Integration

Deutschland ist für kurdische Familie Heimat geworden

Der Ilsdorfer Rudolf Velten hilft seit vielen Jahren einer kurdischen Familie. Die ist inzwischen perfekt integriert. Und für Haydar Cebe ist der Deutsche sein »Vater.«
18. März 2017, 08:00 Uhr
Diese beiden Männer verstehen sich: Ilsdorfs jahrzehntelanger Ortsvorsteher Rudolf Velten (83) und der aus der Türkei geflohene Kurde Haydar Cebe (52). (Foto: rs)

Zufrieden und strahlend sitzen sie da, der 83-jährige Rudolf Velten und der 52-jährige Haydar Cebe. Im Wohnzimmer des Kurden ist alles adrett hergerichtet, Ehefrau Gülten serviert Süßigkeiten zum Kaffee. Das gemietete Fachwerkhaus hat sich Familie Cebe wohnlich hergerichtet, Teppiche, Vasen, Bilder von Familienangehörigen und ein großer Flachbildschirm. Das ist gleichsam das Ergebnis einer langen »Reise«, denn die Familie ist 1993 nach Deutschland geflohen, aus der Türkei wegen der Verfolgung von Kurden dort. Und es hat 16 Jahre gedauert, bis die Anerkennung erfolgte und eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis ausgestellt wurde. 16 Jahre mit ständiger Angst vor Abschiebung. Familie Cebe ist mit ihrem nicht einmal ein Jahr altem ersten Sohn im Juni 1993 nach Deutschland eingereist.

Ein Leben im Osten der Türkei, wo die Kurden zwar den Großteil der Bevölkerung stellen aber unterdrückt wurden, schien den Eltern nicht mehr sicher und sinnvoll. Die Cebes stellten einen Asylantrag und wohnten die ersten drei Jahre ihres Aufenthaltes in Mücke in Atzenhain. Bereits in dieser Zeit arbeitete Haydar Cebe auf Weisung des Kreissozialamtes beim gemeindlichen Bauhof. »Ich wollte schon immer weg von der Sozialhilfe«, sagt Haydar Cebe, »Ich wollte mich und meine Familie immer selbst tragen«.


Angefangen als Küchenhilfe

Haydar Cebe wirkt voller Energie, obwohl er an diesem Vormittag erst aus der Nachtschicht gekommen ist. Er arbeitet in der Gastronomie in einem Betrieb an der Autobahn. Erste Kontakte habe damals Bürgermeister Matthias Weitzel hergestellt, erinnert sich Rudolf Velten. Haydar Cebe hat als Küchenhilfe beginnen können.

Mittlerweile hat er in diesem Betrieb Fuß gefasst, wird auch immer wieder einmal in anderen Filialen der Gastronomiekette entlang der Autobahn eingesetzt. Da erweist es sich als nützlich, dass Haydar Cebe in Deutschland den Führerschein gemacht und sich einen Wagen gekauft hat.

Ehefrau Gülten Cebe arbeitet auch, sie trägt Zeitungen aus und ist Reinemachefrau. Der ältere Sohn ist in Mücke beschäftigt, der Jüngere hat nach Schulabschluss einen Bachelor-Abschluss gemacht und strebt jetzt seinen Master an. Das mutet inzwischen alles ganz normal an, nichts deutet mehr auf eine Flucht der Eltern mit Kleinkind aus der Türkei hin. Aber das war nach der Erinnerung von Haydar Cebe eine schlimme Zeit. In Deutschland war es der unsichere Aufenthaltsstatus, die ständige Angst vor einer Abschiebung. Damals kam Rudolf Velten hilfreich ins Spiel.


Velten als Vermittler

Im Umgang mit den Behörden übernahm er immer wieder den Schriftverkehr beispielsweise mit der Ausländerbehörde in Lauterbach und zum Anwalt der Familie in Frankfurt. Rudolf Velten nutzte auch seine politischen Kontakte. Denn er war damals seit den 1970er Jahren Ortsvorsteher in Ilsdorf, Gemeindevertreter in Mücke und einige Jahre lang Mitglied des Kreistages.

Der »Fall Cebe« beschäftige in den Jahren 2001/02 auch die bürgerliche und die Kirchengemeinde, ferner die Gesamtschule Mücke, wo der ältere der beiden Söhne unterrichtet wurde. Denn damals war nach sieben Jahren Aufenthalt der Asylantrag negativ beschieden worden.

»Natürlich mussten die Behörden nach den gesetzlichen Vorgaben verfahren«, meint Rudolf Velten im Rückblick auf diese Zeit. Aber der spezielle Aspekt, dass sich diese Familie in jeder Beziehung um Integration und Arbeit bemüht hat, sei nicht hinreichend gewürdigt worden. So hatte Velten damals geschrieben, Haydar Cebe sei sowohl in der bürgerlichen als auch der kirchlichen Gemeinde bereit, ehrenamtlich Arbeiten zu übernehmen, »die Einheimische schon längst ablehnen«.

Nachdem auch ein Antrag beim Petitionsausschuss des Landtages gescheitert war, gab wohl ein Vorschlag des Gießener Verwaltungsgerichts den Ausschlag. Es hatte der Ausländerbehörde eine begrenzte Duldung wegen einer Erkrankung eines der Söhne vorgeschlagen. Das ging dann so lange gut, bis der unbefristete Aufenthaltstitel ausgestellt wurde.


Arbeit im Ehrenamt

»Deutschland ist eine sichere Demokratie«, zeigt sich Haydar Cebe heute zufrieden, wenn er auf die unsicheren Jahre zurück blickt. Und er betont: »Mit jedem Menschen kann ich klarkommen. Man muss sich nur gegenseitig respektieren und darf sich nicht einschränken.« Da sieht Haydar Cebe auch in Glaubensfragen so. Es sei doch gut, wenn alle an einen Gott glauben würden, und es mache nichts, wenn dieser Gott mitunter sehr unterschiedlich gesehen und der Glaube unterschiedlich verstanden werde.

Haydar Cebe ist wie die anderen Familienmitglieder Alewit. Diese Religion gibt ihm vor, mit anderen Menschen im Einvernehmen zu leben und zu helfen, wo er kann. Das ging sogar so weit, dass er als Kirchendiener bei der evangelischen Kirchengemeinde im Gespräch war. Wie hatte Rudolf Velten noch Anfang dieses Jahrtausends in einer Petition wegen des Bleiberechts geschrieben? Haydar Cebe sei sowohl in der bürgerlichen als auch der kirchlichen Gemeinde bereit, ehrenamtlich Arbeiten zu übernehmen, »die Einheimische schon längst ablehnen«.


Leben ins Dorf bringen

Der kleine Mücker Ortsteil Ilsdorf hatte früher einmal um die 300 Einwohner, mittlerweile sind es noch rund 250. »Die Einheimischen werden weniger«, konstatiert der jahrzehntelange Ortsvorsteher Rudolf Velten, »und sie bekommen auch sehr wenige Kinder.« Da kann es den angestammten Ilsdorfern nur recht sein, wenn es Zuzug wie die Familie Cebe gibt. Denn sie bringen Leben und Hilfe in einen kleines Dorf, das – wenn man entlang der Ortsdurchfahrt links und rechts in verfallende Hofreiten schaut – die Zukunft schon hinter sich zu haben scheint. Oder ist die Zukunft zugezogen?

Für die Kinder (eines ist in Deutschland geboren) will Familie Cebe die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, und wenn es gehen sollte, ebenso für sich. »Hier gibt es ein gutes Zusammenleben«, sagt Haydar Cebe. »Deutschland ist inzwischen zu meiner Heimat geworden.«

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