Mücke

Gegen Kneipenbesuch nach Lohnauszahlung

28. Februar 2012, 17:38 Uhr
Referate gab es im Kunstturm Mücke zum Auftakt der 4. Ausstellung in der Themenreihe ERZ mit dem Titel »Mücke, Hessen und die Welt«. (Foto: sf)

Geboten werden sozialgeschichtliche Streiflichter in Form einer Zeitenwanderung. Angestoßen wurde die aktuelle Ausstellung Ende 2010 bei der Ausstellung Erzweg im Spital Grünberg. Dort tauchte auch die Frage auf: Wie lebten die Menschen, wie war ihr Alltag in einer regional vom Erzabbau geprägten Epoche? Das Thema wurde vom Kunstturm Mücke aufgegriffen.

Es fand sich eine Arbeitsgruppe, die diesen Fragen nachgehen wollte. Die Erfindungen und Ereignisse aus der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts bildeten wichtige Einschnitte in der Menschheitsgeschichte. Den Organisatoren vom Kunstturm Mücke stellte sich eine echte Sisyphusaufgabe. Eine unergründliche Wundertüte hatten sie aufgerissen, denn die Zeitspanne von 180 Jahren mit ihren Ereignissen hatte das ländliche Leben für immer verändert. Michael Fliegl bedankte sich besonders bei den Akteuren Iris Joswig, Jutta Roth, Dirk Finthammer, Volker Schönhals und Klaus Joswig. Weiterhin dankte Fliegl dem Kulturring Nieder-Ohmen mit Waltraud Blechschmidt und Wolfgang Keissner für einige Exponate, Kurt Stein vom Heimatkundlichen Arbeitskreis Laubach und Karl Heinz Hartmann vom Kulturring Weickartshain sowie Anke Finthammer und Peter Sienczek von artec Werbetechnik Nordeck. »Eigentlich hätte man am Eingang Helme verteilen müssen«, schmunzelte Michael Fliegl, »zum Schutz. Damit Sie die Fülle der Informationen nicht erschlägt«.

Grubenbeamte übten strenge
Kontrolle über Arbeiterleben aus

Referent Karl Heinz Hartmann verlas einleitend das Reglement für Bergleute vom Königlichen Preußischen Berg-Amt vom 8. Juni 1825. Darin heißt es unter anderem: »Das unterzeichnete Königl. Bergamt hat leider wahrnehmen müssen, dass ein großer Theil der Bergleute nach abgehaltener Auslohnung in die Wirtshäuser geht, um dort das erhaltene Geld zu vertrinken oder zu verspielen, während ihren Familien zu Haus das Notwendigste fehlt. Solche Leute sind in der Regel schlechte Arbeiter, und das Königl. Bergamt hat die Absicht sich ihrer ganz zu entledigen, so fern sie das unordentliche Leben nicht aufgeben und sich bessern. Es bestimmt daher als Nachtrag zum Strafreglement vom 20. März 1820 Folgendes:

1. Jeder Bergmann soll nach beendigter Auslohnung entweder auf seine Arbeit fahren, oder nach Hause gehen. 2. Wer am Lohntage in einem Wirtshaus angetroffen wird, soll das erstemal auf eine entfernte Grube, das zweitemal in ein anderes Revier und das drittemal auf acht Wochen ganz abgelegt werden. 3. Wer nach dreimaliger Strafe wieder am Lohntag in einem Wirtshause getroffen wird, von dem muss angenommen werden, dass er nicht zu bessern sei: dieser soll gänzlich abgelegt werden und aus der Knappschaftsrolle gestrichen werden.

4. Die Grubenbeamten sollen für die Ausführung dieser Bestimmungen sorgen und die Revierbeamten die Vollziehung der festgesetzten Strafen anordnen. Letztere werden beim Königl. Bergamt Anzeige machen, wenn ein Bergmann zum drittenmale bestraft werden muss.« So war es 1825. Im Jahre 1907 wurde eine Erzaufbereitungsanlage in Seenbrücke gebaut, und knapp 200 Meter nördlich der Anlage entstand ein Wirtshaus mit Saal. Heute ist es die St. Anna-Kapelle. Später wurde dann der Wochenlohn der Bergleute in den Gaststätten ausgezahlt. Karl Heinz Hartmann erinnert sich noch gut an die Lohnauszahlungen, denn er war in einer Gaststätte aufgewachsen. Dort, so habe sein Großvater berichtet, sei es zu dramatischen Szenen gekommen.

