Pionier

Als der Notarzt fliegen lernte: Luftrettung in Ober-Mörlen

Die Luftrettung mit Hubschraubern, die schwer verletzte Unfallopfer in Kliniken bringen, gehört heute selbstverständlich zum Rettungsdienst. Vor 50 Jahren war das anders.
31. Dezember 2017, 18:05 Uhr
Der Arzt Hans-Werner Feder praktizierte Ende der 60er Jahre in Ober-Mörlen. Er hatte die Idee, mit dem Hubschrauber statt mit dem Auto zum Unfallort zu gelangen. (Foto: dpa)

Vor 50 Jahren startete ein Feldversuch zur Luftrettung. Begonnen hat alles mit dem damals in Ober-Mörlen praktizierenden Arzt Hans-Werner Feder, der von seiner Praxis immer wieder mit Verkehrsunfällen auf der nahen Autobahn konfrontiert wurde.

An manchen Wochenenden stand das Telefon des Mediziners nicht still, weil er immer wieder mit seinem Privat-Pkw zum Notfallort gerufen wurde, oft mit dem Ergebnis, im Stau zu stehen und nicht zur Unfallstelle voranzukommen. Eine deprimierende Perspektive für den damals 32-Jährigen, der vorrechnete, dass mindestens 2000 bis 3000 Menschenleben gerettet werden könnten, wenn schneller Hilfe vor Ort wäre.

10 000 D-Mark Miete

Ein Zufall kam dem Arzt zu Hilfe. Bei einem Ausflug lernte er den Piloten Franz Hartmannsberger auf dem Flugplatz Reichelsheim kennen. Mit einem Hubschrauber könnte man schnell zum Unfallort kommen, dachte sich Feder, doch die Kosten schreckten ihn ab. 10 000 D-Mark sollte die dreiwöchige Miete für einen Hubschrauber kosten.

Nun kam Feder der Kontakt zum Verband der Lebensversicherungsunternehmen zu Hilfe. Die Auszahlung von Lebensversicherungen ist teurer als die Finanzierung besserer Rettungsmittel, so die Rechnung, und damit wurden die Mittel für einen dreiwöchige Feldversuch bewilligt. Die WZ schrieb damals: »Unter anderem soll dabei untersucht werden, wie groß ein sinnvoller Einsatzbereich des Notarzthubschraubers ist und wie oft der fliegende Arzt zu Hilfe gerufen wird.«

Viel schneller als der Krankenwagen

In der Probephase flog Feder zusammen mit seinem Piloten 52 Einsätze und war in mehr als drei Viertel der Fälle schneller als der Krankenwagen am Unfallort. Bei einem Drittel der Fälle dauerte es bis zu 30 Minuten, bis die Sanitäter eintrafen. Die Erfahrungen aus dem Modellversuch wurden dokumentiert und führten schließlich zur Einführung der regulären Luftrettung.

Fünf Jahre später, im August 1972, nahm in Frankfurt der Rettungshubschrauber »Christoph 2« den Betrieb auf. Da hatte Feder seinen beruflichen Schwerpunkt schon längst nach Kassel verlegt. »Dass aber die Ursprünge der Luftrettung in Ober-Mörlen liegen, daran kann es keinen Zweifel geben«, betont Landrat Joachim Arnold.

Deutlich weniger Verkehrstote

Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland lag im vergangenen Jahr bei rund 3200 – für sich gesehen eine hohe Zahl. Doch im Vergleich zu den Zahlen der Verkehrsopfer in früheren Zeiten ist eine deutliche Verbesserung eingetreten. So starben in Deutschland im Jahr 1938 bei einem Fahrzeugbestand von drei Millionen Autos 7354 Menschen im Straßenverkehr. Mit der Steigerung der Kfz-Dichte stieg die Zahl der Verkehrstoten immer weiter. 1970 starben mehr als 21 000 Menschen im Straßenverkehr bei knapp 18 Millionen motorisierten Kraftfahrzeugen. Heute sind dreimal so viele Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen unterwegs.

Mit beigetragen zur Reduzierung der Unfallzahlen haben neben den Verbesserungen im Rettungsdienst mehr Sicherheit in den Fahrzeugen, allen voran die Einführung von Sicherheitsgurt und Kopfstütze, bessere Fahrwerke sowie später dem Airbag.

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