Ansprechender Ort des Gedenkens

22. Oktober 2013, 17:13 Uhr
Ortsvorsteher Axel Möller vor der Gedenktafel am Platz der ehemaligen Synagoge. (ia)

Eine repräsentative Bronzeguss-Gedenktafel, platziert am Eingang der historischen und 1961 niedergelegten Synagoge, erinnert über sieben Jahrzehnte nach Erlöschen dieser Gemeinde an die früheren Bürger jüdischer Konfession. 41 Angenröder fielen im Zuge des NS-Terror-Regimes der Shoah zum Opfer. Angenrod besaß 1861 mit 41,94 Prozent der Bevölkerung den prozentual zweithöchsten jüdischen Bevölkerungsanteil einer Landgemeinde, bezogen auf das jetzige Bundesland Hessen.

An der Einweihung nahmen knapp 40 Personen teil. Veranstaltet wurde sie von Magistrat und Ortsbeirat, geladen waren auch Spender und Zeitzeugen. Die Tafel wurde über Spenden finanziert und von einer Herborner Metallgießerei fachlich versiert angefertigt. Sie zeigt eine Reliefdarstellung der 1797 erbauten Fachwerksynagoge, die einzigartig in der Region war. Zudem wurde sie mit einem in hebräischer Schrift gesetzten Trauersegen der Angenröder Synagoge, dem Memento »Für religiöse Toleranz und Mitmenschlichkeit« sowie der Angabe »hier stand von 1797 bis 1961 die Synagoge der ehemaligen Israelitischen Religionsgemeinde Angenrod« ansprechend versehen.

Die Gedenktafel wurde auf sieben unterschiedlich hohen Basaltsäulen fixiert. Die Stelen reflektieren den jüdischen Leuchter, die Menorah. Die Menorah krönte nicht nur Synagogen, sondern ziert auch das Staatswappen Israels. Angenrods originelle Stelen-Kreation geht auf einen Vorschlag von Ortsbeiratsmitglied Gerhard Stock zurück. Ansprechend ausgeführt wurden die Bauarbeiten von Mitarbeitern des Bauhofs.

Ortsvorsteher Axel Möller dankte zunächst denen, die dazu beitrugen, »dass nach vielen Jahren dieser Platz der Erinnerung an die ehemalige Synagoge seiner Bestimmung werden kann.« Möller hoffte, dass diese Gedenkstätte »für immer ein Ort des Glaubens und des nachbarschaftlichen freundlichen Miteinanders« wird. Insbesondere dankte er »den Verantwortlichen an den Geldquellen« für die »umfangreiche Hilfe«, auch allen Spendern. Neben der Heinz und Gisela Friederichs-Stiftung zählte auch die Stiftung der Sparkasse Oberhessen zu den Unterstützern.

Pädagogisches Zentrum geplant

Bürgermeister Stephan Paule blickte auf die Historie dieses ehemals imposanten Fachwerkgebäudes zurück. Über 50 Jahre sei es jetzt her, dass dieses Gebäude abgerissen worden sei. Paule thematisierte die heute praktizierte Sensibilität bezüglich der Denkmalpflege – der »Bausubstanz« – und auch hinsichtlich der besonderen Bedeutung dieses Synagoge für diesen Ort. Die Geschichte der jüdischen Bürgerinnen und Bürger habe in Deutschland und in Angenrod im Besonderen eine große Bedeutung. Es sei schon, salopp gesagt, »ein Ding« gewesen, dass in den Sechziger Jahren ein solches Gebäude habe abgerissen werden können. Um so mehr freue es ihn aber heute, dass diese Tafel jetzt eingeweiht werden könne. Die Bedeutung dieses Erinnerns werde erst deutlich, wenn man zurückblicke auf das, was Angenrod und deren jüdische Gemeinde in der Vergangenheit besonders ausgezeichnet habe. Das jüdische Volk sei in seiner Geschichte immer auf der Suche nach Zuflucht gewesen, nach »einem Raum, wo die eigene Kultur und Religion in Friede und auch in Gemeinschaft ausgeübt werden konnte.«

Mitte des 19. Jahrhunderts sei Angenrod ein solcher Ort geworden, damals als »Neues Jerusalem« bezeichnet. In jener Zeit sei die Ansiedelung weiterer jüdischer Bewohner im Ort zugelassen worden und im Handel sowie Gewerbe tätig zu sein. Der Bürgermeister hob hervor, dass Angenrod noch um 1900 den größten jüdischen Bevölkerungsanteil im Altkreis Alsfeld hatte. Die Angenröder Synagoge habe dem Oberrabbinat in Gießen unterstanden, in ihr seien regelmäßig Gottesdienste abgehalten worden. Er erwähnte den hauptamtlichen Lehrer in der Judenschule, zugleich Vorbeter der jüdischen Gemeinde. Bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein sei in Angenrod der kultische Betrieb aufrechterhalten worden. Paule ging auf die wechselnden Besitzverhältnisse der 1961 abgerissenen Synagoge ein.

Angenrods letzte jüdische Bürger seien 1942 unter der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus aus dem Haus Speier deportiert worden. Er freute sich, dass mit der Gedenktafel ein Stück des Gedenken« in Angenrod geschaffen werden könne.

Religiös gehaltene Worte der Interpretation der Gedenktafeltexte formulierte Pfarrer Walter Bernbeck. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung mit Trompetenstücken, eingeleitet mit der Hatikva, der Nationalhymne Israels. Ihre letzten Worte hatte Paule in seiner Ansprache wiedergegeben: »Ehret Zion Jerusalem.« Interpret der Trompetenstücke war David Bernbeck.

Im Anschluss an das Einweihungszeremoniell erfolgte ein Rundgang mit Paule und Möller zu den Lokalitäten des geplanten Pädagogischen Zentrums Landjudentum – dem Haus Speier, der Judenschule und -bad sowie dem Israelitischen Friedhof am westlichen Ortsausgang. Dabei wurden auch die Pläne hierzu vorgestellt.

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