Alsfeld

Kirche setzt Wort Gottes gegen »Wunderheiler« in Alsfeld

08. November 2011, 17:43 Uhr
Gegen das Heilsverpsprechen der Geistheilungstage richten sich Transparente von Schülern der Max-Eyth-Schule auf Initiative der evangelischen und katholischen Gemeinde.

Alsfeld (jol). »Wir sind nicht mehr im Mittelalter«, entfährt es Dekan Jerzy Dmytruk in dem Gespräch über die Geistheilungstage am Wochenende in Alsfeld. Zu glauben, dass ein Mensch durch einige Sekunden im Angesicht eines Wunderheilers tatsächlich von einer Krankheit geheilt wird, hält der Geistliche in unserer aufgeklärten Zeit für abwegig. Sie nehmen die Menschen ernst, die in ihrer Not zu den Geistheilungstagen kommen, lehnen aber Heilungsversprechen und Geschäftemacherei der Veranstalter ab. Das evangelische und das katholische Dekanat machen mobil gegen die Geistheilungstage, die von Donnerstag bis Sonntag 5000 Menschen anziehen sollen. Dabei halten die Dekane Dr. Jürgen Sauer und Dmytruk Spontanheilung für möglich, aber das geschehe direkt zwischen Mensch zu Gott, nicht durch ein Medium. Sie laden zu Seelsorger-Gesprächen in Kirchen und einen Info-Abend am Donnerstag ein.

Mit großen Transparenten an den Zufahrtsstraßen und Flyern in allen Hotels der Stadt weisen die Kirchengemeinden auf ihren Protest gegen die Geistheilungstage hin. Der richtet sich aber nur gegen die Veranstalter, nicht gegen die Menschen in Not, die ihre Hoffnung in Joao de Deus setzen. Die Aktion »Heil ist mehr als nur gesund« besteht aus drei Teilen: Öffentlichkeitswirksame Transparente der Schüler, ein Info-Abend am Donnerstag mit dem Psychologen Dr. Michael Utsch »Geistiges Heilen: Alternative zur Schulmedizin oder Scharlatanerie?«, Gemeindehaus Am Lieden 4 um 20 Uhr sowie die Gesprächsangebote in den Kirchen: In der Walpurgiskirche am Marktplatz an Donnerstag und Samstag 12-14 und 17-20 Uhr, in der katholischen Kirche Christ-König, Schellengasse 26, ganztägig.

Dr Jürgen Sauer wendet sich besonders gegen die »Verfügbarkeit von Heilung und Gesundheit«. Da werden Hoffnungen geweckt, die nicht erfüllt werden können, so der evangelische Dekan. Die Kirchen wenden sich an die Besucher mit ihren Nöten, die Kritik richtet sich gegen die Veranstalter. Bereits nach der vorherigen Veranstaltung mit Joao de Deus vor Jahren in Alsfeld hätten sich Menschen an die Kirche gewandt, krank und enttäuscht. Spontanheilungen »sind nicht auszuschließen«, aber sie so zu versprechen sei Augenwischerei.

Ralf Müller, Bildungsreferent des evang. Dekanats, hat sich intensiv in die Literatur des Veranstalters Earth Oasis eingelesen und vermisst wissenschaftliche Untersuchungen zu den behaupteten Heilungen. »Da geschieht eine typische Legendenbildung.« Es gehe vor allem ums Geschäft, bei 5000 erwarteten Besuchern geht es um über 500000 Euro Einnahmen. Das Konzept sei problematisch: Geistheiler gehen davon aus, dass Krankheiten Strafe für Verfehlungen in früheren Leben sind. Das kommentierte Jerzy Dmytruk mit dem Hinweis, »wir sind nicht mehr im Mittelalter«, auch wenn es christliche Gruppen gebe, die mit Gebeten Heilung bewirken wollen. Im Gegensatz dazu waren sich Dymytruk und Dr. Sauer einig, dass Heilung zwar im Gebet geschehen kann, im Mittelpunkt stehe aber der Kontakt zwischen Mensch und Gott. Sie lehnen die Vermittlung dieses Kontakts durch ein Medium wie Joao ab. Kritisch sieht Dmytruk auch Wallfahrtsorte wie Lourdes und Medjugorje, Orte, an die sich manche Menschen klammern wie an einen Wunderheiler. Die beiden Pfarrer bieten dem gegenüber das seelsorgerische Gespräch an, »wir geben den Menschen das wertvollste an, das Wort Gottes«. Dabei stellen sich die Seelsorger der Kirchen nicht als Therapeuten hin.

Dmytruk berichtete von einem Gespräch mit einer Frau, deren Schwester in der Geistheilungsszene Halt gefunden hat: Sie trennte sich vom Ehemann, weil der von bösen Geistern besessen sei, ließ den krebskranken Bruder per Telefon durch einen Heiler »gesunden« – der Bruder starb 14 Tage später.

Die Geistheilungstage bieten Anlass, das »Alltagsgeschäft« der Kirchen zu präsentieren, wie Hedwig Kluth anfügte. Die Pastoralreferentin der katholischen Gemeinde erinnerte daran, dass die Kirchen den »menschenfreundlichen Gott« näherbringen. Übrigens wird die kritische Haltung auch von Bürgermeister Becker geteilt, den Dr. Sauer vor Wochen informiert hat.

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