Bergkaserne

»Nazimonument« wird zum Puzzle

Das Soldaten-Relief an der Bergkaserne besteht aus 500 Einzelteilen. Jetzt wird das Kulturdenkmal restauriert. Aber nicht jedem gefällt das.
12. Oktober 2017, 06:00 Uhr
Jede Kachel des Reliefs wird fotografiert und nummeriert. (Foto: mö)

Ein Fotoapparat, Bildausdrucke und Sprühfarbe: Fertig ist das Sanierungs-Puzzle, das seit einigen Tagen an einer Mauer an der Licher Straße gespielt wird. Nach vielen Ankündigungen wird jetzt nämlich das denkmalgeschützte Soldaten-Relief am Haupteingang zur früheren Bergkaserne restauriert. Nicht vor Ort wohlgemerkt, sondern in den Werkstätten der renommierten und bundesweit agierenden Restaurierungsfirma Nüthen mit Hauptsitz in Erfurt.

Zwei Arbeiter sind seit Anfang der Woche damit beschäftigt, die insgesamt rund 500 Kacheln des Reliefs von der Mauer abzunehmen, zu beschriften und zu verpacken. In der Werkstatt werden sie dann gesäubert und ausgebessert. Vermutlich im kommenden Jahr wird das Relief dann wieder an dem verbliebenen, etwa 50 Meter langen Stück der alten Kasernenmauer angebracht. Zuvor saniert die Firma auch die schadhaften Mauerteile. Es ist eine akribische Arbeit mit Fotodokumentation, Durchnummerierung der Kacheln und Lagerung auf kleinen Transportpaletten. »Es soll ja kein Durcheinander geben«, sagt einer der beiden Arbeiter.

Neuschwanstein als Referenz

Für das in Fachkreisen bekannte Unternehmen ist das Gießener Projekt ein vergleichsweise kleines Vorhaben. In der Referenzliste der Firma stehen touristische Hotspots wie Schloss Neuschwanstein, das Niederwalddenkmal über Rüdesheim, das Leipziger Völkerschlachtdenkmal oder das Koblenzer Schloss Stolzenfels. »Erhaltung und Pflege historischer Werte«, lautet das Credo von Nüthen.

Über den historischen Wert des Reliefs an der Straße »An der Kaserne« wurde in Gießen freilich immer wieder diskutiert und gestritten. Farbschmiereien wie »Blöder Nazi-Kram« geben einen Hinweis auf die Debatte. Kritiker sprechen von einer Darstellung, die typisch sei für die »Blut- und Boden-Ideologie« der Nationalsozialisten. 2011 forderte die Linksfraktion im Stadtparlament sogar die Entfernung des »Nazimonuments«. Oberbürgermeisterin und Kulturdezernentin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) wies die Forderung damals als »geschichtslos« zurück. Das Kunstwerk sei vom hessischen Landesamt für Denkmalpflege auch und vor allem als Kulturdenkmal eingestuft worden, weil es das Verständnis für die Zeit des Nationalsozialismus fördere, argumentierte die OB. Die städtische Denkmalschutzbehörde und Vertreter des Oberhessischen Geschichtsvereins hatten wiederholt eine Sanierung des vom Verfall bedrohten Reliefs angemahnt.

Darstellung »typisch für die Zeit«

Der Text der auf der Mauer angebrachten Infotafel des stadtgeschichtlichen Lehrpfads »Gießen historisch« ist nüchtern gefasst. Das vom Gießener Bildhauer Carl Bourcarde gefertigte und Mitte der 1930er Jahre angebrachte Relief sei »typisch für die Zeit: Arbeit und Familie werden von Soldaten bewacht«.

Die Kosten der Restaurierung belaufen sich dem Vernehmen nach auf gut 100 000 Euro, die die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben trägt, die der Stadt zudem Kosten für die künftige Bauunterhaltung erstatten muss. Außer dem Relief und einigen, vom Zoll genutzten Gebäuden erinnern auf dem Areal nur noch das nach wie vor ungenutzte Wachgebäude und ein restauriertes Zaunelement an die Nutzung durch das Militär, das dort seit 1887 stationiert war. Als letzte Einheit räumte vor elf Jahren des Verteidigungsbezirkskommando 47 der Bundeswehr die Bergkaserne.

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