Wetterau

Erika Simons ungewisse Reise ins Glück

Als Neunjährige musste Erika Simon ihren Heimatort Bad Königswart verlassen. Sie landete in Rosbach. Aus der Reise ins Ungewisse wurde eine Reise ins Glück.
17. Februar 2017, 08:00 Uhr
Erika Simon steht mit 80 Jahren immer noch an der Bedientheke des Familienbetriebes und hat kein bisschen von ihrem Elan verloren. Hilfe findet sie auch bei Schwiegertochter Caroline und Enkel Philipp. (Fotos: lh)

Als Neunjährige musste Erika Simon zusammen mit ihrer Mutter und den drei älteren Geschwistern ihren Heimatort Bad Königswart in der heutigen Tschechischen Republik verlassen und in einem Viehwaggon die Reise ins Ungewisse antreten. Sie landete in Friedberg, von wo aus sie auf einem amerikanischen Militärlaster nach Rosbach weitertransportiert wurde. Irgendwie wurde es dadurch zu einer Reise ins Glück, denn hier lernte sie in der Schule ihren späteren Mann Werner kennen, der in bereits dritter Generation die Metzgerei Simon führte. Im stattlichen Alter von 80 Jahren steht sie dort immer noch an der Bedientheke und ist aus dem Ortsleben von Nieder-Rosbach kaum wegzudenken.

»Ich will den Leuten, die es in der schweren Nachkriegszeit gut mit uns gemeint haben, etwas zurückgeben«, sagt die rüstige Seniorin. Nicht immer habe sie anfangs den Dialekt in ihrer neuen Umgebung verstehen können. »Einmal fragte mich ein Nachbar: ›Maadsche, willst e Ladwerjebroad hann, und ich konnte ihm keine Antwort geben, weil ich seine Sprache nicht verstand«, schmunzelt sie. Heute weiß sie, dass er ihr ein Honigbrot anbieten wollte.

Seit über fünfzig Jahren ist sie in vielen Ortsvereinen aktiv, und hat trotzdem noch Zeit, ihren beiden Söhnen Gunther und Thorsten, die das Geschäft übernommen und um einen Party-Service erweitert haben, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Die »Hackfleischprüfung«

Enkel Philipp hat bereits eine Lehrstelle als Koch in Tirol gefunden und bringt somit gute Voraussetzungen mit, die Traditions-Metzgerei Simon in die fünfte Generation zu führen. Ihm erzählt sie gern von der Zeit in der alten Heimat, wo ihr Vater als Buchhalter im Schloss des Adelsgeschlechts Metternich tätig war und nebenbei eine kleine Landwirtschaft betrieb. Erika Simon absolvierte eine Lehre als Import/Export-Kauffrau in einem Frankfurter Unternehmen. Nach der Hochzeit mit Werner arbeitete sie im eigenen Geschäft mit. Es war 1903 vom Landwirt und Viehhändler Georg Philipp Simon gegründet worden. »Früher kamen die Kunden noch durch unseren Hausflur herein«, erinnert sich Erika Simon. Rund zehn Quadratmeter Ladenfläche hatte man gehabt. Erst 1965 wurde ein Anbau mit separatem Eingang errichtet, und der angegliederte Bauernhof nach und nach aufgegeben. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, wenn sie erzählt, dass sie 1978 extra eine »Hackfleischprüfung« ablegen musste, um im Laden bedienen zu dürfen.

»Als ich nach Nieder-Rosbach kam, wohnten hier rund 300 Menschen«, erzählt die Metzgers-Frau. Viel zu verdienen gab es damals nicht. »Die meisten Familien hatten ihre eigenen Schweine im Stall und versorgten sich selbst mit Fleisch und Wurst.« Erst durch den Zuzug von Neubürgern ohne landwirtschaftlichen Nebenerwerb habe sich die Lage geändert, und zu den traditionellen Wurstsorten aus eigener Herstellung kamen Spezialitäten aus anderen Regionen wie Serrano-Schinken oder ungarische Salami hinzu. Immer habe man sich den Bedürfnissen der Kundschaft angepasst und bietet inzwischen auch Online-Bestellungen an. So fahren die Kunden nach Feierabend gerade mal bei Simon vorbei und nehmen das Bestellte fertig verpackt mit. Kartenzahlung ist möglich, und über einen Lieferservice frei Haus denkt man in der Metzgerei bereits nach.

Eine Konkurrenz durch Discounter oder Supermärkte befürchtet der Familienbetrieb, in dem Eltern, Söhne und Schwiegertochter Caroline mitarbeiten, nicht. »Neulich kam eine junge Mutter, die für ihr Kind von vier verschiedenen Wurstsorten jeweils nur eine Scheibe haben wollte«, erzählt Erika Simon. »Kaufen Sie so etwas mal beim Discounter.« Auch beim Schnitzelkauf sieht sie die Vorteile für ihre Kunden. »Wenn Sie daheim zu zweit sind, und kaufen für billig Geld eine Packung mit drei Schnitzeln, dann haben Sie eins zu viel.« An ihrer Ladentheke braucht man nur so viel zu kaufen, wie man tatsächlich braucht, und kann sich Größe und Gewicht der Ware individuell zuschneiden lassen. »Das kann am Ende sogar günstiger sein.«

Sohn Gunther verweist noch auf einen weiteren Vorteil. »Unser Fleisch wird frisch geliefert, und wir wissen genau, wie die Tiere gefüttert wurden und wo sie aufgewachsen sind.« Lange Transportzeiten entfallen. »Wenn uns Geflügelfleisch angeliefert wird, dann liegt zwischen Schlachtung und Verkauf nur rund ein Tag.« Und wer Hackfleisch kaufen will, dem wird das gewünschte Stück Fleisch direkt im Laden zerkleinert. Die erfolgreich abgelegte Hackfleischprüfung macht es möglich.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Discounter
  • Fremdenverkehr
  • Georg Philipp
  • Glück
  • Metzgereien und Schlachtereien
  • Rosbach
  • Wurstsorten
  • Rosbach
  • Edelgard Halaczinsky
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 2 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.