Lokalsport

Der Profi unter den heimischen Amateuren

Marco Semmler ist in seiner Fußball-Laufbahn viel herumgekommen. Zum Ende schließt sich nun der Kreis von Verbandsliga bis in die B-Klasse. Das ändert an seiner Einstellung jedoch gar nichts.
20. April 2017, 12:00 Uhr
Marco Semmler kämpft derzeit mit der SG Groß-Eichen/Atzenhain in der B-Liga Alsfeld um den Aufstieg. (Foto: Vogler)

Ein enormer Ehrgeiz hat ihn immer begleitet und steht für seine Art des Spiels. Marco Semmler bezeichnet diese Willenskraft als seine Stärke. »Ich habe Spieler kennengelernt, die waren fußballerisch um einiges besser, denen hat aber leider der nötige Ehrgeiz gefehlt, um in höheren Klassen spielen zu können.« Egal in welcher Liga, der heute 32-Jährige lebte im Amateurbereich stets gefühlte Professionalität vor. »Ich kenne das nicht, dass man am Abend vor dem Spiel lange unterwegs ist.« Ob zu Verbandsligazeiten mit der SG Birklar und dem SC Watzenborn-Steinberg oder nun in der B-Klasse mit der SG Groß-Eichen/Atzenhain – der Torjäger mit Gardemaß war und ist Vorbild für die Jüngeren.

Im letzten A-Jugend-Jahr sowie in der ersten Saison bei den Aktiven lief Semmler noch im Groß-Eichener Trikot auf, dann folgte der Sprung nach Birklar in die damalige Bezirksoberliga. Unter Trainer Achim Mohr stieg er schon mit 22 Jahren zum Spielführer auf. Mit Heiko Gerlach und Joshua Garden bildete er den Traum-Sturm im kleinen Dörfchen bei Lich.

Tore fielen wie reife Früchte. Nur nicht mit dem Kopf. Trotz 1,96 Meter Körpergröße spricht Semmler vom Kopfballspiel als seiner größten Schwäche. »Vielleicht habe ich das auch nie richtig trainiert oder bin zu sehr Angsthase, wenn der Torwart rauskommt.« Ehrliche Worte von einem, der den körperbetonten Fußball ansonsten liebt, dem aber das richtige Timing im Luftkampf fehlt. »Ich habe in Birklar ein halbes Jahr mit Michael Ashcroft zusammengespielt. Der war etwa 1,75 Meter groß und hat 14 von 15 Saisontoren mit dem Kopf erzielt. Da sieht man dann mal, worauf es ankommt: Wie man zum Ball steht, wann man hochspringt, nicht auf die Größe.«


Bodenständig und heimatorientiert

Dass es trotz enormer Begabung und vorbildlichem Trainingseifer nicht für eine noch höhere Klasse gereicht hat, liegt vor allem an der Bodenständigkeit und Heimatorientierung des 32-Jährigen, der den Beruf des Gas-/Wasser-Installateurs erlernt hat und sich derzeit zum Meister fortbilden lässt. Anfragen gab es genug: Unter den interessierten Klubs waren der VfB 1900 Gießen und auch der FSV Fernwald – damals noch zu Hessenliga-Zeiten. Aber selbst die Jahre in Birklar und die anschließende Saison in Watzenborn waren für Semmler schon mit großem Zeitaufwand verbunden.

»Du fährst morgens mit der Sporttasche an die Arbeit, danach weiter ins Training. Und wenn in der Vorbereitung vier, fünf solche Tage pro Woche anstehen, dann brauchst du schon eine Freundin, die das alles mitmacht«, erklärt der FC Bayern-Sympathisant, der sich selbst als heimatverbunden bezeichnet. »Ich bin auch gerne in meinem Elternhaus«, sagt er.


