Hilfseinsatz

Warten auf die gute Zahnfee

Anne-Kristin Weitzel legt sogar im Urlaub das Werkzeug nicht aus der Hand. Die Hombergerin muss bei freiwilligen Einsätzen in Südamerika oder Afrika viele Zähne ziehen.
12. Oktober 2017, 12:20 Uhr
Anne-Kristin Weitzel und ein Kollege im Einsatz in Bolivien. Oft nehmen die Menschen tagelange Fußmärsche auf sich, um endlich ihr Zahnweh loszuwerden. (Fotos: ks/pm)

Reisen bildet – und zurück sieht man daheim die Verhältnisse oft in einem ganz neuen Licht. Davon kann die Hombergerin Anne-Kristin Weitzel einiges erzählen. Die junge Zahnärztin wird im November zwei Monate in Madagaskar verbringen und dort wieder unentgeltlich medizinische Hilfe leisten. Vor drei Jahren war sie bereits im Auslandseinsatz in Bolivien. Dabei hat sie das Auslandsfieber gepackt und so stand für sie schnell fest, dass sie wieder für einen Urlaub lang Bohrer und Zange fast nicht aus der Hand legen wird.

Bereits nach ihrem Studium in Gießen war ihr klar, dass sie sich gern in einem Hilfsprojekt einbringen möchte. »Das hat mich einfach fasziniert«, erzählt Weitzel, die vor ihrem Studium Krankenschwester gelernt hat. Im Internet und über die Organisation »Ärzte ohne Grenzen« machte sie sich schlau und so kam der Einsatz in Bolivien zustande.

Mit einem Geländewagen machte sich das Helferteam teilweise in abgelegene Gegenden auf. Weitzel: »Erstaunlicherweise sind die Gebisse der Menschen in den Städten oft viel schlechter«. Der Konsum von Süßkram ist weit verbreitet, der Schulkiosk bis oben voll damit. Und dementsprechend sehen dann die Zähne aus. »Da hilft meist nur Ziehen.« Wichtig ist es den Helfern, darüber aufzuklären, wie man durch regelmäßiges Putzen die Zähne gesund erhalten kann.

Obwohl sie und das Team unter sehr einfachen Umständen teilweise in Klassenzimmern übernachteten, waren die drei Wochen für sie »unvergesslich«. Oft fiel der Strom aus, »an einem Tag konnten wir gar nicht arbeiten.« Zwar gibt es auch im Land natürlich Zahnärzte, aber eine Behandlung kostet zwei Dollar und das können sich viele nicht leisten. Die Armut ist groß, erzählt Weitzel, »das kennt man sonst nur aus dem Fernsehen«.

Geduld und Dankbarkeit der Menschen haben sie besonders berührt. Diese nehmen oft tagelange Märsche in Kauf und warten in einer langen Schlange, um endlich ihre Zahnschmerzen los zu werden. Damit mussten sie sich oft über Monate plagen. Glücklich sind vor allem die Kinder, die sich ohne Scheu und mit viel Zutrauen in die Hände der fremden Behandler begeben. »Total süß«, erzählt Weitzel von den kleinen Boliviandern, die wacker und ohne langes Zureden den Mund aufsperren für die Behandlung. Vor Ort spricht sich meist schnell herum, »dass die deutschen Zahnärzte da sind.« Sogar im Radio wird dafür Werbung gemacht.

Diesmal ist der Einsatz untergliedert in zwei Projekte. Eine Station ist der deutsch-madegassische Verein, der sich für die Ausbildung junger Leute stark macht, die zweite Arbeitsbereich ist dann in einem Projekt, das sich für Straßenkinder in Antanarivo engagiert. Vier weitere Zahnärzte reisen mit der 33-Jährigen nach Afrika.

Derzeit sind sie noch dabei, Spenden zu sammeln. Denn ein wichtiger Bestandteil des Einsatzes ist es, Zahnbürsten und Zahnpasta vor allem an die Kinder zu verteilen. »Für manche ist es die erste Zahnbürste in ihrem Leben,« hat Weitzel bereits beim letzten Aufenthalt mitbekommen. 3000 Euro sollen insgesamt an Spenden gesammelt werden, um möglichst viele Produkte mitnehmen zu können. Das gilt auch für Kanülen für Spritzen, denn die vor Ort erhältlichen sind oft stumpf und können nicht verwendet werden. Und in den Schutzhandschuhen für die Helfer »sind oft Löcher.« Deswegen rührt Anne-Kristin Weitzel in diesen Tagen vor dem Hinflug am 4. November noch einmal kräftig die Werbetrommel bei Freunden und Bekannten. Unterkunft und Flug nach Madagaskar bezahlt sie selbst, auch nimmt sie Urlaub, erzählt Weitzel, die in einer Praxis in Reiskirchen arbeitet. Ihr Chef hat jedenfalls Verständnis und sie darf Flyer auslegen. Und der letzte Einsatz wird es für sie wahrscheinlich auch nicht sein.

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