Vor 25 Jahren: Das »Drama von Rostock«

Dieser Tag tat allen Eintracht-Fans vielleicht noch mehr weh als sämtliche Bundesliga-Abstiege zusammen: Ein mitreißendes Team verspielt vor genau 25 Jahren die deutsche Meisterschaft. Eine solche Chance hat der Verein nie wieder bekommen.
15. Mai 2017, 22:12 Uhr
Zigarillo als Trost: Eintracht-Trainer Dragoslav Stepanovic verlässt am 16. Mai 1992 das Ostseestadion in Rostock nachdem seine Mannschaft mit einer 1:2 Niederlage gegen den FC Hansa die Meisterschaft vertan hat. (Foto: dpa)

Eine Meisterschaft zu gewinnen oder sie in letzter Sekunde noch zu verspielen, macht einen verdammt großen Unterschied. Daran wird Dragoslav Stepanovic auch 25 Jahre später wieder erinnert. Hätte Eintracht Frankfurt am 16. Mai 1992 nicht das »Drama von Rostock« fabriziert, wären Stepi und seine Künstlercombo in dieser Woche noch einmal groß gefeiert worden: 25 Jahre deutscher Meister, 25 Jahre ein selten spektakuläres Team. Einen Beinahe-Meister aber lädt zum Bedauern seines Trainers niemand mehr irgendwohin ein.

»Niemand kommt auf die Idee, diese Jungs mal wieder zusammenzuholen und ihnen zu sagen: Ihr habt den Fußball 2000 gespielt. Den spielt man nicht jedes Jahr«, sagte Stepanovic der Deutschen Presse-Agentur.

Eintracht Frankfurt und der »Fußball 2000«: Wenn schon nicht die Meisterschale, so ist dem Verein wenigstens dieses Etikett geblieben. Die Eintracht der Saison 1991/92 war eine Mannschaft, die 19 Spieltage Tabellenführer war, aber am letzten mit 1:2 beim Absteiger Hansa Rostock verlor. Es war eine Mannschaft, die voller Begabungen steckte, sich aber intern völlig zerstritt. Es war in der Geschichte der Bundesliga die vielleicht beste Mannschaft neben Bayer Leverkusen 2002, die niemals deutscher Meister wurde.

»Mein Herz schlägt immer noch höher, wenn ich an diesen Fußball und diese Spieler denke«, erzählte Stepanovic. Denn zu diesen Spielern gehörten: Ein Erfolgsbesessener im Tor – Uli Stein. Der Libero der Nationalelf direkt davor – Manfred Binz. Gleich zwei Weltmeister im Zentrum – Uwe Bein und Andreas Möller. Dazu noch der beste Bundesliga- Stürmer seiner Zeit – Anthony Yeboah. Sowie der erste Ausländer, der in dieser Liga jemals die Torjägerkanone gewann – Jörn Andersen.

Deutscher Meister wurde damals der VfB Stuttgart. Selbst den erledigten Andersen und Yeboah in dessen eigenem Stadion (2:1). Über eine ganze Saison gesehen war der Unterschied bloß: Die Stuttgarter wussten sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Bei der Eintracht dagegen gab es beinahe so viele Konfliktlinien wie Einzelkönner.

Vor allem Stein und Möller konnten sich nicht ausstehen. »Am Wochenende spielten wir die Gegner an die Wand, unter der Woche saßen wir in der Kabine auf einer Zeitbombe«, sagte Uwe Bein Jahre später in einem »11Freunde«-Interview. »Ständig war Theater.«

Und so kann man die Geschichte dieser Mannschaft allein anhand der berühmten Zitate erzählen, die es aus ihr oder über sie gibt. »Das ist Fußball aus dem Jahr 2000«, sagte der Karlsruher Kapitän Michael Harforth damals über sie. Dass es am Ende trotzdem nicht zum Titel reichte, lag auch an einem klaren Strafstoß, der der Eintracht am letzten Spieltag in Rostock beim Stand von 1:1 verwehrt blieb. »Ich habe Mitleid mit der Eintracht«, räumte der Schiedsrichter Alfons Berg gleich nach dem Spiel ein. »Ja, ich hätte pfeifen müssen.«

Und Stepi? Der sagte noch in Rostock jenen Satz, der heute zu ihm gehört wie der Schnauzbart und das wehende Haar: »Lebbe geht weider!« Diese Mannschaft war in allem groß: in ihrer Spielkunst, in ihrer Zerrissenheit, ihn ihrem Scheitern und sogar in der Niederlage.

Stepanovic trägt das Drama von Rostock noch heute mit Fassung. »Natürlich ist es scheiße, dass wir es nicht geschafft haben. Aber dass unser Spiel damals Fußball 2000 genannt wurde, ist für mich fast so viel wert wie eine Meisterschaft«, sagte er.

Was den 68-Jährigen heute noch umtreibt, sind die Spätfolgen des 16. Mai. »Wenn wir diese Meisterschaft gewonnen hätten«, so Stepanovic, »dann hätten wir als Verein ganz andere Möglichkeiten gehabt. Dann hätten wir einen Mehmet Scholl holen können, der damals mehr zu uns tendierte als zu den Bayern.« Und dann hätte die Eintracht 1992 in der neu gegründeten Champions League mitspielen können, Millionen-Einnahmen inklusive.

So aber ging es in die andere Richtung. Nur vier Jahre später stieg Frankfurt zum ersten Mal aus der Bundesliga ab. »Ein Verein wie die Eintracht schafft es nur alle paar Jahre einmal, eine große Mannschaft zu haben«, sagte Stepi. Seine eigene zählt er dazu.

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