AWO-Lädchen

Schmuckstück fürs Leben

Dass ein Verein ein Häuschen mietet und dort eine Beratungsstelle einrichtet, ist ungewöhnlich. Ebenso, dass dieser Verein das Haus im Ober-Mörler Dorfkern kauft, um es zu sanieren. Weil die AWO dann auch noch die Hausfassade nach historischem Muster hat wiederherrichten lassen, dürfte dies einzigartig sein.
17. Februar 2017, 16:00 Uhr
Vor 99 Jahren war im heutigen AWO-Häuschen ein Porzellan- und Eisenwarengeschäft zu Hause.

Kein Jahr ist es her, dass die Fassade des Häuschen in der Frankfurter Straße 17 (gegenüber der Sparkasse) mit weißen Kacheln, Uralt-Schaufenster und Eternitplatten ein eher unscheinbares, um nicht zu sagen hässliches Bild abgab – von den hübschen Schaufensterauslagen einmal abgesehen. Über hundert Jahre lang wechselten diese Auslagen je nach Besitzer beziehungsweise Mieter von Porzellan und Eisenwaren über Textilien, Tapeten, Antiquitäten oder Fahrräder bis hin zum Aushängeschild der örtlichen Arbeiterwohlfahrt (AWO), die hier vor vier Jahren ihren Beratungsraum einrichtete – erst als Mieter und seit Dezember 2015 als neuer Hausbesitzer.

Staunend stehen die Leute heute vor dem adretten Häuschen in Ober-Mörlens Mitte. Nach monatelangen Sanierungsarbeiten leuchtet am großen Schaufenster wieder der Schriftzug »AWO-Lädchen« mit stilisiertem, rotem Herz. In der Auslage ziehen Winterbilder und Nähuntensilien die Aufmerksamkeit auf sich. Umrahmt ist das Stillleben von einer stilvollen hellgrauen Holzverkleidung. Der Hausgiebel ist durch edlen Schiefer geschützt vor Wind und Wetter, und ins Häuschen hinein gelangt man durch eine schön geschreinerte Kassettentür mit Milchglasfüllungen.

Wochenlang haben sich hier zuletzt die Schreiner der Wölfersheimer Fenster-baufirm Storck ins Zeug gelegt.

»Jetzt sieht unser Häuschen wieder fast so aus wie vor hundert Jahren«, zeigen die stolzen Besitzer zum Vergleich ein entsprechend altes Foto. Mit diesem Foto und einem Originalteil aus der hölzernen Fassadenvertäfelung waren die Ehrenamtler vom AWO-Ortsverein auf die Suche nach Handwerkern gegangen, sobald klar war, dass sie sich nach der Innensanierung auch noch die Verschönerung der Fassade leisten könnten. Jetzt fehlen nur noch wenige Putzarbeiten und ein Handlauf an der Eingangstreppe – handgeschmiedet von einem, der weiß, wie das geht und der das Haus kennt wie seine Westentasche.
 

Nun ist die Wiederherstellung der Fassade fast abgeschlossen. 	(Fotos: hau)
Nun ist die Wiederherstellung der Fassade fast abgeschlossen. (Fotos: hau)

Michael Bentele ist Kunstschlosser und zusammen mit Gerhard Neisel und Uwe Hartwig nahezu jeden Tag »am Bau«. Insgesamt sind es ein rundes Dutzend AWO-Freiwillige, die bislang über 2500 Helferstunden in das Hausprojekt einbrachten. »Am 29. Dezember 2015 haben wir das Häuschen gekauft und am 2. Januar mit der Entrümpelung begonnen«, blicken AWO-Vorsitzende Waltraud Neisel und ihre Mitstreiter auf das Unterfangen zurück. Ein Expertengutachten habe allein die Entrümpelung auf 17 000 Euro Kosten geschätzt. »Dann machen wir das lieber selbst«, beschlossen die Helfer.

