Von Cavalli bis Korngold

08. Oktober 2017, 18:47 Uhr
Vertieft in Mozarts Konzertarie »Ch’io mi scordi di te«: Sora Winkler. (Foto: rw)

Dass die Reihe »Operissimo« inzwischen zum beliebten Selbstläufer geworden ist, bestätigte sich am Freitagnachmittag im Stadttheater auf hohem künstlerischem Niveau. Stühle mussten herbeigebracht werden, um das vollbesetzte Obere Foyer zu erweitern. Ohrenschmaus stand an: Ein Querschnitt durch 400 Jahre Operngeschichte mit ausgesuchten Stücken aus dem 17. bis 20. Jahrhunderts setzte Emotionen bei Interpreten und Publikum frei. Mit der kundigen Moderation von Musikdramaturg Matthias Kauffmann ließ sich das Publikum eine gute Stunde von fünf Sängern und Sängerinnen des Hauses fesseln. Evgeni Ganev am Flügel ersetzte oft ein ganzes Orchester mit souveräner Routine und Virtuosität.

Expressiv deklamierend bot der Tenor Shawn Mlynek das Lamento »Lasso io vivo« aus Francesco Cavallis »L›Egisto«. Der Komponist (1602-1676), Schüler des »Vaters der Oper« Claudio Monteverdi, vermittelt hier seelische Zustände in schmerzvollem Moll. Nicht weniger dramatisch gestaltete sich der Schritt ins 17. Jahrhundert: Sora Winklers Darbietung suggerierte innere Aufgewühltheit in Wolfgang Amadeus Mozarts Konzertarie »Ch’io mi scordi di te«. Ihr Mezzosopran hat seit dem bezaubernden Debüt als Cherubino an Fülle gewonnen. Die von Kauffmann als neoklassisch bezeichnete, von »Cosi fan tutte« inspirierte Oper »The Rake’s Progress« von Igor Strawinsky führte ins 20. Jahrhundert, und Shawn Mlynek konnte seine Flexibilität in den harten Synkopen strawinskyscher Tonkunst zeigen. Von Ganev mit einem Tastenfurioso eingeleitet, sang Ayano Matsui mit klarem, passend knabenhaft gefärbtem Mezzosopran die koloraturenreiche Arie des Ruggiero »Sta nell‹ ircana pietrosa tana« aus Händels »Alcina«.

Ganz andere Farben verströmt die Musik von Erich Wolfgang Korngold: Der Arie »Mein Sehnen, mein Wähnen« aus seiner Oper »Die tote Stadt« in schwelgerischem ¾-Takt verlieh Chul-Ho Jangs warm getönter Bass traumverlorenen Charakter. Zwei Mal kam Olga Vogts russische Schulung authentisch zur Geltung – in einer Arie aus »Der steinerne Gast« des hierzulande kaum bekannten Wagner-Zeitgenossen Alexander Dargomyschski. »Es hüllt sich in Nebel Grenada« im beschwingt-tänzerischen Duktus folgte ihre Schicksalsstunden-Interpretation aus Tschaikowskis »Jungfrau von Orleans« mit düster-dramatischen Eruptionen. Chul-Ho Jangs herzergreifend umgesetzte Eifersuchtsszene des Renato aus Verdis »Maskenball« rundete mit effektvollem Gefühlsausbruch ein intensives Erlebnis ab. Großer, herzlicher Beifall!

Die Publikumsnähe wurde noch größer, als Intendantin Cathérine Miville hinzutrat, denn die Verabschiedung eines langjährigen, hochverdienten Ensemblemitglieds des Musiktheaters war angesagt. Monica Musteanu, Sopranistin des Theaterchores, bekam neben Blumen auch ein Geburtstagsständchen mit Kanon geschenkt: Chordirektor Jan Hoffmann dirigierte diesmal das Publikum mit »Viel Glück und viel Segen« für die neue Ruheständlerin.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Cathérine Miville
  • Claudio Monteverdi
  • Emotion und Gefühl
  • Emotionen und Gemütszustände
  • Oper
  • Operngeschichte
  • Renato
  • Sänger
  • Wolfgang Amadeus Mozart
  • Gießen
  • Dr. Olga Lappo-Danilewski
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.