Schlafstörung

Schüler schlafen schlecht

Wissenschaftler aus Gießen und Marburg schlagen Alarm: Sie haben festgestellt, dass drei von vier Schülern im Alter zwischen 15 und 22 Jahren unter Schlafmangel leiden. Ein Grund: Smartphones.
03. Januar 2018, 14:00 Uhr
75 Prozent aller jungen Menschen haben ein Schlafdefizit, sogar 85 Prozent werden morgens nur mit Wecker wach. »Das ist nicht gut«, sagen die Professoren Manfred Betz (Gießen) und Ulrich Koehler (Marburg), die eine aktuelle Schlafstudie verfasst haben. (Foto: dpa)

Der Wecker klingelt – und damit fängt das Problem an: 85 Prozent aller Schüler in Mittel- und Oberstufe werden morgens nicht von alleine wach. Sie müssen von einem Alarmton oder von Eltern geweckt werden. »Dadurch wird der Körper im Regenerationsmodus gestört«, sagt Prof. Manfred Betz von Fachbereich Gesundheit der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM).

Betz hat mit Prof. Ulrich Köhler, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums am Uniklinikum Marburg, 555 Schüler im Alter von 15 bis 22 Jahren untersucht. »Die Daten zeigen, dass viele junge Leute einen deutlichen Schlafmangel aufweisen«, mahnt Köhler an. Dies könne gefährlich sein, denn guter und erholsamer Schlaf sei elementar wichtig für Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Schüler befragt

Vor allem in der Pubertät haben Jugendliche ein massives Schlafdefizit. Das ließ sich auch bei den befragten Oberstufenschülern feststellen. Im Mittel schliefen diese während der Woche nur 6,52 Stunden. Nur jeder Fünfte fühlt sich morgens erholt und leistungsfähig. Drei Viertel wünschen sich, länger zu schlafen – ein Indiz für unzureichenden Schlaf. Rund 70 Prozent der Schüler fühlen sich tagsüber oft nicht ausgeruht.

Schüler mit schlechtem Schlaf spüren öfter Zeitdruck, fühlen sich überlastet und erleben weniger soziale Unterstützung als gute Schläfer, sagen Betz und Köhler. Eine weitere Ursache für schlechten Schlaf seien Smartphones: Denn Schüler mit schlechtem Schlaf nutzen ihr Smartphone im Schnitt 181 Minuten am Tag – und damit fast eine Stunde länger als gute Schläfer (125 Minuten). »Digitale Medien sind ein Riesen-Problem für gute Schlafqualität«, sagt Betz.

Digitale Medien sind ein Riesen- problem für gute Schlafqualität

Prof. Manfred Betz

Wenn Jugendliche ihr Smartphone mit ins Bett nehmen und vor dem Einschlafen noch lange bei WhatsApp oder in Netzwerken nachschauen, ob sie möglicherweise etwas verpassen, sei dies für guten Schlaf hinderlich. Vor allem deshalb, weil Handy-Displays einen sehr hohen Anteil an Blaulicht haben. Dadurch werde das natürlich vorhandene Licht, das die Müdigkeit und die Schlafeinleitung weitgehend mit steuere, ausgehebelt. Kaminfeuer beispielsweise sei eine warme, rote Lichtquelle, die den Schlaf eher fördere.

Schlechter und zu kurzer Schlaf bedeute für Jugendliche einen großen Nachteil. »Denn Schüler, die ausreichend und gut schlafen, sind gesünder und leistungsfähiger als Gleichaltrige mit zu wenig und schlechtem Schlaf«, sagt Betz. Viele Krankheiten hätten unmittelbar mit schlechtem oder zu wenig Schlaf zu tun.

»Die Reizüberflutung ist ganz sicher ein Problem für die Schüler. Handy und soziale Medien rauben Konzentrationskraft«, sagt Werner Nissel, Leiter der Ricarda-Huch-Schule. An der Liebigschule haben in der sechsten Klasse 29 von 30 Schülern ein Smartphone. Ähnlich sieht es an der Gesamtschule Ost aus.

Zocken und chatten

»Seit es Smartphones gibt, merke ich eine deutliche Veränderung im Unterricht. Früher hat die Leistungsfähigkeit der Schüler zum Wochenende hin etwas nachgelassen. Heute ist dagegen vor allem der Montag schlimm: Da sind die Schüler sehr müde und unkonzentriert«, erklärt Lutz Schäfer, seit über 20 Jahren Gymnasiallehrer an der Ostschule. Viele Jungs zocken, viele Mädchen chatten am Wochenende im Dauermodus. Zudem bergen Streaming-Dienste wie Netflix hohe Suchtgefahr – dort schauen sich manche Schüler ganze Serienstaffeln am Stück an, weil sie wissen wollen, wie es weitergeht.

Die Konsequenz: Einige Schüler kommen montags gar nicht aus dem Bett und gehen nicht zur Schule. »Die Zahl der Schulabstinenzen hat zugenommen. In vielen Klassen fehlen fast 20 Prozent«, weiß Schäfer, der als Lehrerausbilder an rund 50 weiteren Schulen Unterrichtsbesuche durchführt. Vor allem im Winter sei die Müdigkeit extrem.

Zusatzinfo

Wie man guten Schlaf erkennt

Um herauszufinden, ob man genug Schlaf mit ausreichender Qualität hat, sollte man sich zwei Fragen stellen, rät Schlafforscher Manfred Betz: Fühle ich mich morgens fit und leistungsfähig? Werde ich von alleine wach oder brauche ich einen Wecker? Wenn man sich nach dem Wachwerden noch müde fühlt und ohne Wecker nicht wach wird, deute dies auf ein Schlafdefizit hin. »Je jünger man ist, desto mehr Schlaf benötigt man«, sagt Betz. Grundschüler sollten etwa 9 bis 11 Stunden schlafen, Mittelstufenschüler etwa 8 bis 10 Stunden und Oberstufenschüler rund 8 bis 9 Stunden. »Zu kurz schlafen ist aber ebenso schädlich wie zu lange schlafen«, sagt Betz. Tagsüber Bewegung und Aktivitäten – am besten an der Luft – können Schlafqualität verbessern.

Einige Eltern haben deshalb bei ihren Kindern das Smartphone aus dem Schlafzimmer verbannt. »An Schultagen bleibt das Handy ab 22 Uhr in der Ladestation im Wohnzimmer«, sagt die Mutter eines 17-jährigen Liebigschülers. Seien die Kinder aber volljährig, werde es schwieriger, ihnen Vorschriften zur Smartphone-Nutzung zu machen.

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