Wenn der Urwald auf dem Grill landet: Abholzung in Paraguay

Damit in Europa die Steaks auf dem Grill brutzeln können, wird in Paraguay Tropenwald abgeholzt. Bäume werden zu Holzkohle und gerodete Flächen werden für Rinderzucht und Soja verwendet. Das hat Folgen für Umwelt, Wirtschaft - und nicht zuletzt Menschen.
31. Juli 2017, 15:30 Uhr
Von Marie Frech und Juan Garff, dpa
Sommerzeit ist Grillzeit. Beim Kauf der Grillkohle sollten Verbraucher genau hinsehen. (Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Eine Grillparty in Deutschland: Auf dem Rost brutzeln Steaks, die die Gäste in wenigen Minuten verputzt haben. In den etwa 10 800 Kilometer entfernten Trockenwäldern des Gran Chaco in Paraguay fallen in der gleichen Zeit reihenweise die Bäume. Die Verbindung?

Aus den gerodeten Bäumen wird die Holzkohle, die in Berlin, Frankfurt oder München die Grills anheizt - und weltweit das Klima.

«Der Chaco ist ein Hotspot des Landnutzungswandels», sagt Matthias Baumann. Der Geograf von der Humboldt-Universität in Berlin hat im Chaco die Auswirkungen der Abholzung auf das Klima untersucht und die Ergebnisse in einer Studie mit Kollegen veröffentlicht. Er geht davon aus, dass im Schnitt etwa alle zwei bis drei Minuten eine Fläche in der Größe eines Fußballfeldes im paraguayischen Chaco gerodet wird.

Umweltschützer warnen schon seit Jahren vor den Folgen der - teils illegalen - Tropen-Rodung. Der Chaco mit Trocken- und nicht Regenwäldern steht dabei selten im Fokus. Zuletzt verschaffte ein Bericht der britischen Nichtregierungsorganisation Earthsight über die paraguayischen Holzkohleindustrie der Region mehr Aufmerksamkeit.

Der Wert der Holzkohle-Exporte Paraguays ist von sieben Millionen US-Dollar (6,06 Mio Euro) 2003 laut örtlichen Medien auf zuletzt 40 Millionen Dollar (34,64 Mio Euro) gestiegen. Gut 15 Prozent der Exporte sollen nach Deutschland gehen.

2015 waren das laut Statistischem Bundesamt 34 000 Tonnen im Wert von 13,9 Millionen Euro. Damit war Paraguay der zweitwichtigste Lieferant für Grill-Holzkohle, hinter Polen mit 74 000 Tonnen.

Holzkohle sei aber nicht der Hauptgrund für die Rodungen, sondern ein Nebeneffekt, sagt Forscher Baumann. Mehr als 95 Prozent der betroffenen Flächen würden abgeholzt, um sie für die wachsende Viehzucht zu nutzen. Auch Soja-Anbau - für Exporte oder für Futtermittel - spiele eine wichtige Rolle, heißt es von Greenpeace.

Aus Baumanns Studie geht hervor, dass zwischen 1985 und 2013 mehr als 49 000 Quadratkilometer des paraguayischen Chacos abgeholzt wurden - eine Fläche etwas größer als Niedersachsen. Rund 250 Gigatonnen klimaschädlicher Treibhausgase seien dadurch entstanden. Hier legen Forscher eine Formel zugrunde, die sowohl die wegfallende Speicherfunktion des Waldes als auch die bei der landwirtschaftlichen Nutzung entstehenden Emissionen berücksichtigt.

Nach Angaben der Lateinamerikanischen Klima-Plattform gehen 95 Prozent der Emissionen Paraguays heute von der Landwirtschaft und der Umwandlung der Waldbestände aus.

Forscher Baumann plädiert für mehr Zonen, in denen die Abholzung verboten ist. Dass das funktioniere, zeigten Beispiele aus Brasilien. Schutzgebiete andernorts führten aber wohl dazu, dass neue Abholzung in den Chaco «verlegt» werde, sagt Baumann. Um solche Verlegungen zu verhindern, brauche es Naturschutzprojekte, die international koordiniert werden.

Die Wälder des Chacos sind auch deshalb bei der Industrie beliebt, weil der Boden günstig ist. «In der besten Pampa-Gegend kostet ein Hektar Land bis zu 15 000 US-Dollar (12 992 Euro), im Chaco 300 Dollar (260 Euro)», sagt Hernán Giardini von Greenpeace Argentinien.

In dem Nachbarland Paraguays erwiesen sich allerdings auch Schutzzonen nur bedingt erfolgreich. Die Geldstrafen für illegale Rodung seien so gering, dass die Unternehmen sie in Kauf nehmen, sagt Giardini.

In Paraguay - nach Angaben des Auswärtigen Amtes eines der ärmsten Länder Südamerikas - bietet die Holzkohle für die Landbevölkerung eine Erwerbsquelle. Mehr als 200 000 Menschen sind nach Angaben des Holz-Unternehmerverbands FEPAMA in der Holzkohleverarbeitung tätig.

«Die Kohlegewinnung wird zumeist in Schwarzarbeit mit sehr geringen Gehältern verrichtet», sagt Giardini. Für die Soja-Landwirtschaft sei weniger Personal nötig, weshalb sie ansässige Landarbeiter vertreibe. Nicht selten komme es vorher zu gewalttätigen Streits zwischen ihnen und Sicherheitsleuten.

Die Holzkohle landet später auch in Europas Supermärkten. Verbraucher haben Alternativen: etwa Holzkohle aus Resthölzern oder Briketts aus verkokten Resten landwirtschaftlicher Abfälle. Ein neuer Markt entsteht. Dennoch geht Gran-Chaco-Kohle aus bedenklicher Herkunft dem Earthsight-Bericht zufolge auch in Deutschland an Discounter.

Aldi Nord erklärt dazu, dass für ihre Grillkohle verschiedene Zertifikate vorlägen, die eine saubere Herkunft belegten. Zudem plant das Unternehmen nach eigenen Angaben, mit Lieferanten Maßnahmen zu entwickeln, mit denen künftig soziale und ökologische Risiken in der Wertschöpfungskette von Kohleprodukten vermieden werden.

Aldi Süd kündigte nach dem Earthsight-Bericht Untersuchungen zur Herkunft seiner Holzkohle an. In den kommenden Jahren will der Lebensmittelhändler zudem nur Kohleprodukte verkaufen, die als nachhaltig zertifiziert wurden. Umweltschützer betonen aber, dass nicht jedes Siegel vertrauenswürdig sei und Hersteller Grauzonen ausnutzten, um zertifiziert zu werden.

Trotz allem gebe es Möglichkeiten, nachhaltige Forstwirtschaft im Chaco zu betreiben, sagt Giardini von Greenpeace. Dafür seien aber zuerst Studien zur Erholung der Waldflächen nötig. Das sei gerade mit Blick auf die für Holzkohle bevorzugten Bäume der Art «quebracho blanco» wichtig. Denn diese brauchten rund 40 Jahre, um auszuwachsen.

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