Tour de France vor 20 Jahren

Als Jan Ullrich nach Andorra stürmte

Jan Ullrich hat in Deutschland die Massen mobilisiert und vor die Bildschirme gelockt. 20 Jahre ist es nun schon her, dass der Deutsche bei der Tour de France ins Gelbe Trikot schlüpfte.
14. Juli 2017, 09:46 Uhr
Jan Ullrich reißt vor 20 Jahren in Andorra im Ziel die Arme hoch und schlüpft danach ins Gelbe Trikot. (Foto: Pierre Andrieu)

Es gibt Momente, die in die (Sport)Geschichte eingegangen sind. Max Schmelings K.-o.-Sieg am 19. Juni 1936 in New York über Joe Louis. Oder das Wunder von Bern, der 3:2-Sieg der deutschen Fußballer im WM-Finale am 4. Juli 1954 über die als unschlagbar geltenden Ungarn. Selbst erlebte Sportgeschichte? Natürlich sammelt sich da im Laufe von Jahrzehnten einiges an. Die Boxkämpfe Muhammad Alis zu nächtlicher Stunde gegen Frazier, Foreman oder Norton bleiben ebenso unvergessen wie der WM-Erfolg von Rom 1990 gegen das von Diego Maradona angeführte Argentinien, die beiden Formel-1-Jahre des Gießeners Stefan Bellof beziehungsweise die späteren Erfolgsjahre Michael Schumachers. Oder Boris Beckers erster Wimbledon-Sieg am 7. Juli 1985 über Kevin Curren. Olympische Spiele dürfen hier auch nicht fehlen, aber eher die früheren Spiele von Los Angeles 1984 zum Beispiel mit Carl Lewis, Peter Michael Kolbe und Michael Groß – oder die Winterspiele 1994 in Lillehammer mit Doppelsieger Markus Wasmeier und Jens Weißflog als Herr der Lüfte.

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Das war’s? Natürlich nicht. Nicht nur der 15. Juli 1997, auch die Tage davor und danach, die Jahre davor und danach, aber ganz besonders dieser eine Tag bleibt unvergessen. An einem Dienstag heißt es, die zehnte Etappe der Tour de France zu absolvieren. In Luchon stehen sie am Start, Vorjahressieger Bjarne Riis vom Team Telekom kann sich auf die Hilfe seines Edelhelfers verlassen. So wie im Jahr zuvor, als ein junger aufstrebender Deutscher schon einen stärkeren Eindruck als der spätere Sieger hinterlassen hatte. Der Däne beendete die Herrschaft des Spaniers Miguel Indurain und wollte den ersten Tour-de-France-Sieg eines Dänen wiederholen. Hatte allerdings die Rechnung ohne die Konkurrenz gemacht – allen voran Jan Ullrich als stärksten Gegner im eigenen Team.

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Es waren an jenem Tag noch etwas mehr als zehn Kilometer zu fahren, es ging hinauf nach Arcalis in Andorra. Ullrich musste sich schon seit Tagen der Teamdisziplin unterwerfen und seinen »Chef« Riis unterstützen. Doch der schwächelte nicht das erste Mal, als der junge Rostocker eine Gruppe mit den Topfahrern Abraham Olano, Marco Pantani, Richard Virenque und Riis anführte. Ullrich schaute sich ständig um.

Was ist los mit meinem Kapitän? Ich könnte noch viel schneller, schient er signalisieren zu wollen. Doch der Däne hatte nichts zuzusetzen, und so soll er, der Titelverteidiger, zu seinem Edelhelfer gesagt haben: »Wenn du dich stark genug fühlst, fahr los.«

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252 km war die Etappe lang zu jener Zeit, und die letzten zehn Kilometer bleiben unvergessen. Ullrich forcierte das Tempo, nur kurz ging er aus dem Sattel, um dann in seiner typischen Unterlenkerhaltung Meter um Meter abzuspulen. Die Konkurrenz platzte weg, 1:08 Minuten nahm er Pantani und Virenque ab. Riis erreichte erst drei Minuten später das Ziel in Arcalis. Und da das Gelbe Trikot, das Cedric Vasseur trug, in den Pyrenäen einbrach, durfte sich Ullrich das Maillot Jaune oben in Andorra überstreifen. Und er sollte es in Paris noch immer tragen.

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In der Heimat jubelten die Massen. Plötzlich wurde an jedem Stammtisch, an der Arbeitsstelle oder auch an der Bushaltestelle über die Tour de France gefachsimpelt und diskutiert. Tausende von Taktiken, wie den Gegnern beizukommen sei, kursierten in Deutschland. Jan Ullrich wird nie wieder die Tour gewinnen, auch wenn ihn 1997 die französischen Zeitungen mit Tour-Legenden wie Merckx und Hinault verglich. Die »L’Equipe« schrieb: »Der neue Riese«.

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Nach seinem Einbruch ein Jahr später am Galibier, als er auf der Abfahrt die Tour gegen Marco Pantani verlor, trat er 1999 verletzungsbedingt nicht an. In jenem Jahr, in dem erstmals Lance Armstrong als Tour-Triumphator in Erscheinung trat und wahrscheinlich wie kein anderer Fahrer zuvor und danach eine unerbittliche und unersättliche Herrschaft innerhalb des Pelotons aufbaute. Ullrich hingegen kämpfte in den folgenden Jahren einen Kampf gegen Windmühlen. Jahr für Jahr stand er am Start und musste der wissbegierigen deutschen Radsport-Nation erklären, wie er Armstrong denn diesmal schlagen wolle. Wohl wissend, dass er nicht den Hauch einer Chance gegen den Radroboter aus den USA haben würde – wie alle anderen Fahrer auch.

Ein Kampf mit ungleichen Mitteln, wenngleich auch der Deutsche zu unerlaubten Mitteln griff. Unterdessen wurde er vom deutschen Boulevard in den Himmel gehoben, der Bund Deutscher Radfahrer buhlte in Person des Präsidenten Rudolf Scharping um den Nationalhelden und ließ keine Möglichkeit aus, sich im Glanz Ullrichs zu sonnen. Die ARD schwang sich zum Co-Sponsor des Telekom-Teams auf und verfolgte Ullrich exklusiv bis unter den Weihnachtsbaum.

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Keine Frage, Ullrich hat es bis heute versäumt, reinen Tisch zu machen. Er war im extremen Gegensatz zu Armstrong immer Mensch geblieben, was ihn allerdings auch verletzlich und angreifbar machte. Er wurde in jungen Jahren in den Himmel gehoben, um später gnadenlos in die Hölle verjagt zu werden. Damit ist er nie klargekommen. Auch nicht damit, dass sich Teile der deutschen Öffentlichkeit wie ein kleines beleidigtes Kind gegen Ullrich gestellt haben. Selbst heute noch wird in den sozialen Foren gegen Ullrich gepöbelt – zum Beispiel, als es in diesen Tagen darum ging, ob der einzige deutsche Tour-Sieger beim Grande Depart in Düsseldorf erwünscht sei oder nicht. Es sind nicht selten die größten Fans von einst, die sich heute als Gegner aufspielen. Nach dem Motto: Ich habe es ja immer schon gewusst. Auch schon an jenem 15. Juli 1997?

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