Zumutbare Wahrheit?

Nennung der Nationalität bei Berichten über Straftaten umstritten

In einem Artikel über Übergriffe im Usa-Wellenbad hatte die WZ die Herkunft der Täter genannt. Der Fall landete vor dem Presserat. Darf die Nationalität genannt werden? Schwierig!
04. Januar 2018, 08:44 Uhr
Alle renommierten Tageszeitungen haben sich verpflichtet, den Kodex des Deutschen Presserats einzuhalten. Allerdings legen die Zeitungen diese Selbstverpflichtung gelegentlich unterschiedlich aus. (Foto: sk)

Die Ereignisse in der Silvesternacht 2015 in Köln haben eine Thematik nach oben gespült, die uns als Zeitungsmacher schon seit Jahren beschäftigt: Nennen wir im Zusammenhang mit Kriminalität die Herkunft der Täter bzw. der Tatverdächtigen – oder eben nicht? Das ist vermintes Feld, weil die Nennung der Herkunft Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren kann, die Nicht-Nennung auf der anderen Seite Argumente liefert, den Medien vorzuwerfen, die Wahrheit zu verschweigen.

Keine Selbstzensur

Der Dortmunder Journalistik-Professor Horst Pöttker würde gerne grundsätzlich darüber informiert werden, wenn Straftäter oder Verdächtige ausländischer Herkunft sind. In einem Zeit-Artikel argumentiert er: »Mit meinem Verständnis von Journalismus ist eine derartige Selbstzensur nicht zu vereinbaren. Journalisten sollten nicht die Erzieher der Nation sein.« Sein Credo, ein Zitat von Lyrikerin Ingeborg Bachmann: »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.« Ähnlich argumentiert Christian Schicha, Professor für Medienethik an der Universität Erlangen-Nürnberg. »Ich bin der Ansicht, dazu gehört auch die Nationalität von Straftätern. Was die Rezipienten daraus machen, sollte man ihnen überlassen.« Die Angst aus Rücksichtnahme vor negativen Konsequenzen wie möglicher Diskriminierung sei falsch, sagt Schicha. »Lässt man solche Angaben weg, ist das Wasser auf die Mühlen derjenigen, die Lügenpresse rufen.«

Ergebnis der Kölner Silvesternacht

Eine generelle Nennung widerspricht allerdings dem Pressekodex des deutschen Presserats. In der entscheidenden Richtlinie (12.1) heißt es: »In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt.« Die Zugehörigkeit solle in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es bestehe »ein begründetes öffentliches Interesse.« Diese Richtlinie ist die aktuelle. Sie war im Frühjahr dieses Jahres überarbeitet worden. Ein Ergebnis der Kölner Silvesternacht und der darauf folgenden Medienschelte. Zuvor hatte es geheißen, es müsse ein »begründbarer Sachbezug« zur Straftat bestehen.

Spielraum in alle Richtungen

Ob ein »begründetes öffentliches Interesse« vorliegt, müssen wir in den Redaktionen also abwägen, wenn wir keine Sanktionen des Presserats riskieren möchten: einen Hinweis, eine Missbilligung oder eine öffentliche Rüge. Die öffentliche Rüge muss, so die Selbstverpflichtung der Verlage, im betreffenden Medium veröffentlicht werden. Tatsächlich tun sich viele Verlage mit der Umsetzung schwer. Während die Deutsche Presse-Agentur (dpa) häufig auf Nummer sicher geht und die Nationalität weglässt, hat die sächsische Zeitung damit kokettiert, die Nationalität immer zu nennen. Wir von der Wetterauer Zeitung sind bemüht, den Richtlinien des Presserats gerecht zu werden. Allerdings lässt die Formulierung »begründetes öffentliches Interesse« jede Menge Spielraum in alle Richtungen.

Anstoß: Fall im Usa-Wellenbad

Dieser Tage hat der Deutsche Presserat über einen Artikel der Wetterauer Zeitung entschieden. Ein Leser hatte den Presserat angeschrieben, weil er der Meinung war, dass wir gegen den entsprechenden Passus im Pressekodex verstoßen hätten. In dem monierten Artikel vom 20. Juli 2017 hatten wir darüber berichtet, dass ein 20-jähriger Asylbewerber im Usa-Wellenbad vier Mädchen im Alter von 3, 12, 13 und 14 Jahren bedrängt und begrapscht haben soll.

 

Archiv: Vier Mädchen im Usa-Wellenbad begrapscht
Archiv: Vier Mädchen im Usa-Wellenbad begrapscht

 

Die Möglichkeit, eine Beschwerde beim Deutschen Presserat einzureichen, hat jeder Bürger. Dem Antragsteller entstehen keine Kosten.

Worum es geht

Im Folgenden dokumentieren wir den Vorgang von der Veröffentlichung über die Beschwerde bis zur Entscheidung.

Ein Leser (online) hatte sich mit einer Beschwerde an den Deutschen Presserat gerichtet. Das Schreiben: »Die Wetterauer Zeitung ist in der Vergangenheit bereits öfters negativ aufgefallen. Dies ist leider nur ein Beispiel für die nicht journalistische Arbeitsweise dieses Blattes. In diesem Fall besteht definitiv kein Interesse daran, die Herkunft des Täters zu nennen. Dies zielt lediglich darauf ab, in sozialen Netzwerken eine höhere Reichweite zu erzielen.«

Die Antwort des Presserats

»Der Beschwerdeausschuss gelangt zu dem Ergebnis, dass die Berichterstattung (...) nicht gegen presseethische Grundsätze verstößt. (...) Nach einstimmiger Ansicht der Mitglieder besteht, wie in Richtlinie 12.1 gefordert, ein öffentliches Interesse an der Nennung der Herkunft der Tatverdächtigen. Das Gremium hält die Passage »Der Zusammenhang zwischen Form oder Häufigkeit einer Straftat und der Gruppenzugehörigkeit von Tätern oder Verdächtigen selbst ist Gegenstand der Berichterstattung« aus den Leitsätzen des Presserats zur Auslegung der Richtlinie 12.1 für einschlägig. Argument hierfür ist nach Auffassung des Gremiums der Kontext der Berichterstattung. Der Umgang mit Flüchtlingen und das Vorkommen von Straftaten ist grundsätzlich Thema in dem Freibad, und hierzu äußert sich auch der Geschäftsführer der Freizeitanlage. Mit der Nennung der Herkunft kann der Leser diese Zusammenhänge besser einordnen. (...) Insgesamt liegt damit kein Verstoß gegen die publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats vor, so dass der Beschwerdeausschuss die Beschwerde für unbegründet erklärt. Die Entscheidung ergeht einstimmig.«

Info

Ziffer 12 -Diskriminierung

Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.

Richtlinie 12.1: In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

 

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