Faden, ist es umso wichtiger, dass Notarzt und Rettungswagen schnellstmöglich am Unfallort ankommen.

Aber selbst wenn keine Lebensgefahr besteht, sollte das doch das oberste Ziel sein. Und da bedarf es einfach einer Rettungsgasse und vernünftigen Verhaltens aller anderen Fahrer. Im Windschatten eines Einsatzfahrzeuges zu fahren, ist eine Unverfrorenheit. Wer weiß denn, ob nicht noch mehr Helfer zum Unfallort müssen? Aber ganz gruselig sind die Gaffer, die oftmals nicht nur die Einsatzkräfte behindern und beschimpfen, sondern auch noch Fotos oder Videos vom Unfall machen. Warum? Aus Sensationsgier? Da kann man nur den Kopf schütteln. Je härter die Strafen für solche widerlichen Vergehen, desto besser. (Von Danica Rehder)

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