In der Synagogenstraße

So erforschte Monica Kingreen die Geschichte der Juden in Windecken

Als Monica Kingreen ein Mädchen wurde ihr Forschergeist geweckt – sie begann die Geschichte ihres Heimatortes zu erforschen. Wolf Pannitschka-Kingreen erinnert an seine verstorbene Frau.
23. Oktober 2017, 17:00 Uhr
Die Judengasse: So sah es in der Synagogenstraße um 1930 aus. (Foto: Archiv)

Manchmal entsteht Großes aus purer Neugierde. Es braucht nur eine Person, die sich mit Eifer einer Sache hingibt. Manchmal, aber nicht immer, wird aus dieser Idee dann ein Lebenswerk. Der Name Monica Kingreen steht symbolisch für eine solche Geschichte. Vom jungen Mädchen, das mit seiner Mutter zusammen den christlich-jüdischen Glauben kennenlernte, bis zur angesehenen Historikerin, Buchautorin und Kulturpreisträgerin war es ein langer Weg.

Monica Kingreen
Monica Kingreen

Angefangen hatte alles 1983 mit dem Kauf eines 300 Jahre alten Hauses in Windecken. In der Synagogenstraße 18, direkt in der Nachbarschaft des 1938 zerstörten jüdischen Gotteshauses, erwachte ihr Forscherdrang. Der geschichtsträchtige Grund und Boden des ehemaligen Windecker Judenviertels schien sie regelrecht zu animieren: Monica Kingreen begann mit kleinen und dann immer größer werdenden Schritten, die jüdische Geschichte aufzuarbeiten. Zunächst beschränkte sich ihre Forschertätigkeit nur auf den Ort, in dem sie wohnte. Aber bald war ihr klar, dass noch viel mehr dazu gehörte: Ostheim, Heldenbergen, der Main-Kinzig-Kreis, ganz Hessen. Sie galt als die Spezialistin in unserem Bundesland. »Ich habe einfach vor der Haustür geschaut. Getreu dem Motto: Grabe, wo du wohnst« beschrieb sie einmal die Anfänge ihres Schaffens.

 

Erst vor Ort geforscht, dann weltweit

 

Monica Kingreen verstarb am 2. September 2017 nach schwerer Krankheit im Alter von 65 Jahren. Witwer Wolf Pannitschka-Kingreen öffnete in diesen Tagen die Tür seines Hauses, um ein bisschen aus dem Leben seiner prominenten Frau zu erzählen.

1983 zog die Familie Kingreen von Bad Vilbel nach Windecken. Es ging darum, sich zu vergrößern, denn es waren zwei Kinder dazu gekommen. Das teilrenovierte Haus in der Synagogenstraße schien dafür bestens geeignet. Zwei Jahre dauerten die Arbeiten an dem alten Fachwerkbau. »Als Architekt habe ich die Entwürfe selbst gemacht«, erzählt Wolf Pannitschka-Kingreen. »Wir hatten schon gut zu tun. Die Wand auf der Rückseite des Hauses besteht zum Teil noch aus Resten der alten Stadtmauer. Meine Frau lehrte in dieser Zeit an der Schule in Kaichen. Sie war Grund-, Haupt- und Realschullehrerin. Spezialfach: Natürlich Geschichte.«

Mitte der 80er Jahre habe sie begonnen, Nachforschungen vor Ort anzustellen. Das sei ja oft so, wenn Menschen eine neue Heimat finden. Was war in der Reichspogromnacht 1938 mit der Synagoge passiert? Wie hießen die Leute, die in dem Judenviertel lebten? Warum wurde die Judengasse von den Nazis in Braugasse umbenannt, obwohl dort nie ein Brauhaus stand? Das seien ihre ersten Fragen gewesen.

 

Zahlreiche Publikationen

 

»Durch die Zusammenarbeit mit dem Journalisten Bernd Salzmann, dem Sohn des Bürgermeisters, dehnten sich ihre Forschungen dann rasch aus«, berichtet Pannitschka-Kingreen. »Sie recherchierten in Archiven und reisten bis nach Israel und in die USA, um dort Nachkommen der Nidderauer Juden ausfindig zu machen. In Israel haben sie tatsächlich einen Ostheimer gefunden. Damals hat meine Frau bereits an ihrem ersten Buch geschrieben.«

120 Publikationen sind es bis 2011 geworden. 2003 hörte die Pädagogin mit dem Unterricht auf und ging als wissenschaftliche Mitarbeiterin zum Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt. 2012 wurde ihr der Kulturpreis des Main-Kinzig-Kreises verliehen.

»Meine Frau kannte die Namen der Opfer ebenso wie die der Täter«, sagt der Witwer. »Interessiert hat sie jedoch immer nur die Opferseite. Wenn wir sonntags auf dem Marktplatz saßen, konnte sie mir aber genau sagen, wer wen verraten hatte. Die Täter liefen manchmal direkt an uns vorbei.«

Post mortem wird die Kommission für Jüdische Geschichte im nächsten Jahr Monica Kingreens letztes Buch herausgeben. Dieses Werk umfasst alle Deportationen aus Hessen. Es war bei ihrem Ableben schon fast fertiggestellt.

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