Schwalheimer Besonderheit

Geschichte satt in der Steinmühle

Achtung, Kopf einziehen! Beim Einstieg in den 1595 angelegten Gewölbekeller der Schwalheimer Steinmühle ist Vorsicht angesagt. Die Historie des Anwesens von Wolfgang und Sigrid Roth fasziniert.
17. Februar 2017, 19:00 Uhr
Blick zurück: Sigrid und Wolfgang Roth haben noch zahlreiche historische Unterlagen im Familienbesitz. (Fotos: Nici Merz)

Wer mit Landwirt Wolfgang Roth plaudert, kann sein Interesse an der Geschichte des Ortes heraushören, auch den Stolz auf die Leistungen seiner Vorfahren und der weiteren Vorbesitzer der Steinmühle in der Schwalheimer Hauptstraße. Vor sich auf dem Tisch des Ladens haben er und seine Frau Sigrid den Familienstammbaum und weitere, viel ältere Dokumente ausgebreitet. »Meist handelt es sich um Verträge über Landverkauf. Die altdeutsche Schrift kann ich allerdings nicht lesen«, sagt der 62-Jährige und lacht. Auch angestaubte Übergabeverträge für den Keller sind erhalten, in denen dessen Nutzung genau geregelt worden ist. Seit 1857 befindet sich der Hof im Besitz seiner Familie, die Historie der Steinmühle reicht Jahrhunderte weiter zurück.

Das um 1450 entstandene Ensemble muss einst einen wahrlich imposanten Anblick geboten haben. Burgähnlich zogen sich zahlreiche Gebäude über eine Fläche hin, die heute die Hausnummern 2-8 umfasst. »Die Hauptstraße gab es damals nicht, auch die Grundstücke, die heute gegenüber liegen, gehörten dazu«, erläutert Roth. Zwei Mühlen entstanden gegen 1490, Stein- oder Burgmühlen genannt. Damit sich die Mühlsteine drehten, wurde der heute zugeschüttete Krötenbach angelegt, der von der Wetter abzweigte, am alten Ortskern entlang floss und wieder in den Fluss mündete. Der Müller-Beruf konnte ein einträgliches Geschäft sein, wie das Beispiel von Lorenz Hensel zeigt. Der Geselle heiratete 1650 in die Steinmüller-Familie ein und zeugte sieben Kinder, die alle denselben Beruf ergriffen. Die Familie kam in den Besitz von neun Mühlen in der Region, fast 250 Jahre stellten die Hensels den Schwalheimer Bürgermeister. Noch heute leben Hensels im Dorf.

Ende des 18. Jahrhunderts war es vorbei mit der Mühlenherrlichkeit – das Anwesen wurde zum reinen Landwirtschaftsbetrieb, ab 1857 geleitet von Wolfgang Roths Ururgroßvater, Peter Fleischhauer. Obwohl Ende des 19. Jahrhunderts einige Familienmitglieder nach Russland auswanderten, zerfiel das große Anwesen durch Erbteilung. Die Grundstücke Hauptstraße 7, 8 und 9 wurden abgetrennt. Noch heute betreiben die Roths Ackerbau, spezialisiert auf Zuckerrüben und Getreide. Die Viehhaltung wurde 2012 endgültig aufgegeben, im Laufe der Jahrzehnte erfolgten zahlreiche Abrisse, Neu- und Umbauten. Ställe verschwanden, mehr Wohn- und Lagerraum entstand, vor zwölf Jahren der Hofladen. Apfelwein wird selbst gekeltert, die Früchte von den Streuobstwiesen werden in Ockstadt zu Bränden und Likören verarbeitet. Diese Getränke, Wein, Käse, Wurst und weitere Produkte aus der Region werden im Laden verkauft. Im Sommer ist die Straußenwirtschaft geöffnet. Außerdem ist das Ehepaar als Veranstalter von Festen, Ausstellungen und Lesungen bekannt.

Vorliebe: Brandstiftung bei Vollmond

Beim Rundgang durch die Steinmühle erzählt Wolfgang Roth Anekdoten. Etwa die Geschichte der Dienstmagd Anna Dietrich, die es in den 1930er Jahren in Schwalheim zu trauriger Berühmtheit gebracht hat. »Sie hatte die Vorliebe, bei Vollmond Scheunen anzuzünden, 1935 auch unsere.« Davon zeugt die Inschrift eines Steins in der Scheunenwand: »Abgbr. 26.9.35 d.A.A.Dm«. Das unverständliche Kürzel steht für »Abgebrannt 26.9.35 durch Anna Dietrich Dienstmagd«. Ein weiteres Mal ging die große Scheune 1945 in Flammen auf. Ursache war diesmal eine Brandbombe der Engländer.

Der 1595 erbaute Gewölbekeller, der sich bis unter die Schwalheimer Hauptstraße erstreckt, war für den Hof als Lagerraum stets von großer Bedeutung. Nur weil die Roths standhaft geblieben sind, existiert der Keller heute noch, er sollte nämlich zweimal verfüllt werden. 1966/67 baute die Stadt einen neuen Abwasserkanal unter der Straße – der Keller war im Weg. Wolfgang Roths Eltern willigten ein, den Raum um einen Meter zu verkleinern, um Platz für die Rohre zu schaffen. Ende der 80er Jahre hätte eine Baufirma fast für das Aus gesorgt. »Auf der Straße kam eine Rüttelplatte zum Einsatz. Ich hörte plötzlich das Poltern von Steinen, rannte raus und stoppte die Arbeiter im letzten Moment«, blickt der 62-Jährige zurück. Es folgte ein Rechtsstreit über den Erhalt des Kellers und die Sanierungskosten. Schließlich wurde restauriert, die Hauptstraße musste ein Jahr lang für den Verkehr gesperrt werden. 1995 – der Gewölbekeller war 400 Jahre alt – verwandelte das Ehepaar das Gemäuer in ein kleines Schmuckstück für Weinproben und Privatfeiern. Wer hinuntersteigt, kommt an einem Sandsteinbrocken vorbei, Stück eines uralten Mühlrads. »Sonst ist von den Mühlen nichts erhalten. Ein Familienmitglied hat den Stein vor Jahrzehnten in einem Graben gefunden«, erinnert sich Wolfgang Roth.

Die über 550 Jahre währende Geschichte der Steinmühle als landwirtschaftlicher Betrieb könnte in absehbarer Zeit enden. Den zwei Kindern des Ehepaars liegt zwar viel an dem Anwesen, aber weniger an der Landwirtschaft. »Es sieht nicht so aus, als ob die berufliche Familientradition fortgesetzt wird«, sagt Sigrid Roth.

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