»Trennung unumgänglich«

Der Frust wird größer Bayer beurlaubt Roger Schmidt

Eintracht Frankfurt kassiert in der Bundesliga die nächste Niederlage. Gegen Freiburg reicht ein frühes Tor nicht. Trainer Kovac fühlt sich nach der 1:2-Niederlage massiv benachteiligt. Plötzlich ist auch der Aufsteiger SC Freiburg ein Rivale um einen Europacup-Platz.
05. März 2017, 20:52 Uhr
Ratlose Frankfurter (v. l.): Danny Blum, Aymen Barkok, Torwart Lukas Hradecky, Shani Tarashaj, Makoto Hasebe und Alexander Meier versuchen, die 1:2-Niederlage gegen den SC Freiburg zu verdauen. (Foto: dpa)

Niko Kovac war nach der vierten Pleite in Serie frustriert. Der Trainer von Eintracht Frankfurt haderte vor allem mit dem Schiedsrichter, aber auch mit dem Negativlauf seines Teams, denn er weiß nach der bitteren 1:2 (1:1)-Heimniederlage gegen den SC Freiburg genau: Die Eintracht läuft immer mehr Gefahr, ihren Europa-League-Platz in der Fußball-Bundesliga noch zu verspielen.

»Diese Niederlage musste nicht sein«, meinte Kovac. »Ich habe ein bisschen das Gefühl: Wir sind Eintracht Frankfurt, haben viele Gelbe und Rote Karten, da pfeifen wir mal dagegen.« Seine Mannschaft, so sein Eindruck, hätte bei den Schiedsrichtern »einen Stempel«. »Wir sind nicht unter einer Lupe, sondern unter einem Teleskop.«

Konkret warfen die Frankfurter dem Referee Günter Perl am Sonntag zwei Fehlentscheidungen vor: Beim Freiburger Siegtreffer in der 59. Minute stand der zweifache Torschütze Florian Niederlechner eindeutig im Abseits. Und beim Stand von 1:1 gab Perl ein Kopfballtor von Eintracht-Stürmer Ante Rebic (32.) nicht, weil Mijat Gacinovic zuvor den Freiburger Torwart Alexander Schwolow behindert haben soll.

»Wenn wir solch einen Eckball abgepfiffen bekommen, müssen wir aufhören«, schimpfte Kovac. Und Sportdirektor Bruno Hübner meinte dazu: »Es ist schon ein Wahnsinn, was wir an Rückschlägen wegstecken müssen. Die Mannschaft hat ein gutes Spiel gemacht. Mit so einem Ergebnis ist das natürlich ein Rückschlag.«

Die Frankfurter Krise allein an Schiedsrichter-Entscheidungen festzumachen, greift allerdings zu kurz. Der Tabellensechste zeigt schon lange nicht mehr das, was ihn in der Hinrunde so stark gemacht hat. Der Eintracht fehlen aktuell zehn gesperrte oder verletzte Spieler und in Folge dessen auch die Selbstsicherheit, die Bissigkeit und die Kompaktheit der ersten Saisonmonate.

Gegen Freiburg ging Frankfurt durch Branimir Hrgota schon in der elften Minute mit 1:0 in Führung und hatte dabei Glück, dass Perl Hrgotas Rempler zuvor nicht abgepfiffen hatte. Die Eintracht hatte das Spiel lange Zeit im Griff. Doch beim 1:1 durch Niederlechner (25.) war es dann nicht der Schiedsrichter, sondern die Eintracht selbst, die diesen Treffer durch einen haarsträubenden Fehler ermöglichte. Die Gäste spielten einen eigentlich harmlosen Ball in die Spitze. Da aber Hasebe aus dem Abwehrzentrum herausrückte und Hector seinen Gegenspieler laufen ließ, stand Niederlechner auf einmal allein vor dem Tor. Danach lief bei den Gastgebern – abgesehen von dem nicht gegebenen Tor durch Rebic – nicht mehr viel zusammen. »Die Wahrheit ist: Wir Spieler sind nicht gut drauf im Moment«, sagte Torwart Lukas Hradecky. »Was uns stark gemacht hat, war unsere Teamleistung. Vielleicht wollen wir im Moment zu viel. Vielleicht machen uns die Niederlagen nervös. Vielleicht wollen einige in dieser Situation nicht den Ball haben. Wir helfen uns gegenseitig jedenfalls zu wenig.«

Die Folge dieses Spiels ist: Frankfurt hat auf Platz sechs nur noch zwei Punkte Vorsprung auf seine Verfolger. Selbst die aktuell so starken Gladbacher sind schon bis auf drei Punkte herangekommen. Nach dem dritten Sieg im sechsten Rückrunden-Spiel ist nun auf einmal auch der Aufsteiger Freiburg Teil dieses Europa-League-Rennens. »Wir haben brutal Moral gezeigt. Wir sind einfach eine geile Truppe«, sagte der zweifache Torschütze und Matchwinner Niederlechner.

