Bürgerbeteiligung

Lebenswertes Gießen ist nach schlechten Urteilen rehabilitiert

Die schlechten Urteile in einer Studie von Uni-Politologen haben die BI Lebenswertes Gießen geschockt. Nun gibt es eine geglättete Version. Diese sorgt aber für neuen Ärger.
14. November 2017, 06:00 Uhr

Von Burkhard Möller , 3 Kommentare
Die Veranstaltungen von Lebenswertes Gießen sind oft gut besucht. Weit über 100 Gießener informieren sich im Februar 2015 über die Pläne für die Bergkaserne. (Foto: mö)

Für Lutz Hiestermann und seine Mitstreiter aus dem Verein Lebenswertes Gießen war es wie ein Schlag in die Magengrube, als sie Anfang September aus einem GAZ-Artikel erfuhren, wie ihr Engagement von Politologen der Justus-Liebig-Universität bewertet wird (hier mehr dazu). In dem vom Magistrat der Stadt in Auftrag gegebenen Zwischenbericht zur Umsetzung der Gießener Bürgerbeteiligungssatzung war zu lesen, Vertreter des Vereins seien »hochmütig« und »anmaßend« und stünden in »Fundamentalopposition« zur Parteiendemokratie. Von »ehrabschneidenden« Formulierungen und einer »eklatante Rufschädigung« sprach der entsetzte Vorstand der BI. Seit einigen Tagen nun ist Lebenswertes Gießen rehabilitiert. In einer neuen Fassung der Studie sind die umstrittenen Passagen nicht mehr enthalten.

Strittige Passagen "geglättet"

Die Entwicklung hatte sich am Freitag angedeutet, nachdem die Universität eine kurze Pressemitteilung verschickt hatte. Darin wurde dem Team um Prof. Eike-Christian Hornig unter Bezugnahme auf die Ombudsperson der Universität bescheinigt, wissenschaftlich sauber gearbeitet zu haben. Der Ombudsmann, den die Unileitung nach der öffentlichen Kritik von Lebenswertes Gießen mit einer Überprüfung der Arbeit beauftragt hatte, habe den Autoren aber empfohlen, einige »strittige Passagen zu glätten«. Im Ergebnis sind alle Textstellen, in denen Vertreter von Lebenswertes Gießen charakterisiert bzw. bewertet wurden, verschwunden.

OB verweigerte Stellungnahme

Als die Studie im September im parlamentarischen Hauptausschuss diskutiert wurde, hatte Co-Verfasser Jan-Bernd Baumann diese Passagen noch verteidigt. Nach einem Jahr intensiver Beobachtung stehe den Autoren »eine Bewertung der Akteure zu«. Zuvor hatte der Stadtverordnete Michael Janitzki kritisiert, die Auswertung »strotzt vor unwissenschaftlichen Feststellungen«. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD), die den Bericht in Auftrag gegeben hatte, weigerte sich in der Ausschusssitzung, zu den Äußerungen über Lebenswertes Gießen Stellung zu beziehen. Sie sei »keine Zensurbehörde«, sagte die Rathauschefin und verwies auf die wissenschaftliche Freiheit.

Die erste Reaktion von Lebenswertes Gießen fiel am Montag keineswegs euphorisch aus. »Wir sind nicht erleichtert, sondern doch sehr verwundert über die Abläufe«, sagte Vorsitzender Lutz Hiestermann. Weder die Universität noch die Stadt hätten es für nötig befunden, Lebenswertes Gießen darüber zu informieren, dass es eine neue Fassung des Berichts gebe. »Wir erfahren alles aus der Zeitung oder durch Anfragen der Presse. Mit uns redet niemand«, erklärte Hiestermann.

Falsches Zitat korrigiert

Die Veröffentlichung einer überarbeiteten Fassung sei nur »ein erster Schritt, aber dieses Kapitel ist für uns noch nicht beendet«. So fehlten nach einer ersten öberflächlichen Lektüre weiterhin Quellenangaben zu Tatsachenbehauptungen, die den Verein betreffen. Auch dass ein Zitat aus der »Frankfurter Rundschau« in der ersten Version falsch wiedergegeben wurde und jetzt richtig, werfe die Frage auf, wie der Ombudsmann zum Ergebnis kommen könne, es sei wissenschaftlich sauber gearbeitet worden.

Dass die JLU den Verein nicht über das Ergebnis der Überprüfung in Kenntnis gesetzt hatte, obwohl Lebenswertes Gießen Unipräsident Prof. Joybrato Mukherjee angeschrieben hatte, erklärte Unisprecherin Lisa Dittrich: »Die Evaluation wurde von der Stadt in Auftrag gegeben. Damit obliegt ihr auch das Recht zur Veröffentlichung und Weitergabe. Es versteht sich daher von selbst, dass die überarbeitete Fassung zunächst der Oberbürgermeisterin zugestellt wurde.« Der Unipräsident werde den Verein über das Ergebnis noch informieren.

Auf der Homepage der Stadt standen am Montag übrigens noch beide Versionen: im Parlamentsportal die alte, im Bürgerbeteiligungsportal giessen-direkt die neue.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bürgerbeteiligung
  • Dietlind Grabe-Bolz
  • Justus-Liebig-Universität Gießen
  • Politikwissenschaftler
  • Prof. Dr. Joybrato Mukherjee
  • SPD
  • Vereine
  • Zitate
  • Gießen
  • Burkhard Möller
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
3
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 12 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.