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Der Kunde ist König in der Schreinerei Seim

Eine Treppe um nach oben zu kommen – das war einmal: Heute ist eine Treppe ein Möbelstück. Einblick in Kundenwünsche gab es jetzt in der Schreinerei Seim in Atzenhain.
12. August 2017, 10:00 Uhr
Besuch in der Schreinerei Seim in Atzenhain. (Foto: rs)

Runde Waschbecken aus Holz fallen als erste auf, wenn man den Ausstellungsraum der Schreinerei Seim betritt. Außerdem gibt es CD-Hüllen aus Holz. Da muss mehr im Spiel sein als Kreis- oder Bandsäge und Hobel. In fünf Achsen arbeitet die größte CNC-Maschine der Schreinerei am Ortsrand, informiert Meister Bernd Seim. Rund eine Viertel Million Euro hat die Firma in die Anlage investiert. Beim Besuch der beiden SPD-Spitzenpolitiker, Hessen-Chef der eine, Bewerber für den Bundestag der andere, nennt Seim auch gleich den Grund für die immense Ausgabe: Entweder man investiert, oder man schließt. Denn vorbei sind die Zeiten, in denen beim Schreiner überwiegend einfache Treppen, Einbauschränke oder Küchen bestellt wurden. Auf der teuren CNC-Anlage wird gerade ein flacher Kegel gefräst. Eine namhafter Süßwarenproduzent will dieses Teil bei einem Aufsteller verwenden, da muss einer aussehen wie der andere. Und immer häufiger werden die Wünsche der Kunden durch Daten übermittelt. Der Schreiner muss dann sowohl über die entsprechenden Computer und Programme als auch Anlagen verfügen, die die Bestellung umsetzen können.

Die nötigen Investitionen sind es, vor denen Mitbewerber immer wieder zurück schrecken, berichtet Bernd Seim. Deshalb wird die Auswahl großer Schreinereien mit allen Möglichkeiten für die Kunden immer kleiner. Schäfer-Gümbel bestätigt eine verbreitete Scheu im Handwerk, ein hohes finanzielles Risiko einzugehen und fragt nach einem besonderen Produkt aus der Schreinerei: Schreinermeister Seim nennt Handläufe für Rolltreppen, 80 Meter lang, leicht gebogen und davon 47 Stück. So ein Werkstück lasse sich nicht mehr normal messen, man bekomme die Maße über eine Lichtpunktdatei, benötige also Rechner, die das verarbeiten können.

 

Zwei Azubis sind Landessieger

 

Sohn Daniel sitzt deswegen überwiegend am PC, schreibt Programme für die Maschinen, während sich der Vater um die Aufträge kümmert. Dazu ist es eine tolle Ergänzung dass Gattin/Mutter Andrea Seim fotorealistische Zeichnungen beherrscht, mit denen sie die Vorstellungen der Kunden rasch visualisieren kann. Auf diese Weise kommt es nach Auftragsfertigstellung nicht zur bösen Überraschung: »Das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt«.

Hohe Qualität der Produkte bedingt auch sehr gutes Personal. Das hat sich Schreinermeister Bernd Seim teilweise selbst gezogen. In den letzten Jahren waren zwei seiner Auszubildenden immerhin Landessieger, einer ist beim Bundesentscheid zugelassen. Ein Problem bei der Ausbildung ist die Grenzlage des Betriebes. Weil einige des Auszubildenden aus dem Nachbarkreis Gießen kommen, haben sie ihre sozialen Kontakte und auch den seitherigen schulischen Werdegang dort. Mit der Ausbildungsstelle in Atzenhain müssten sie aber die Berufsschule in Alsfeld besuchen, was je nach Wohnort mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder einem Moped nicht zu leisten ist. Dazu merkt SPD-Bundestagsbewerber Körner an, die Schulen hätten Angst bei geringerer Nachfrage Fachklassen zu verlieren und dann schrittweise an Bedeutung einzubüßen.

 

Wie steht es um die Altersversorgung

 

Zu einem anderen verbreiteten Problem bei Selbstständigen fragt SPD-Bundesvize Schäfer-Gümbel nach: Wie steht es mit der Alterversorgung? Im Fall der Familie Seim ist vorgesorgt, aber bei vielen anderen ist der Ruhestand nicht abgesichert. Dieses Problem hat die SPD lange nicht als solches erkannt, konstatiert der Landespolitiker, jetzt kümmere sich seine Partei darum. Derweil müssten viele Schreiner in Ein-Mann-Betrieben auch über 65 Jahre hinaus arbeiten, aber ihr meist veralteter Maschinenpark enge die Arbeitsmöglichkeiten ein. Dazu hat Bernd Seim ein Beispiel parat: Früher wurden Treppen errechnet, gab es Schabolen, musste man nicht so exakt arbeiten, weil es breite Abdeckleisten gab oder mit Putz beigeschmiert wurde. Heute will der Kunde die Treppe als Möbel, die Treppenhäuser werden auch großzügiger. Da hilft nur noch ein 3-D-Aufmaßgerät – Kostenpunkt 15 000 Euro.

Und was die Waschbecken aus Holz anlangt: Die hatte Daniel Seim mal im Internet gesehen. So was musste er auch haben. Deshalb wurde ein Programm angeschafft – für 30 000 Euro. Aber es macht nicht nur Waschbecken. Fast alle anderen aktuellen Aufträge laufen jetzt damit.

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