Emotionales Highlight: Aufstieg 2014

Nach dem einjährigen Intermezzo bei der Teutonia in Watzenborn zog es Semmler zur SG Laubach/Ruppertsburg/Wetterfeld, mit der er 2014 den Aufstieg in die Gruppenliga schaffte, aber gleich wieder absteigen musste. Obwohl der gebürtige Altenhainer rückblickend über die Gruppenliga-Saison als »zu schnell aus der Hand gegeben« spricht, erinnert er sich sehr gerne an den letzten Spieltag der Aufstiegssaison: Damals konnten noch vier Teams Meister werden – und die standen sich zum Saison-Finale auch noch direkt gegenüber. Die Laubacher dominierten dabei beim TSV Klein-Linden (3:0) und profitierten vom 1:1 zwischen dem VfR Lich und der SG Treis/Allendorf. Ehe alle Jubel-Dämme brachen, scharten sich die Laubacher Spieler um den ehemaligen AZ-Altredakteur und Fußball-Kenner Harold Sekatsch, dem damals in Kleinlinden die letzten Momente von der Licher Fasanerie via Smartphone übermittelt wurden.

Fußballerisch hat sich der Kreis für Semmler mittlerweile geschlossen. Nach seiner Zeit in Laubach kehrte er zum TSV Groß-Eichen zurück, der inzwischen in einer Spielgemeinschaft mit dem SV Atzenhain aufgegangen ist und aktuell in der Kreisliga B Alsfeld um den Aufstieg mitspielt. Damals wie heute sein Trainer im Mücker Ortsteil ist Roland Stamm. Der sagt über seinen Torjäger: »Marco ist nicht nur fußballerisch eine Bereicherung, sondern auch menschlich. Alle schauen zu ihm auf, aber er schaut auf keinen herab«, lobt Stamm.

Ob sich Semmler selbst irgendwann das Traineramt zutraut, steht noch in den Sternen. Auch hier gibt es Anfragen. »Natürlich mache ich mir Gedanken über Jobs als Spielertrainer. Ich kann mir das vorstellen, weiß aber nicht wann.« Es gibt aber auch Zweifel – und die hängen mit der Einstellung des einen oder anderen Spielers im unteren Amateurbereich zusammen. »Ich kenne das nicht, am Abend vor dem Spiel über die Stränge zu schlagen, wenn sonntags Fußball ist. Ich weiß nicht, ob ich dann konsequent sein könnte und dem Spieler sagen würde: ›Alles klar, du kannst die nächsten vier Wochen auch länger weggehen, du spielst erst mal Reserve‹.« Seinen Ehrgeiz wird ihm wohl auch in der Alsfelder B-Liga niemand nehmen.

Im Gespräch

Drei moralische Fragen an Marco Semmler

Sie laufen im Strafraum mit dem Ball am Fuß und stolpern. Der Schiedsrichter meint aber, ein Foul Ihres Gegenspielers erkannt zu haben, und pfeift Elfmeter. Was tun Sie?
Marco Semmler: Ich weiß, wie es läuft im Fußball. Es gleicht sich alles aus im Laufe einer Saison. Viele Abwehrspieler würden wohl nicht zugeben, ein Foul begangen zu haben, wenn es der Schiedsrichter nicht pfeift. Normalerweise bin ich sehr für Fairplay, aber wie ich in einer solchen Situation mit meinen Emotionen umgehen würde, kann ich nicht genau sagen.

Kam es wirklich noch nie vor, dass Sie am Abend vor dem Spiel einen über den Durst getrunken haben?
Semmler: Doch einmal. Da war Depeche-Mode-Party in Ruppertsburg. An dem Abend hieß es: »Oh, der Semmler ist auch noch da und gut dabei.« Da habe ich aber am nächsten Tag auch drei Tore gemacht.

Wie kommen Sie mit Niederlagen oder schwierigen Situationen zurecht?
Semmler: Ich kann mich an ein Spiel mit Birklar gegen den FC Cleeberg erinnern. Es ging um den Aufstieg, und ich habe einen Elfmeter verschossen. Das hat mich sehr geärgert. Aber es gibt keine besonderen Rituale im Falle des Misserfolgs. Da verhalte ich mich wie immer nach dem Spiel: Trikot aus, Pulli an, rein in die Badelatschen. Ich bleibe noch lange am Sportplatz, trinke meine zwei, drei Bierchen mit den Kollegen und gehe als Letzter in die Dusche.

 

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