Auf drei Etagen

Steinalt und minischmal

Für Bewohner mit vielen Kleidern eignet sich das Haus in der Mauerstraße 12 nicht. Für Großfamilien auch eher weniger. Dafür kann man in dem Haus an der Butzbacher Stadtmauer Ferien machen.
12. März 2017, 06:00 Uhr
Stadtmauerhaus (Foto: sda)

Im 18. Jahrhundert wäre wohl kaum einer auf die Idee gekommen, Geld dafür zu zahlen, um in einem 1,80 Meter breiten Haus zu übernachten. Da wäre auch keinem ein begeistertes »Oh« beim Reinkommen herausgerutscht. Heute schon, erzählt Georg Dier. »Oh« oder »Ah« – eigentlich gibt es niemanden, der das nicht sagt – »spätestens beim Blick ins Bad«. Wegen der Dusche, die direkt unter dem Bogen der Mauer ist. Vor einigen Monaten haben Georg Dier und seine Frau das Häuschen in der Mauerstraße 12 gekauft, das sogenannte Schwibbogenhaus, das an die Stadtmauer gebaut, bzw. in den Schwibbogen eingeschoben ist – und das ab sofort als Ferienhaus vermietet wird. Die Schwibbogenhäuser gibt es schon lange. Mehrere Hundert Jahre. Damals gab es über 100 davon – alle standen sie entlang der Stadtmauer. Söldner lebten dort, Handwerker und Tiere. Mit der Zeit (und der Stadtmauer) verschwanden die Häuser. 2004 gab es noch fünf, zwei davon in sehr schlechtem Zustand.


Mini-Fernseher als Sonderanfertigung

Heute sind die Häuser zwar noch immer genauso klein wie damals, dafür aber weit komfortabler – und vor allem: komplett ausgestattet. Eine Küche gibt es – mit Mikrowelle, Spüle und Herd. Ein Esszimmer und ein Bücherregal. Schlafzimmer und Bad sind im ersten Stock. Das Miniwohnzimmer (inklusive Minifernseher, Sonderanfertigung) im dritten. Darüber: die »Dachterrasse«, die der alte Wehrgang der Stadtmauer ist. Ein Wächter geht da schon lange nicht mehr lang. Dafür stehen dort, in etwa acht Metern Höhe, ein Tisch und zwei Stühle. Ein schöner Platz zum Sitzen im Sommer – »vielleicht mit einem Glas Wein«, sagt Sabine Schleicher. Die Architektin hat das Projekt Schwibbogenhaus damals in Angriff genommen – die Idee, erzählt sie, kam von einem Butzbacher, der vor einigen Jahren nach Australien ausgewandert war. Er half bei der Sanierung eines anderen Schwibbogenhauses . Und fragte sich: Was ist eigentlich mit den Hausnummer 12 und 14? Die waren in einem unsäglichen Zustand, halb verfallen. Aber: Sie waren zu verkaufen.


"Historisches Fertighaus"

Die Arbeit begann, das Haus wurde zerlegt, jedes brauchbare Teil restauriert. Wenig später wurden die vorgefertigten Fachwerkwände aufgestellt – sozusagen »ein historisches Fertighaus«, sagt die Architektin. Genau in dem Stil, den Franziska Dier mag (»altes Gemäuer im verwinkelten Gässchen«). Die Butzbacherin ging vor einigen Monaten an dem Haus vorbei, entdeckte das »Zu verkaufen«-Schild und sprach mit ihrem Mann. Zum Wohnen, sagen die Eheleute, ist das Haus aber zu klein. Das fängt beim Kleiderverstauen an: Es gibt Haken und Bügel, nur keinen Schrank. Das Haus ist zwar so konstruiert, dass jede Ecke ausgenutzt wird (Regale im Fachwerk, Sitzbank zum Aufklappen…), doch wer kein extra Lagerhaus anmieten möchte, kriegt ein Platzproblem.

Als Ferienhaus eignet es sich jedoch wunderbar, wie die Diers glauben. Sie bieten es im Internet an: im »Feriendomizil im historischen Schwibbogenhaus« wohnen – in der »Gasse hinter der Mauer«, wie es im 18. Jahrhundert hieß. Als noch zehnköpfige Familien dort lebten, die Tiere im Erdgeschoss untergebracht waren und kein Mensch geglaubt hätte, dass es viele Jahre später eine kleine, große Butzbach-Attraktion wird.

 

Die Architektin hat das Buch »»Ein Butzbacher Schwibbogenhaus erzählt« verfasst, das es im Museum, im Stoffhaus Becker sowie auf Schleichers Homepage gibt.

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