Am Wochenende könnte der Sport-Club sogar an der Eintracht vorbeiziehen. Freiburg spielt gegen 1899 Hoffenheim – und die Frankfurter müssen nach München. »Wir müssen die Mannschaft mental wieder aufbauen«, sagte Kovac. »Aber nach Regen kommt Sonne. Auch das Spiel in München wird uns nicht umhauen, egal was passiert.«

Bevor ich diese Kolumne schreibe, am frühen Sonntagmorgen, sichte ich jedes Mal die dpa- Meldungen der Nacht. Man weiß ja nie. Vielleicht ist da draußen die Welt schon untergegangen, und statt »Montagsthemen« zu schreiben, müsste ich in den Keller gehen und mir die Aktentasche über den Kopf stülpen (Ältere erinnern sich: Das war die bundesdeutsch offiziell empfohlene Schutzmaßnahme im Falle eines Atomkriegs). Aber ich kann wieder einmal aufatmen. Top-Nachricht: »Frösche können im Dunkeln Farben sehen« – die Welt scheint noch in Ordnung zu sein.

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Auch »der« ist »in Ordnung«. Das ist kein falsches Genus für die Welt, sondern unter rauen Sportlern das vielleicht größte Kompliment. In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt Ministerpräsident Volker Bouffier über seine Beziehung zum Sport (»Ich träumte von der NBA«), und darunter kann man, nein, kann ich, lesen und urteilen Sie selbst, nur das Fazit ziehen: Der Mann ist in Ordnung.

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Das schreit natürlich nach Proporz. Also: Auch unser langjähriger Leser Gerhard Merz ist in Ordnung. Das sehen beide vermutlich ganz anders, aber das läge in der Natur der parteipolitischen Sache. Merz, Sozial- und familienpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, reagiert mit dem ihm eigenen Humor auf den »Sport-Stammtisch« vom Samstag. Seine Mail steht ungekürzt in der Online-»Mailbox«, bitte reinklicken, es lohnt sich.

»Für den Fall, dass mit den parteipolitischen ›Ultra-Fans‹ (auch) ich gemeint gewesen sein sollte, wäre ich für entsprechende Belege doch dankbar, denn genau das versuche ich eigentlich zu vermeiden.« – Tja. Tut mir leid. Das ist mehr als nur ein Redaktionsgeheimnis, sondern bleibt mein persönliches, das auch die Redaktion nicht kennt. Aber bei anderen Fragen bin ich auskunftsfreudiger. Bei den »wirklich wichtigen Dingen: Wann hatte man je 22 Leute auf einem Bolzplatz? Und eine der Grundregeln war doch, dass immer nur auf ein Tor gespielt wurde.« – Nee, nee, nee. Auf unserem »Plätzchen« zwischen Bahndamm und Tante Doras Kindergarten spielten wir auf zwei Tore, und manchmal waren wir sogar 23. Raten Sie mal, wer beim Füßchen-Wählen übrig blieb. Kindheitstrauma.

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Marco Reus wurde bestimmt immer als erster gewählt (einen Moment bitte, für diesen supereleganten Übergang klopfe ich mir erst mal auf die Schulter. So. Weiter geht’s:). Nun ist er wieder verletzt, mit Betonung auf »wieder«, womit uns ältere »Montagsthemen« einholen. Zunächst die Psychosomatik in Form der leib-seelischen Wechselbeziehung der Verletzung(sbereitschaft). Ein weites Feld, auf dem auch Reus unterwegs zu sein scheint. Jammerschade. Und was ist mit Götzes Stoffwechselstörungen? Wer weiß das schon? Ich jedenfalls nicht.

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Noch so ein aktuelles Einhol-Thema: das ehemalige Jahrhunderttalent David Storl. Ich will nicht aufwärmen, was sich Insider zuraunen, zumal ich in den gesichteten dpa- Meldungen auch auf diesen Satz stoße: »Kugelstoß-Routinier David Storl konnte auch mit Bronze gut leben.« Welch eine hintersinnige Aussage! Ist aber wahrscheinlich, nein, ganz sicher, nicht hintersinnig gemeint. Gibt es das, unfreiwillige Ironie? In dem Satz steckt jedenfalls alles drin: »Routinier« (mit 26) und vor allem: » ... konnte mit Bronze ganz gut leben«. Gut leben …

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Drittes altes »Anstoß«-Thema, im Spiegel neu aufbereitet: NOP, das Nike-Oregon-Project. Aber das wärme ich ganz sicher nicht auf. Sonst wenden sich die Leser mit Grausen ab – »schon wieder – der hat nicht nur ein Füßchen-Trauma, wann lässt er’s endlich!?«. Jetzt!

