»Raucherquote beträgt noch immer 33 Prozent«

Bei der »4. Konferenz zu Rauchen und Gesundheit« in Gießen beklagte der Präsident der »Deutschen Gesellschaft für Nikotin-und Tabakforschung« (DGNTF), der Gießener Gastroenterologe Prof. Hans-Ulrich Klör, am Freitag eine »unheilige Allianz zwischen Politik und Zigarettenindustrie«.
21. November 2010, 19:32 Uhr
Bilanzierte eine frustrierende Situation bei der Raucherentwöhnung: Prof. Klör.

Gießen (if). »Rauchen ist das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland«, konstatiert die Drogenbeauftragte der Bundesregierung im jüngsten offiziellen »Drogenbericht«. »In Deutschland«, so der Bericht weiter, »sterben 140 000 Menschen jedes Jahr vorzeitig an den direkten Folgen des Rauchens«. Allein die volkswirtschaftlichen Belastungen beliefen sich auf 18,8 Milliarden Euro pro Jahr, ergänzte dazu am Wochenende der Präsident der »Deutschen Gesellschaft für Nikotin-und Tabakforschung« (DGNTF), Prof. Hans-Ulrich Klör. »Doch was den Tabakkonsum und die Raucherentwöhnung angeht, ist die Situation bei uns nach wie vor frustrierend«, beklagte der Gießener Gastroenterologe vor Ärzten aus ganz Deutschland bei der »4.Konferenz zu Rauchen und Gesundheit« in der Kongresshalle: Maßnahmen und Empfehlungen der Raucherentwöhnung würden zu wenig gefördert. Dies sei nicht zuletzt einer »unheiligen Allianz« zwischen Politik und Zigarettenindustrie zuzuschreiben, die als Sponsor der Parteien auftrete, wie man bei jüngsten Parteitagen wieder habe beobachten müssen.

Während es dem britischen Gesundheitssystem gelungen sei, mit einem Aufwand von rund 50 Millionen Pfund die Raucherquote in wenigen Jahren von 25 auf 20 Prozent zu senken, rauchten in Deutschland nach wie vor 33 Prozent der Erwachsenen. Zwar seien durch gewisse Aktivitäten wie Nichtraucherinitiativen und Rauchverbote gewisse Fortschritte bei jüngeren Jahrgängen zu verzeichnen. Sie würden jedoch durch eine Zunahme der Raucherquoten bei den Vierzig- bis Sechzigjährigen und dabei insbesondere bei den Frauen kompensiert: »In wenigen Jahren werden wir es mit einer Lawine von hochbetagten Kettenrauchern samt einer Zunahme der chronischen Lungenerkrankungen zu tun haben.«

Skeptisch zeigte sich Klör bei der Begrüßung der Teilnehmer über den Erfolg der Anhebung der Zigarettensteuer. Die drastischen Hinweise zur Gefährlichkeit des Rauchens auf Zigarettenschachteln, wie die europäische Gemeinschaft sie fordere, seien noch immer nicht zu finden. Doch, so Klör, »wir werden von der EU dazu gezwungen werden«.

Unter Vorsitz von Prof. Norbert Thürauf kamen im Verlauf der zweitägigen Konferenz neue Erkenntnisse über die vielfältigen Wirkungen der Suchtsubstanz Nikotin auf das zentrale Nervensystem und den Hirnstoffwechsel zur Sprache, die im Universitätsklinikum Erlangen gewonnen worden waren. Danach wurden unter Vorsitz von Prof. Rainer Schiele, Direktor des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin des Klinikums der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Maßnahmen der betrieblichen Tabakentwöhnung erörtert. Abschließend gingen in der Podiumsdiskussion Dipl.-Ing. Karin Brösicke, Referentin der Bundesärztekammer, sowie Prof. Stephan Mühling, Leiter des Instituts für Klinische Psychologie der TU Chemnitz, und Dr. Sabina Ulbricht (Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Greifswald) auf Methoden und Fragen der möglichen Finanzierung der Rauchentwöhnung ein.

Nach Angaben im jüngsten Drogenbericht der Bundesregierung gibt es in Deutschland derzeit 33,9 Millionen Raucher. Aus einem auf zwei Jahren angelegten Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft, an dem - koordiniert durch den Direktor des Mannheimer »Instituts für seelische Gesundheit«, Prof. Ulrich Meyer-Lindenberg (früher Gießen) - an sechs Universitätsklinika insgesamt 5000 Probanden teilnahmen, erläuterte Dipl.-Psychologin Karin Reich (Erlangen) erste - bisher unveröffentlichte - Ergebnisse: Raucher gaben im Vergleich zu Probanden, die nie im Leben mit Nikotin in direkten Kontakt gekommen waren, mehr körperliche Beschwerden an. Sie klagten namentlich über Rückenschmerzen, Müdigkeit und Nervosität, zeigten eine geringere Stressresistenz und geringere kognitive Kontrolle. Dicker als die teilnehmenden Nichtraucher, deutete bei der körperlichen Untersuchung die Verteilung ihres Körperfetts auf ein erhöhtes kardiales Risiko hin. »Es ist nach unseren bisherigen Ergebnissen vor allem das familiäre Umfeld - ob die Eltern rauchen - das Nichtraucher zu Rauchern macht«, schloss Karin Reich. (Foto: Schepp)

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