Tätowierer

Vom Arschgeweih zur Kunstform

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet Friedrich Übler als Tätowierer in Gießen. Seine Kunden kommen von weit her – und lassen sich oft von seinen Ideen überraschen.
12. Januar 2018, 11:00 Uhr

Von Jonas Wissner , 1 Kommentar
Friedrich Übler trägt seine Tattoos mit Stolz. (Foto: Schepp)

Ganz ausgedient hat das »Arschgeweih« offenbar noch nicht. Hin und wieder wird auch Friedrich Übler mit diesem Kundenwunsch konfrontiert, der in den 90er-Jahren der letzte Schrei war, inzwischen aber eher als kuriose Modesünde verschrien ist. »Ich selbst steche es nicht, aber das muss jeder selbst wissen.«

Seit zweieinhalb Jahren ist Friedrich Übler als selbstständiger Tätowierer tätig, arbeitet im Tattoo-Studio »Clownfish«. Zuvor hatte er als Koch seine Brötchen verdient, doch die Arbeitszeiten wollte er auf Dauer nicht mehr in Kauf nehmen. Der schon immer künstlerisch Interessierte entschied sich, die Branche zu wechseln. Inzwischen hat er sich überregional einen Ruf erarbeitet.

Es wird wohl kaum einen professionellen Tätowierer geben, dessen Körper keine Kunst ziert. Auch Übler erinnert sich genau daran, wie er sich mit 18 Jahren für ein erstes Motiv entschied. »Beim ersten Mal ist man schon noch sehr aufgeregt, wenn man in das Studio kommt, aber es macht auch schnell ein bisschen süchtig«, sagt der 28-Jährige. »Mittlerweile möchte ich eher die kleinen Lücken füllen, die ich noch habe.«

Tätowierungen gehören in vielen Kulturen seit Jahrtausenden dazu. Selbst der Ötzi hatte überall Tattoos

Friedrich Übler

Üblers erstes Tattoo auf dem eigenen Körper: Der Slogan »Eternal devotion« auf der Brust. »Ewige Hingabe, das bedeutet für mich, vollen Einsatz zu zeigen bei dem, was man tut«, sagt Übler. »Das hat für mich noch immer große Bedeutung.« Wie viel Herzblut und Arbeit in seinen Werken steckt, kann man schon auf den ersten Blick erahnen: Übler hat eine eigene künstlerische Handschrift entwickelt, seine Spezialität sind ausgefeilte Motive im Stil der »Neo-Traditionals«. Häufig sind es düstere Tiermotive mit gekonnten Farbverläufen und Details, auch die Linienstärke variiert.

Sieben Sitzungen waren nötig, bis Übler dieses »Backpiece« vollendet hatte. 	(Foto: pm)
Sieben Sitzungen waren nötig, bis Übler dieses »Backpiece« vollendet hatte. (Foto: pm)

Viele Kunden kommen aus deutschen Großstädten oder gar aus dem Ausland, um sich von dem gebürtigen Leipziger tätowieren zu lassen, manche auch mehrmals. Kürzlich hat Übler ein Motiv umgesetzt, das den kompletten Rücken der Kundin bedeckt. Sieben Sitzungen waren dafür nötig. Generell, sagt Übler, hielten Frauen den leichten Schmerz beim Tattoo-Stechen nach seiner Erfahrung besser aus als Männer.

Vorlieben wandeln sich

Modische Trends, Vorlieben der Kunden wandeln sich, wie Übler berichten kann. »Black Work« sei derzeit bei vielen gefragt, also große, massive Motive, in denen schwarze Flächen viel Raum einnehmen. Ein weiterer Trend: »Handpoking«, eine Technik, bei der der Künstler die Farbe mit einer Nadel unter die Haut bringt, statt eine Tattoo-Maschine zu benutzen. Er selbst wendet diese Technik nicht an, und auch bei der Auswahl von Motiven erfüllt Übler nicht alles, was sich ein Kunde vorher ausgemalt hat. »Ich tätowiere nur das, was ich selbst auch schön finde. Ich muss es ja auch verantworten, wenn jemand damit rumläuft.«

»Eine Tätowierung muss großzügiger aufgebaut sein als eine Zeichnung«, gibt Übler Einblick in sein »Handwerk«, wie er es selbst bezeichnet. Im Gegensatz zu »toten« Untergründen wie Leinwand oder Papier wandelt sich die menschliche Haut stetig, das muss ein Tätowierer bei der Planung bedenken. »Die Farbpigmente verändern sich mit der Alterung der Haut, die Linien werden breiter, das Tattoo verblasst«, erklärt Übler.