Beim weiteren Sichten stolpere ich über diese Schlagzeile: »Die Bürde des Doppelpasses.« Warum ist er eine Bürde? Ein gelungener Doppelpass gehört zu den zeitlos schönen Kunstwerken des Fußballs. Aber dann geht mir das Licht auf. Ich bin übrigens gegen den Doppelpass außerhalb des Stadions. Aus Egoismus. Niemand soll mehr Pässe haben als ich. Und wenn ich zwei hätte, den deutschen und den hessischen, müsste ich mich eben entscheiden. Mir fiele die Entscheidung leicht. Hessen vorn!

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Hat eigentlich Gus Backus (erneutes Schulterklopfen) einen US- und einen deutschen Pass? Auch die zweite Top-Meldung der Nacht lässt mich nicht zur Aktentasche greifen, geht mich aber ganz persönlich an. In Lüneburg wird eine Ausstellung über die Geschichte der Bravo- Starschnitte eröffnet. Auf nach Lüneburg! Leider kann ich meinen Starschnitt nicht mitbringen. Gus Backus ist verschollen. Also, nicht Gus Backus, sondern sein, mein erster und einziger Starschnitt.

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Gus Backus, die alte Randfichte, lebt noch. In der Nähe von München. Seine Hits, ich kenne sie alle. Hatten manchmal witzig-pfiffige Texte. Der Mann im Mond. Sauerkraut-Polka. I bin a stiller Zecher. Bohnen in die Ohr’n. Und natürlich: Da sprach der alte Häuptling der Indianer: »Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf … uf …uf…uff.« – Uff! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

Das 2:6 bei Borussia Dortmund war ein Debakel zu viel: Stehaufmännchen Roger Schmidt ist beim Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen nach einem monatelangen Kampf um einen Aufschwung und Konstanz beurlaubt worden. Das gaben die Rheinländer am Sonntag nach einer Sitzung der Club-Bosse bekannt.

Schmidt, der am 13. März 50 Jahre alt wird, hatte Bayer im Sommer 2014 übernommen und noch einen Vertrag bis zum 30. Juni 2019. Seine Beurlaubung ist bereits die neunte in dieser Bundesliga-Saison. Einen Nachfolger will Bayer »zeitnah« benennen. Für Montag um 13 Uhr lud der Verein zu einer außerordentlichen Pressekonferenz, nach Informationen der »Bild«-Zeitung wird dort erst einmal eine Interimslösung bis zum Saisonende benannt.

Der neue Coach wird erstmals im Liga-Spiel am Freitag gegen Werder Bremen auf der Bank sitzen. Fünf Tage später tritt Leverkusen mit der 2:4-Hypothek aus dem Hinspiel im Achtelfinale der Champions League beim Vorjahresfinalisten Atlético Madrid an. Schmidt stand bereits mehrfach in dieser Saison kurz vor dem Job-Verlust. Doch immer wieder stärkten ihm seine Chefs den Rücken, zudem rettete er seinen Posten mit Siegen in brenzligen Situationen. Doch letztlich sprach zu viel gegen den Westfalen: Allen voran die Ergebnisse – Bayer spielt die schlechteste Bundesliga-Saison seit 14 Jahren und scheiterte im Pokal bereits in der 2. Runde beim Drittligisten Sportfreunde Lotte. Zudem hatte Schmidt die Unterstützung der meisten Spieler verloren.

»Angesichts der aktuellen sportlichen Entwicklung sind wir nach sehr ausführlicher Analyse und Beratung zu der Auffassung gelangt, dass eine Trennung zwar schmerzhaft, aber für die weitere Entwicklung und Zielerreichung von Bayer 04 unumgänglich ist«, erklärte Geschäftsführer Michael Schade. »Mir persönlich tut dieser Schritt sehr leid, denn wir haben Roger Schmidt viel zu verdanken.«

Sportchef Rudi Völler erklärte, er halte Schmidt »für einen absoluten Top-Trainer« und habe sich »deshalb immer und überall aus voller Überzeugung für ihn eingesetzt. Aber wir mussten jetzt handeln, wenn wir unsere Ziele nicht vollends aus den Augen verlieren wollen. Die Spieler stehen nach der Trennung von Roger Schmidt mehr denn je in der Pflicht und in der Verantwortung, diese Qualitäten wieder freizusetzen.«

Nach der hohen Niederlage in Dortmund, die Schade als »desaströs« bezeichnete, hatte der Coach mit einer Wertung verblüfft. »Es hört sich komisch an, aber es war ein guter Schritt in die richtige Richtung«, kommentierte Schmidt, »meine Mannschaft hat einen sehr guten Auftritt hingelegt. « Mit gewohnter Selbstsicherheit fügte er an: »Ich lasse mich nicht vom Ergebnis blenden.« Die Schönfärberei half jedoch nicht mehr. (Foto: dpa)

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