Alsfeld

Von der Judengasse bis zur Deportation

16. Dezember 2013, 17:58 Uhr
Titelbild des Buches »Opfer der NS-Ideologie - Angenrods letzte Isreaeliten« von Ingfried Stahl . (Foto: jol)

Immerhin gehörten 1861 knapp 42 Prozent der Ortsbewohner der jüdischen Gemeinde an. Mit zahlreichen alten Bildern und einem umfangreichen Quellenverzeichnis ist das Werk eine Fundgrube für Interessierte an Regionalgeschichte.

Stahl erinnert an die ältesten Quellen, wonach 1736 die ersten jüdischen Bewohner von Junker Walter Rudolf von Wehrda genannt Nodung in zwölf einfachen Häuschen angesiedelt wurden. Bereits 1797 errichtete die Gemeinde eine Synagoge an der Judengasse, ein eigenes Gotteshaus war damals eine Besonderheit für eine Landgemeinde.

Seine Stärke bezieht das Werk, das auf einem Aufsatz für den Oberhessischen Geschichtsverein Gießen fußt, aus der Beschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts. Für die Zeit des Landjudentums Mitte des 19. Jahrhunderts verweist Stahl auf ein von Respekt getragenes Miteinander. So gibt es zwar einen Bericht über Krawalle gegen Juden im Jahre 1819, aber im Jahre 1861 dekorieren die christlichen Nachbarn bei einer Feier für die Synagoge ihre Häuser festlich. Leichteren Lesestoff bietet ein Abschnitt über die mutmaßlich 10% unehelichen Kinder aus Beziehungen von Christen und Juden. Dieses Kapitel bleibt naturgegeben etwas spekulativ.

Stahl schreibt von den Erinnerungen der älteren Angenröder und Ohmeser an die jüdischen Händler, die bis in die 1930er Jahre hinein mit Tuchballen zu Fuß von Haus zu Haus zogen. Ausführlich befasst sich Stahl mit dem Schicksal der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus, wobei er auf schriftliche Quellen und Berichte von Zeitzeugen zurückgreift. Zunehmende Repression wird nachvollzogen, geflüchtete und ermordete Menschen werden gleichermaßen erwähnt. Auch die Geschichte der Häuser wird nachvollzogen. Er verschweigt auch nicht das Ende im September 1942, als die letzten acht Juden Angenrods aus dem Haus der Familie Speier an der Durchgangsstraße deportiert wurden, darunter auch die neunjährige Liselotte Speier. Alle wurden in Vernichtungslagern ermordet.

Ein Überblick über Besuche von Nachfahren jüdischer Angenröder und Berichte von Gedenkfeiern zur Pogromnacht von 1938 runden das Werk ab. In seinem Buch plädiert Stahl für einen unverkrampft-authentischen, der Wahrhaftigkeit verpflichteter Umgang mit der Geschichte. Stahl sammelt in seinem Büchlein neben Hinweisen in Archiven auch all die kleinen Erinnerungsbrocken aus dem alltäglichen Umgang der Dorfbewohner mit den jüdischen Händlern.

Im Ort erinnert eine Gedenkplatte am Standort er in den 1960er Jahren abgerissenen Synagoge sowie der erhaltene Friedhof an die Israeliten Angenrods.

Das Buch »Opfer der NS-Ideologie - Angenrods letzte Israeliten« ist im Selbstverlag erschienen, erhältlich für rund 19,50 Euro bei Ingfried Stahl, Tel. 06631-2968.

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