Manche Kunden wünschten sich winzige Motive, etwa auf den Fingern, das sei oft schwierig. Die Platzierung des Motivs sei ein zentraler Punkt. Es gelte, die passende Stelle und Größe zu finden, damit das Werk möglichst gut zur Geltung kommt und der Kunde es auch Jahre und Jahrzente später noch gern tragen kann.

Formale Ausbildung gibt es nicht

Mancher Tätowierer übt an Schweinehaut, bevor er sich an Menschen versucht. Übler ist Vegetarier, für ihn kam das nicht infrage. Er startete einst im Selbstversuch. Bis er sich selbst guten Gewissens Tätowierer nannte, hat es gedauert. Man müsse Respekt vor dem Handwerk haben. Eine formale Ausbildung für Tätowierer gebe es nicht – und ausgelernt habe man in dieser Branche ohnehin nie, es gebe immer noch etwas zu verbessern: »Man sollte nie fertig sein, es ist ein stetiger Prozess.«

Oftmals werden Üblers Kunden über Instagram auf ihn aufmerksam, dort präsentiert er eine Auswahl seiner Werke. Viele vertrauen seiner Kreativität: »Meist haben die Kunden eine Idee und ich entwickle sie weiter.« Wie genau das neue Tattoo dann aussehen wird, erfahren sie macnhmal erst beim Besuch im Studio.

Was sollten Tätowierwillige beachten, bevor sie sich für ein Studio entscheiden? Die Hygiene sei ein wichtiger Punkt, aber auch die Ausrichtung des Anbieters. »Man sollte sich einen Tätowierer aussuchen, von dem einem möglichst viele Arbeiten gefallen«, rät Übler.

Erstes eigenes Tattoo mit 18

Dass ein Tattoo seinem Träger irgendwann nicht mehr gefällt, lässt sich natürlich nie ganz aussschließen. Doch das »Covern«, also das Überdecken mit neuen Tattoos, sei oft nicht so einfach, wie Kunden es sich vorstellen. So muss das überdeckende Motiv immer größer sein als das ursprüngliche, auch der Schwarzanteil spielt eine Rolle. In manchen Fällen bleibe nur die Möglichkeit des Laserns. Übler empfiehlt generell, sich nicht zu früh tätowieren zu lassen, lieber etwas abzuwarten. Er hatte sein erstes Tattoo mit 18, auch im Studio »Clownfish« arbeite man nur mit erwachsenen Kunden.

Der gesellschaftlichen Schmuddelecke ist das Tätowieren längst entkommen und zu einem gängigen Trend, zur ausgefeilten Körperkultur geworden. »Es sind nicht mehr nur die Kriminellen oder Ausgegrenzten, sondern es ist mittlerweile in der Gesellschaft akzeptiert«, sagt Übler. »Tätowierungen gehören in vielen Kulturen seit Jahrtausenden dazu. Selbst der Ötzi hatte überall Tattoos« , sinniert er. »Wenn Tattoos gut gestochen und ästhetisch sind, hat es auch nicht den leicht asozialen Touch, mit dem das lange verbunden war.« Das sich das Image so weit geändert hat, ist nicht zuletzt versierten Haut-Künstlern wie ihm zu verdanken.

Zusatzinfo

Tattoo-Messe am Wochenende

Am Wochenende findet erstmals eine Tattoo-Convention in Gießen statt. Am Samstag und Sonntag (jeweils ab 11 Uhr) können Interessierte sich in den Hessenhallen informieren, auch Tattoo-Wettbewerbe und Bühnenshows stehen auf dem Programm. Tickets: 10 Euro. Weitere Informationen unter www.die-tattooconvention.de.

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