Hinter Gittern

JVA Gießen: Ein Imam reicht nicht mehr

Zwei Drittel Strafhaft, ein Drittel U-Haft – das war einmal. Momentan ist die Aufteilung der Gefangenen in der JVA Gießen genau anders herum. JVA-Boss Lesser nennt die Gründe.
20. März 2017, 14:00 Uhr
Martin Lesser arbeitet hinter Gittern: Das Büro des JVA-Leiters befindet sich unmittelbar neben einem Zellentrakt. (Foto: Schepp)

Wenn am Sonntag christliche Gefängnisseelsorger zum Gottesdienst bitten, ist der große Mehrzweckraum meist nur halb gefüllt. Kommt aber montags der Imam, herrscht großes Gedränge im kleinen Saal. Das liegt daran, dass der Ausländeranteil unter den Untersuchungsgefangenen hoch ist. Das wiederum hängt mit dem Ansturm von illegalen Einwanderern und Asylbewerbern zusammen. Wenn die – wie häufig am Bahnhof – ohne Papiere erwischt werden oder gegen Aufenthaltsvorgaben verstoßen haben, wandern sie rasch in Untersuchungshaft. Auch bei einfachem Diebstahl haben die Richter weniger Bedenken als früher, eine vorläufige Inhaftierung anzuordnen.


Kein Imam von Ditib-Gemeinde mehr

Auf diese Entwicklung und den hohen Anteil an Muslimen hat das Justizministerium im Hinblick auf die Seelsorge reagiert. Während früher ein Imam von der hiesigen Ditib-Gemeinde ins Haus kam, der kein Deutsch konnte, ist seit Anfang 2016 ein vom Land angestellter Imam tätig, der Arabisch und Deutsch spricht. Der Seelsorger hat zugleich den Auftrag, sich um die Belange der Muslime zu kümmern.

»Eigentlich reicht dafür ein Imam nicht aus«, meint JVA-Chef Martin Lesser, der sich Verstärkung wünscht. Auch wegen der Ungleichbehandlung gegenüber den Christen, deren Anteil unter den Häftlingen abnimmt. Für sie stehen aber ein evangelischer und katholischer Seelsorger mit jeweils einer halben Stelle zur Verfügung. Eine langfristige Planung ist allerdings schwierig. Denn fast täglich ändert sich die Zahl der Häftlinge. Nachdem die Untersuchungshaftanstalt Frankfurt I belegt war, lebten Anfang des Jahres zeitweise ausschließlich Untersuchungshäftlinge an der Gutfleischstraße. Wobei darunter auch Strafgefangene fallen, die verurteilt sind, aber Berufung eingelegt haben. Am Donnerstag vergangener Woche waren es 87 U-Häftlinge und 16 Strafgefangene.


Hohe Fluktuation

Problematisch ist auch, dass für die vielen Untersuchungshäftlinge keine sozialtherapeutische »Behandlung« vorgesehen ist, weil sie zunächst als unschuldig gelten. Ansonsten gibt es für alle Gefangenen Beschäftigungsangebote, die für einen geregelten Tagesablauf sorgen sollen. Sie reichen von der Mitarbeit bei der Gebäuderenovierung und in der Küche über Deutschkurse und soziales Training bis zur sportlichen Betätigung und dem regelmäßigen Auftritt von Musikgruppen.

Das alles dient dem Ziel, die Gefangenen auf ein eigenständiges Leben in Freiheit vorzubereiten. Die Fluktuation an der Gutfleischstraße ist hoch: »Im Laufe eines Jahres laufen etwa 1400 Menschen durch«, schätzt Martin Lesser, der seit 2006 die Gießener JVA leitet. Dieser ständige Wechsel bedeute, dass sich Sozialarbeit und Vollzugsdienst immer wieder auf neue Charaktere einstellen müssen. Im Sinne einer langfristigen Betreuung wäre es dem 63-jährigen Juristen lieber, wenn sich der Anteil der Strafgefangenen wieder deutlich erhöht.

Info

Justizvollzugsanstalt Gießen

Die JVA Gießen war lange Außenstelle der JVA Butzbach. Seit 1995 ist sie selbstständig. Der Komplex hat Platz für 128 Gefangene, momentan sind es wegen Bauarbeiten nur 119. Die meisten Zellen sind für eine Einzelunterbringung vorgesehen, auf die jeder Häftling Anspruch hat. Ein kleiner Teil erlaubt eine Zwei-Mann-Belegung. Dazu kommt der offene Vollzug im benachbarten Wolfgang-Mittermaier-Haus mit 70 Plätzen. Davon sind im Schnitt 50 belegt, zurzeit 34. Die Häftlinge werden von rund 100 Beschäftigten betreut. 69 davon arbeiten im Vollzugsdienst, der Rest verteilt sich auf Verwaltung, Sozialarbeit und Seelsorge. Hessen hat 17 Justizvollzugsanstalten; die größte mit rund 900 Plätzen ist Weiterstadt, die kleinste mit 57 Limburg.

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