Omanreise

Zurück aus Tausendundeiner Nacht

Nach fast zwei Monaten im Oman fliegt Rebecca Hahn aus Nieder-Ofleiden zurück in die deutsche Heimat. Ist es der Abschied aus dem Märchenland? – Oder vielleicht sogar die Rückkehr dorthin?
12. Januar 2018, 08:00 Uhr
Märchenhaft ist eine Bootstour in der omanischen Exklave Musandam im Norden der Vereinigten Arabischen Emirate. (Foto: Hahn)

Die Reiseführer lügen nicht, wenn sie versprechen, dass man im Oman den Charme aus Tausendundeiner Nacht erleben kann. In vielerlei Hinsicht ist dieses Land ein kleines Paradies. Den orientalischen Zauber, die Abenteuer, die überwältigenden Landschaften – man findet sie alle. Oft habe ich den Oman aber auch als ein Land im Märchenschlaf erlebt. Ein Land, das für ein langes Leben des Sultans betet, vor lauter Dankbarkeit für seinen Herrscher aber völlig unpolitisch geworden ist. Ein Land, in dem Frauen viel mehr dürfen als in den meisten anderen arabischen Ländern, aber vieles eben auch nicht. Ein Land, in dem dieser Text nie in einer Zeitung erscheinen würde, und wenn, dann gäbe es sie am nächsten Tag nicht mehr.

 

Deutschland im Gepäck

 

So verschieben sich die Perspektiven, wenn man ein Land kennenlernt. Und auch auf Deutschland habe ich neue Perspektiven gewonnen. Man hat die Heimat immer im Gepäck. Sie spiegelt sich in den Reaktionen der Menschen, die hören, woher man kommt. Mal ist man stolz auf sie, mal schämt man sich. Und ich habe mich mehr als einmal geschämt in den letzten Wochen.

Dabei hört man im Oman nur Gutes über die Deutschen. Fleißige Leute seien das, erzählte mir ein Onkel. Schlaue Leute, sagte ein Verkäufer. Die Deutschen seien sehr höfliche Gäste, sagte ein Pensionsleiter. Gute Fußballer, sagten Arbeiter aus Tunesien und Bangladesch. Ein Taxifahrer, der nebenbei für eine deutsche Firma in der Energiebranche arbeitet, erzählte von all seinen zuverlässigen Kollegen aus Deutschland. Natürlich freut man sich, wenn man das hört. Aber dann gibt es auch die anderen Momente, in denen das Gegenüber Deutschland oder den Westen als Ganzes überschwänglich lobt, und man sich fragt, ob das so berechtigt ist.

So wie nach meiner Rückkehr von einem viertägigen Ausflug nach Musandam, einer Exklave im Nordwesten des Landes. Darah, der Erste Offizier der Fähre, brachte mich vom Hafen nach Hause. Es war eine knappe Dreiviertelstunde bis Sohar. Darah trug noch immer das blaue Shirt der Fährgesellschaft und eine Kappe mit Mercedesstern. Er müsse sowieso in diese Richtung fahren, hatte er gesagt. Wie sich später herausstellte, hatte Darah seine Arbeitssachen nicht ohne Grund anbehalten. In Wirklichkeit musste er den gleichen Weg wieder zurückfahren und wollte mir bloß einen Gefallen tun.

Wir fuhren über den Expressway nach Osten, vorbei an einem Panorama aus festlichem Weiß, Rot und Grün. Die Omaner bereiteten sich seit Wochen auf den bevorstehenden Nationalfeiertag vor und schmückten ihre Autos und Häuser in den Nationalfarben. Über den ersten Dächern schwebten riesige Ballons, an Schnüren zwischen den Laternen flatterten Fähnchen und Wimpel.

Darah fragte, ob mir der Oman gefalle. »Ja, sehr«, antwortete ich und erzählte von all den fantastischen Landschaften, die ich gesehen, und all den wunderbaren Menschen, die ich getroffen hatte. »Alhamdu-lillah!«, wiederholte Darah immer wieder: Gott sei Dank! Dann lobte er die Europäer und erzählte von seiner Reise nach Norwegen letztes Jahr. »Alle waren sehr nett«, sagte Darah. »Bis auf diesen einen Kerl, der mich wohl als Araber erkannt haben muss.«

Darah erzählte, wie der Norweger ihn wüst beschimpft hatte. »Es war okay, ich mache ihm keinen Vorwurf. Er hört wahrscheinlich ständig Nachrichten über die ganzen Verrückten und Gewalttätigen aus den anderen arabischen Ländern«, sagte er. »Aber hinterher habe ich fast geweint.« Ich entschuldigte mich dafür, dass er das erleben musste, doch Darah setzte schon wieder zu einer Lobeshymne auf den Westen an: »Nein, nein, Europäer sind gute Menschen. Der Norweger konnte ja nicht wissen, dass ich nie jemandem etwas zuleide tun würde.« Für Darah war Europa das eigentliche Märchenland. Den rassistischen Ausbruch des Norwegers hielt er für eine entschuldbare Ausnahme.

 

Wüste Beschimpfungen

 

Ich dachte daran, wie oft die Reaktion auf meine Reise gelautet hatte: »Die Arabische Halbinsel? Bist du verrückt geworden?« Die unausgesprochenen Ängste: Extremisten! Seuchen! Gefahren überall! Und dann dachte ich an all die Gelegenheiten, bei denen ich erlebt hatte, wie selbstverständlich und vorurteilsfrei sich die Menschen im Oman gegenseitig helfen – gleichgültig, ob es sich dabei um Fremde oder Einheimische handelt.

Darah hat recht, auch Europa ist in vielerlei Hinsicht das Paradies. Doch genauso wie der Oman ist es ein Paradies mit Defiziten – vor allem, was das gesellschaftliche Miteinander angeht. Das wahre Märchenland gibt es eben doch nur zwischen Buchdeckeln.

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