Schwimmkurs

Die Angst vor dem Abtauchen überwinden

In vielen Ländern gehört Schwimmen nicht zur Sozialisation. Die THM bietet daher einen Kurs für Anfänger an. Der richtet sich aber nicht nur an Ausländer.
14. November 2017, 14:00 Uhr
Danielle Motio und Robert Youke lernen im Westbad schwimmen. (Foto: chh)

Mittwochabend im Gießener Westbad: Eine Handvoll Menschen gleitet stoisch durch das Wasser. Kraulend oder auf der Brust, Bahn für Bahn. Doch in der linken Ecke hat sich eine Gruppe junger Leute versammelt, die dem Wasser deutlich skeptischer gegenübersteht. Bahnen ziehen? Sie wären schon froh, wenn sie sich über Wasser halten könnten. Denn die acht Männer und Frauen können nicht schwimmen. Zumindest noch nicht.

35 Zentimeter machen Unterschied

Die Technische Hochschule Mittelhessen bietet schon seit sieben Jahren einen Kurs für Nichtschwimmer an. In zehn Einheiten lernen die Teilnehmer die Grundkenntnisse und Bewegungsabläufe. Vor allem aber: Die Angst zu überwinden. Hilfe bekommen sie dabei von Leandra Bauer. »Heute wiederholen wir noch mal die Übungen vom letzten Mal, fangen mit dem Gleiten im Wasser an und wenn die Zeit noch reicht, üben wir den Brustbeinschlag«, sagt die 21-Jährige und blickt dabei in leicht verunsicherte Gesichter. Doch die Sorgen sind unbegründet. Bauer ist ausgebildete Rettungschwimmerin und war bei der Wasserwacht tätig. Die Nichtschwimmer sind also in guten Händen.

Ich habe als Kind versucht, Schwimmen zu lernen. Aber die Angst war zu groß

Robert Youke

Während die Kursteilnehmer ihre ersten Übungen machen, schreitet Bauer am Beckenrand entlang. Ihr fällt auf, dass die Studenten heute besonders verunsichert wirken. Dann blickt sie nach oben, verdreht die Augen und eilt kurz zum Bademeister. »Der Hubboden war nicht oben«, sagt Bauer nach ihrer Rückkehr und sieht zu, wie der Beckenboden langsam nach oben fährt. Die Nichtschwimmer lächeln erleichtert, eine jubelt sogar. »Jetzt ist das Becken nur noch 90 Zentimeter tief, vorher waren es 1,25 Meter«, sagt die Kursleiterin. Was 35 Zentimeter für einen Unterschied ausmachen können.

Immer weniger Grundschulkinder können richtig schwimmen

Bauer leitet den Kurs nun schon zum dritten Mal. »Bisher hatte ich noch nie einen Teilnehmer, der in Deutschland aufgewachsen ist. Es sind immer Leute mit ausländischen Wurzeln. In anderen Ländern wird Schwimmen häufig nicht in der Schule angeboten«, sagt die 21-Jährige. Doch auch hierzulande scheint die einstige Selbstverständlichkeit aus der Mode zu kommen. Laut der DLRG können immer weniger Grundschulkinder richtig schwimmen. 59 Prozent der Zehnjährigen seien keine sicheren Schwimmer, warnte der DLRG-Vizepräsident Achim Haag unlängst. Er bezog sich dabei auf die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage. Demnach besitzen nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen ein Jugendschwimmabzeichen.

Kein Schwimmunterricht

Danielle Motio ist vor sieben Jahren aus Kamerun nach Deutschland gekommen. Die 25-Jährige hat nie schwimmen gelernt. »Kamerun liegt zwar am Meer, aber ich komme aus dem Landesinneren. Und ich habe Schwimmen nie in der Schule gehabt. Ich habe es also nie gelernt«, sagt sie während einer Verschnaufpause am Beckenrand. Das will sie jetzt nachholen. Sie sei es Leid, im Freibad auf der Wiese bleiben zu müssen, während sich ihre Freunde durch einen Sprung ins Wasser Abkühlung verschafften. »Außerdem will ich jemanden retten können, wenn er in Not ist.«

Und nicht zuletzt ist sie neugierig. Sie will die Physik dahinter verstehen, wie die Kräfte wirken und wie man sie ausgleichen kann. Kein Wunder: Motio studiert Elektrotechnik. Und offensichtlich hat sie das Prinzip schon einigermaßen verinnerlicht. Die 25-Jährige stößt sich kräftig vom Beckenrand ab und gleitet durch das Wasser. »Sehr gut«, lobt Kursleiterin Bauer, »du musst nur die Beine zusammen lassen, sonst bremst das.«

Unheimliche Situation für den Schüler

Robert Youke ist noch nicht so weit. Der 33-jährige Kameruner klammert sich an das Schwimmbrett, die Finger bohren sich ins Styropor. Seine Füße sind gegen den Beckenrand gestemmt. »Und jetzt abstoßen«, sagt Bauer. Youke zögert. Doch dann stößt er sich von den Kacheln ab. Nach einem Meter schreckt er auf und versucht, Boden unter die Füße zu bekommen.

Er lacht, unheimlich ist ihm die Situation aber dennoch. »Ich habe als Kind versucht, Schwimmen zu lernen. Aber die Angst war zu groß.« Also mied Youke das Wasser. Bis jetzt. »Meine Kinder können schwimmen. Und ich will es mit ihnen zusammen machen.« Also krallt er sich wieder an den Beckenrand. Zeit für einen neuen Versuch. Damit er irgendwann mit seinen Kindern schwimmen kann. Ganz ohne Angst.

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