Musik mit Überraschungs-Hai

Moritz Eggert firmiert als Allroundtalent. Er ist Komponist, Pianist und Dirigent in Personalunion. Im Stadttheater spricht er beim Sinfoniekonzert oft mit dem Publikum. Verschmitzt wirkt er dabei auch noch.
12. April 2017, 19:36 Uhr
Hat den Schalk im Nacken: Komponist, Pianist und Dirigent Moritz Eggert. (Agenturfoto)

Seine Vorliebe für ausgefallenes Schuhwerk verrät ihn sofort. Auch wenn er diesmal einen unauffälligen grau-braunen Knitteranzug trägt, geben seine exaltierten rot-weiß-grünen Schuhe Auskunft darüber, dass es sich bei ihrem Träger um den Komponisten, Pianisten und Dirigenten Moritz Eggert handelt. Steht er im Stadttheater zum Sinfoniekonzert bereit, steckt der Abend voller Überraschungen. Das liegt zum einen an Eggerts eigenen Werken, die bisweilen verwundern, und zum andern daran, dass er sein Programm mit kleinen Juwelen auffüllt, die es sonst nur selten zu hören gibt.

So soll auch der Dienstagabend sein, als Eggert den ersten Konzertabschnitt mit zwei eigenen Arbeiten bestreitet, ehe nach der Pause Filmkomponist Bernard Herrmann und Neue-Musik-Ikone Igor Strawinsky in Bann ziehen wollen. Eggert moderiert im verschmitzten Plauderton und zeigt mithilfe von Dias Hintergründiges zum jeweiligen Werk. Es geht ihm um die Liebe. Mehr oder weniger.

Beim herzschmerzigen »Si dolce è il Tormento« nach Claudio Monteverdi steht Grga Peros auf der Bühne. Die Uraufführung spielt mit den Takten und lässt den neuen Hausbariton immer wieder gegen den Rhythmus ansingen, den das Philharmonische Orchester Gießen unter Eggerts Stabführung konsequent beibehält. Das Stück verlangt Peros viel Konzentration ab. Das Publikum belohnt ihn mit reichlich Applaus.

Höhepunkt des Abends ist Eggerts Konzert für Klavier und Orchester mit dem Titel »I won’t find another you«, ein Hybrid aus Tastenreichtum, Gesangsnummer und Variationszyklus. Bei der deutschen Erstaufführung sitzt nicht der Komponist selber an Flügel, E-Piano und kindgerechtem Toy-Klavier. Den Part an den Tasten übernimmt Pianist Moritz Ernst, Eggert muss den auf mehr als 50 Musiker angewachsenen Orchesterapparat auf Kurs halten, E- und U-Musik verschmelzen – und die Melodie singen.

Bei seinem Klavierkonzert handelt es sich um »einen sehr langen Satz«, warnt der 51-Jährige das Publikum, damit niemand auf die Idee kommt, aufs Klo zu müssen. »Der Satz dauert so ungefähr 43 Minuten.« Eggert erzählt, wie er zu der Arbeit inspiriert wurde. Beim Besuch des Chemnitzer Theaters setzte er sich an ein verstimmtes Harmonium und schrieb einen Pop-Song: »I won’t find another you«. Wieder zu Hause, spielte er den Titel seiner Frau vor. Die sagte: »Na ja.« Jahre später machte Eggert aus »I won’t find another you« sein durchaus parodistisch zu nennendes Klavierkonzert. Man solle sich, rät der Klangkünstler zu Beginn, eine Reise vorstellen.

Auf dieser Reise geht es rhythmisch vertrackt zu. Schwer zu sagen, was Absicht oder Zufall ist. Pianist Ernst spielt hin und wieder im eigenen Tempo, während das Orchester in seinen oft flirrenden Gefilden stets etwas langsamer agiert als der vom Tastenvirtuosen ab und an für zwei Sekunden aktivierte Schlagzeug-Sampler. Musikalisch erinnert das treibende Stück an einigen Stellen an Ennio Morricone und Neil Young. Auch das Eggert-Vorbild Keith Emerson kommt zum Zug, wenn Ernst zu seiner Linken und zu seiner Rechten gleichzeitig auf E-Piano und Flügel einhämmert. Und einmal rauscht es, als handele es sich um kindgerechte Unterwasserklänge – mit Überraschungs-Hai.

Moritz Ernst gewährt zwei Zugaben. Ein Prelude von Debussy sowie die Sarabande aus Rameaus a-Moll-Suite. Bernard Herrmann sorgt nach der Pause für Filmmusikspannung mit seiner dreisätzigen »Vertigo«-Suite, die vom Orchester meisterhaft eingefangen wird, während Strawinskys »Pulcinella«-Suite für Kammerorchester den stimmigen, aber keineswegs faszinierenden Schlusspunkt unter einen ungewöhnlichen Konzertabend setzt.

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