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22. September 2017, 22:37 Uhr
GW

Vorab ein Hinweis speziell für meine liebste Zielgruppe: Wen Fußballfachsimpelei anödet, der möge bitte erst nach dem fünften Sternchen (*) zu lesen beginnen.

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Nicht der Video»beweis« ist das Problem, sondern dass er in der hoch emotional geführten Diskussion oft als solcher missverstanden wird. Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, soll der Video-Assistent den Schiedsrichter ausnahmslos auf solche Szenen hinweisen, die per Video objektiv beweisbar sind. Bestes Beispiel: die virtuelle Abseitslinie. Sie hat in diesem frühen Stadium der Saison schon einige ungerechte Ergebnisse verhindert.

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Die Aufregung über den Frankfurter Sieg in Köln ist dagegen völlig überflüssig. Jedenfalls was die drei Elfmeter-Szenen angeht. Der Schiedsrichter hat hingeschaut, gewertet und entschieden. Das ist seine Kompetenz, die ihm niemand streitig macht, auch kein Video»beweis«. Falls doch, wäre er enteiert und nur noch Erfüllungsgehilfe einer fernen elektronischen Macht. Ich wüsste nicht, dass das irgendjemand befürwortet.

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Der Schiedsrichter hat eine harte, aber vertretbare Elfmeterentscheidung gefällt und zwei glasklare Fouls im Strafraum, hüben und drüben, nicht geahndet. Das ist meine subjektive Einschätzung seiner subjektiven Entscheidungen, beides ist nicht objektivierbar, der Video-Assistent hat demnach nicht einzugreifen. Nötig ist nur noch, diese klaren Zuständigkeiten und Aufgabenverteilungen allen zu vermitteln. Auch den verunsicherten Schiedsrichtern.

Ich fürchte, mit diesem Einstieg habe ich einige Leser vergrault. Aber Moment mal, Kleists Aufsatz über »die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« bringt mich beim Schreiben plötzlich auf einen Gedanken – wie wär’s denn, wenn ich im Text noch mal nach vorne scrolle und eine kurze Vorbemerkung ... voila, schon geschehen.

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Wieder vereint. Und damit zu den pralleren Themen. Über das Saufen der Amateurfußballer, die Schmerzensschreie des Grases und die Masturbations-Pantomime des Augsburger Kapitäns Baier. Ich sei doch sicher seiner Meinung, merkt ein Leser an (seinen Namen verschweige ich lieber), dass ein Spiel Sperre plus Geldbuße eine viel zu harte Strafe für diese Kinderei seien, und ich als Freigeist möge doch bitte diese heuchlerische Bigotterie geißeln. Nee, nee, nee. Präpotenter Pubertätsübermut schön und gut, aber bitte nur unter Jungs und nicht vor aller Augen und als Identifikationsfigur für viele Jugendliche. Es war zwar kein Schwerverbrechen, aber oberpeinlich. Also: Sperre (gerne auch ein, zwei Spiele länger), Geldstrafe (gerne auch zwei, drei Zehntausender mehr). Dann aber Schwamm drüber. Vergessen wir’s. Gilt übrigens auch für Werners anderweitig unanständige Schwalbe.

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Nicht mit der Hand, sondern nur im Ton vergriffen hat sich Hoffenheims Trainer Nagelsmann. Sein rausgenagelter Spruch über die Probleme der Amateure mit den neuen Bundesliga-Anstoßzeiten war auch am Dienstag in »Ohne weitere Worte« zu lesen: »Vielleicht ist 18 Uhr eine gute Zeit für Amateurvereine, da sind sie wieder nüchtern und noch nicht wieder besoffen.« Nagelsmann, witzig in Fahrt gekommen, setzte noch einen drauf und fand es »schon total lustig, zu sehen«, wenn »die Hälfte der Mannschaft« Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten, »weil in irgendeinem der umliegenden Kuhdörfer Bierzeltfest war«.

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Kuhdorf. Das erinnert mich an die Affäre um den Handball und die »Zeit«. »100 Prozent kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft« gebe es in diesem »Sport für Bauerntölpel«, einer »brutalen Freizeitbeschäftigung für Grobmotoriker«. Handball sei »ein Sport, bei dem man hauptsächlich feste werfen muss, und anscheinend wirft man besonders fest in der deutschen Provinz. Die anderen Spiele dort heißen Freiwillige Feuerwehr oder Kaninchenzüchten.« Damals bekundete ich pflichtschuldigst als im Handkäs-Land aufgewachsener Ex-Handballer meine Abscheu und Empörung über diese Diskriminierung in der »Zeit«. Der Leser sah aber nicht, dass ich mir vor Lachen, wie jetzt auch bei Nagelsmann, beinahe in die Hose ...

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Wenn schon kindisch, dann richtig. Neuers Mittelfußbruch erinnert mich an ein größeres Geschäft. Ich hoffe, der Nationaltorwart erleidet keinen traumatischen Schock wie ich mit zwölf Jahren, als ich mir beim Fußballspielen den Mittelfuß brach und ins Krankenhaus kam. Die Bettpfanne! Das Trauma wirkt auch im Alter noch nach ... sind Sie neugierig geworden? Schön. Das war meine Absicht. Näheres lesen Sie im neuen Gießener Senioren-Journal und dort in meinem »progressiven Alttag« (WZ-Leser finden den Text nur im Anstoß-Begleitblog »Sport, Gott & die Welt«).

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Leider habe ich mich verplaudert. Kein Platz mehr für die Schmerzensschreie des Grases (die hörte ich viel eher als jener försternde Bestsellerautor!). Aber ein Wort zur Wahl muss noch sein. Wer sich noch nicht entschieden hat, könnte als persönlichen Wahl-O-Mat noch Cicero befragen (»Das Wohl des Volkes ist das vornehmste Gebot«) oder sich an dem altenglischen Philosophen Jeremy Bentham orientieren: »Die Grundlage von Gesetz und Moral ist das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl.« – Na, dann wählt mal schön! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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