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09. Juni 2017, 20:50 Uhr
GW

Von mir werden Sie hoffentlich keine irgendwie geartete Meinung zum Spiel gegen Dänemark erwarten, erst recht nicht zu Liechtenstein und Konfusionscup. Oder spielen wir heute gegen San Marino und demnächst beim Konföderierten-Cup? Nein, der Sezessionskrieg ist ja vorbei. Wie heißt er? König-Fahd-Pokal? Ja. Früher. Heute ... ach, ist doch egal. Der echte Fußball hat Pause. Die hat er verdient. Stören wir ihn nicht.

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Dass er sich selbst die dringend benötigte Ruhepause nicht gönnt, gehört zur Vorendzeit-Phase des Blasens in die pralle Blase, bevor sie platzt. Obwohl das Bild womöglich schief ist. Wenn auch der Fußball, im Sinne von Oswald Spenglers »Untergang des Abendlandes«, eine Hochkultur ist, in sich »grundlos« und in »erhabener Zwecklosigkeit« werdend und vergehend, dann wird er nicht als Blase mit einem welterschütternden FIFA-, Katar- oder sonst einem Katastrophen-Knall platzen, sondern wie die alten Griechen und Römer langsam und unspektakulär untergehen. Mit einem leisen, langen Pffffft wird die Luft entweichen, von der sich abwendenden Öffentlichkeit unaufgeregt registriert.

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Recht unaufgeregt wurde auch die Gießener NEM-Affäre registriert, die nur durch den Namen eines berühmten Papas auch überregional bekannt wurde. Sein Filius sowie der Sohn eines weniger bekannten Vaters wurden jetzt zu einer kurzen Dopingsperre verurteilt, unter heftigem Augenzwinkern aller Beteiligten, da zwischen zwei Spielzeiten gültig.

Nahrungsergänzungsmittel, kurz NEM, sind die Spitze eines Eisbergs, der in die falsche Richtung driftet ... ach was, jetzt aber mal Schluss mit schiefen Bildern. Also: NEM sind ein Beleg dafür, dass der Kampf gegen Doping nur ein Ablenkungsmanöver vom Primat des erlaubten, gewollten, beworbenen Dopings in unserer Gesellschaft ist. Stichwort Selbstoptimierung im Ranking-Kampf um die besten Plätze im Wettkampf des Lebens.

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Nahrungsergänzungsmittel sind dabei eine der harmloseren Varianten. Ein Milliardengeschäft, Globuli für Gläubige, aber problematisch für Sportler, weil Verunreinigung das permanente Doping-Risiko ist. Bedenklicher wird es bei Botox & Co., all den Methoden und Mittelchen, das eigene Aussehen, Ansehen, soziales und berufliches Standing mit unphysiologischen Mitteln zu verbessern. Mit Provigil können ehrgeizige Hirnsportler hyperaufmerksam nächtelang durcharbeiten. Ritalin putscht Manager, Wissenschaftler und Studenten leistungsfördernd auf – und auch Olympiasieger, sogar mit offizieller Erlaubnis, wie wir seit Rio wissen. Oder Prozac. Damit ist man ständig gut drauf. Wer hat also im Leistungssport des Berufslebens in Zukunft als sauberer Arbeitsathlet noch Chancen gegen den prozacoptimistischen, ritalintatkräftigen, provigilgestählten Kollegen mit dem Supergedächtnis? – Man könnte depressiv werden. Her mit dem Prozac?

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Sätze, die ich so oder so ähnlich schon einmal geschrieben habe. Allerdings nur Worte, nichts als Worte, ohne jede Möglichkeit, einer Lösung auch nur ein Globuli näher zu kommen. Denn wie soll der Sportler, bei all dem hemmungslosen Lebensdoping um ihn herum, ein moralisch gefestigtes Gefühl entwickeln, auf Sportdoping zu verzichten, aber dennoch Höchstleistung anzustreben, im Wettkampf mit anderen, für die zwischen Sport- und Lebensdoping nur der Unterschied besteht, dass man sich im Sport nicht erwischen lassen darf?

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Wenn etwas »weg geht wie warme Semmeln« oder wie »geschnitten Brot«, dann weiß ich, was gemeint ist, aber nicht warum. Ist geschnitten Brot ein Verkaufsrenner? Man sollte die beiden bildlichen Vergleiche in einem bündeln: »Geht weg wie NEM.« Kurzer Ausflug ins Internet, ohne Produktnennung: »Eine neue Nahrungsergänzung erobert gerade den Markt und ihr wird nachgesagt, sie stimuliere die Neurotransmitter im Gehirn und versuche somit, die Gedächtniskapazität um 100% zu erhöhen. Das neue Wundermittel hat seit einiger Zeit auch die Prominenz begeistert.« Ja, angeblich sogar »Steven Hawkings«, der behauptet, dass diese neue Pille die Menschheit verändern und die Intelligenz verdoppeln werde. Er ist sicher, dieser Gehirn-Booster werde das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit werden.

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Fake News, klar. Aber sie wirken. Wem fällt auch schon auf Anhieb der Unterschied vom zitierten »Steven Hawkings« zum echten Physiker Stephen Hawking auf? Die Geldmaschine läuft. Dagegen hilft auch nicht die gesetzlich vorgeschriebene zusätzliche Produktinformation: »Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für ausgewogene Ernährung. Für Kinder unzugänglich aufbewahren. Nicht die empfohlene Dosierung überschreiten. Bei schlechter Reaktion auf das Produkt, das Produkt sofort absetzen« Undsoweiterundsoweiter. – Sooo unbedenklich klingt das ja nun nicht.

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Was tun, wenn böse Behörden bedenkenhuberische Warnhinweise vorschreiben? Dann schreibt man eben noch ein paar Zauberworte unserer Zeit dazu, denn das beworbene NEM ist natürlich »vegan, clean, und glutenfrei« – Na dann rein in den Warenkorb! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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