»Alleine ins Leerräumen und Entsorgen flossen 1256 ehrenamtliche Arbeitsstunden«, berichtet Neisel, wie die Helfer über Wochen jeden Tag zum Recyclinghof fuhren, Kleinanzeigen schalteten oder einen Tag der offenen Tür mit Flohmarkt veranstalteten. Nicht selten arbeitete der harte Kern von morgens bis abends auf der Baustelle und fuhr nur zum Duschen und Schlafen heim. »Wir haben so sparsam gewirtschaftet, dass wir am Ende rund 15 000 Euro für die Fassade übrig hatten.«

Überhaupt durchziehen Verhandlungsgeschick, sorgfältige Planung und gewissenhafte Arbeit offensichtlich das gesamte Projekt. Einer Zwangsversteigerung des Hauses waren die damaligen Mieter dank Kaufverhandlungen mit der Erbengemeinschaft der verstorbenen Besitzer zuvorgekommen. »Dank« des schlechten Zustandes und der geschätzten Sanierungskosten einigte man sich auf einen Kaufpreis von 30 000 Euro.

Aus einer für einen sozialen Zweck gebundenen Erbschaft hatte die AWO einen Grundstock von 13 000 Euro, zwei Personen spendeten je 10 000 Euro dazu, sodass man den Kaufpreis zusammen hatte. Verhandlungen mit der örtlichen Volksbank und mit der für die Ortskernsanierung zuständigen Gesellschaft für Stadtentwicklung und Städtebau (GSW) verliefen derart konstruktiv, dass sowohl der Bankkredit als auch Fördermittel sichergestellt werden konnten. Am Ende reichte ein Kredit über 75 000 Euro, und man erhielt die volle Fördersumme von 15 000 Euro, nachdem entsprechende Helferzeiten lückenlos dokumentiert werden konnten.

Sie hätten sich zum Ziel gesetzt, heimische Firmen zu beauftragen, preiswert und ökologisch zu bauen und Wohnraum zu schaffen »für Menschen, die es auf dem hitzigen Arbeitsmarkt schwer haben«, erklärt die AWO-Vorsitzende. Eine Wohnung und ein Appartement sind schon seit Sommer vermietet – nachdem das Haus binnen weniger Monate komplett kernsaniert worden war, natürlich auch unter Mithilfe Hunderter ehrenamtlicher Helferstunden.

Von den ortskundigen Städteplanern Isack und Tropp seien sie gut beraten und von der Volksbank unbürokratisch unterstützt worden. Die GSW habe ihre Unterlagen immer zügig bearbeitet, loben die ehrenamtlichen Haussanierer. Man habe dort offensichtlich das Interesse der AWO an einer nachhaltigen Belebung des Dorfkerns geschätzt. »Wir würden ja gerne auch die Nebengebäude herrichten«, doch das könne man sich als Verein nicht leisten. An Visionen, zum Beispiel von einem Seniorentreff, mangele es nicht. »Hier wäre die Gemeinde gefragt.«

»Vonseiten der Gemeindeverwaltung war die Unterstützung ziemlich gering«, bedauern die AWO-Aktiven. Auf die Bearbeitung von Anträgen und Geldzuweisungen habe man stets lange warten müssen, niemand habe sich für den Baufortschritt interessiert oder auch nur einen Blick auf die Arbeit geworfen. Während des Sanierungsprojektes hätten sie so viel gelernt, dass sie ihre Erfahrungen gerne weitergeben würden an Menschen mit ähnlichen Vorhaben, unterstreichen die Ehrenamtler.

Nun soll aber erst einmal das »AWO-Lädchen« weiter mit Leben gefüllt werden. Neben den eingebürgerten Beratungsstunden (montags 10 bis 12 Uhr, mittwochs 16 bis 18 Uhr) startet am 21. Februar ein Nähkurs für Anfänger. Ein Nähkurs für geflüchtete Frauen beginnt im März unter Anleitung einer Frau aus dem Iran. Zudem soll das Häuschen ein Treffpunkt werden für geflüchtete Grundschulkinder aus Ober-Mörlen, Computer- und Handykurse für Senioren sind angedacht.

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