Er selbst erinnerte sich noch an Kirmes- und an Jagdveranstaltungen, die von Freitag bis Sonntag dauerten. Seine Ausführungen waren angereichert durch einige kleine Anekdoten. So hatte es in der Gaststätte das erste Fernsehgerät des Ortes gegeben, und so wurde die Wirtsstube zum Kino umfunktioniert, das damalige Telefon habe an der Wand gehangen, und mit dem Drehen einer Kurbel habe man »ein Amt« bekommen.

Die Kneipe war laut Hartmann auf diese Weise so bis Mitte der 60er Jahre durchaus ein Mittelpunkt des dörflichen Lebens, bis sie dann durch die zunehmende Mobilität ihre Bedeutung verlor.

Veränderungen durch Mineraldünger und die Deutsche Zollunion

In den letzten 60 Jahren, so Referent Kurt Stein, hat sich das Leben in den Dörfern rasant verändert. Auch in der Landwirtschaft vollzogen sich spürbare Veränderungen. Kleinbauern und Nebenerwerbslandwirte gibt es kaum noch, dafür nur noch ein paar Großbetriebe. Bis vor 60 Jahren war in der Region noch vor fast jedem Haus ein Misthaufen, der das Dorfleben prägte und in der Folgezeit von schmucken Vorgärten abgelöst wurde. Durch die Pferdefuhrwerke waren noch die Berufe Schmied und Wagner in jedem Dorf notwendig. Heute finde man nur noch vereinzelt Reparaturbetriebe der Landtechnik. Auch der Ortsdiener mit seiner Schelle war eine Kultfigur auf dem Land und das Sprachrohr des Bürgermeisters. Vor rund 170 Jahren gab es zwei wesentliche Ereignisse in Mittelhessen, so Kurt Stein. Gemeint war Professor Justus Liebig aus Gießen mit seinen Erfindungen. Durch die Agrikulturchemie, die sogenannte Mineralstofflehre, konnten die Ernteerträge um ein Mehrfaches gesteigert werden. Liebig erfand noch weitere hilfreiche Produkte wie das Backpulver oder die Babynahrung.

Eine weitere Veränderung war das preußisch-hessische Zollabkommen durch den Freienseener Pfarrer Georg Frank 1828. Die Zölle waren damals so hoch, dass der Verkauf von Waren kaum noch möglich war. Die Weberzeugnisse von Freienseen und Lardenbach konnten buchstäblich nicht weiterverkauft werden. Durch dieses Zollabkommen, aus dem im Jahre 1834 die Deutsche Zollunion entstand, entfielen innerhalb von Deutschland die Zölle. Es folgte eine sehr rege
Handelsbeziehung. Eine drohende Verarmung wurde so abgewendet, und es entstand aus heutiger Sicht eine Vollbeschäftigung. Am 2. September 2012 ehren die Freienseener Pfarrer Frank mit einem Gedenkstein. Überall, wo Pfarrer Frank, auch später mit seinem Bruder Christian, ebenfalls Pfarrer, auftrat, hatten sie nur eines im Sinn: Die Not der Bevölkerung zu lindern. Sie schufen sogar Hammer- und Hüttenwerke, um Arbeitsplätze zu schaffen. Mit dem Einzug des Automobils vor rund 100 Jahren war das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit geboren. Das Auto kam vor rund 60 Jahren mehr und mehr auch in die ländliche Region, und so war es möglich, einen Arbeitsplatz außerhalb des »eigenen Tellerrandes« zu suchen. Die Industriealisierung hielt ihren ungebremsten Einzug, und es entstanden überall neue Arbeitsplätze.

Die Ausstellung ist bis 29. April jeweils sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

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