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Ein Leben gegen die Innere Uhr kann krank machen

Wer einmal Jetlag hatte, weiß, wie wichtig die Innere Uhr fürs Wohlbefinden ist. Geht sie falsch, kann das krank machen. Wie der Taktgeber funktioniert, erforschten maßgeblich drei US-Wissenschaftler. Dafür bekommen sie den Nobelpreis für Medizin.
04. Oktober 2017, 05:00 Uhr
Von Anja Garms, dpa
Ein Jetlag kann den Tag-Nacht-Rhythmus eines Menschen sehr ins Wanken bringen.
Ein Jetlag kann den Tag-Nacht-Rhythmus eines Menschen sehr ins Wanken bringen.

Der Jetlag nach einer langen Flugreise kann eine echte Qual sein. Mitten am Tag fühlt man sich elend müde, nachts hingegen kann man trotz tiefster Dunkelheit nicht schlafen.

Es dauert Tage, bis sich der Körper an den veränderten Tag-Nacht-Rhythmus der neuen Zeitzone angepasst hat - und der Jetlag langsam schwindet. Schuld ist die Trägheit unserer Inneren Uhr. Dieser biologische Taktgeber steuert zahlreiche Körperfunktionen und beeinflusst neben dem Schlaf-Wach-Zustand auch Körpertemperatur, Blutdruck und Immunsystem. Wie diese Uhr auf molekularer Ebene gestellt und gesteuert wird, haben Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young maßgeblich miterforscht. Für ihre Entdeckungen bekommen die drei US-Forscher den Nobelpreis für Medizin.

«Wir wissen heute, dass praktisch alle Zellen in unserem Körper eine Innere Uhr haben. Die steuert viele Funktionen von der Zellteilung bis zum Schlaf. Es gibt keinen physiologischen Prozess, der nicht von der Inneren Uhr beeinflusst wird», erläutert der Chronobiologe Henrik Oster vom Institut für Neurobiologie der Uni Lübeck.

Nicht nur der Mensch, auch Pflanzen und Tiere haben einen inneren Taktgeber, der zentrale Lebensprozesse steuert. Welche Gene ihm zugrunde liegen, wird seit den 1970er Jahren erforscht. Die drei Nobelpreisträger brachten die Erkenntnisse maßgeblich voran. «Es war klar, dass bei einem Nobelpreis für die Innere Uhr die drei den Preis bekommen würden», sagt Achim Kramer, Chronobiologe an der Berliner Charité.

Eine der wichtigsten Funktionen der Inneren Uhr ist die Aufrechterhaltung eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus. Einige Menschen macht die Innere Uhr zu sogenannten Lerchen, die früh in den Tag starten und abends zeitig ins Bett fallen. Andere kommen als Eulen erst spät in die Federn - und morgens umso schwerer wieder heraus. Ändern kann man daran nur wenig, im Gegenteil: Forscher betonen, wie wichtig es ist, seinem natürlichen Rhythmus zu folgen.

Gerate die Innere Uhr aus dem Takt, etwa durch Schichtarbeit, zu frühen Schulbeginn oder häufige lange Flugreisen, könnten erhebliche gesundheitliche Probleme folgen, sagt etwa Chronobiologe Kramer. Bei Übergewicht, Depressionen, Herz-Kreislauf-, neurologischen und Magen-Darm-Erkrankungen wird demnach ein Einfluss gestörter biologischer Rhythmen diskutiert. Selbst die Schwere einer Infektion hängt mit dem Zeitpunkt der Ansteckung zusammen, fanden Forscher in einer Studie mit Mäusen: Gibt die Innere Uhr dem Körper gerade eine Ruhephase vor, können sich Viren erheblich schneller vermehren.

Um die Innere Uhr nicht zu stören, empfehlen Schlafforscher auch, auf weitgehende Dunkelheit im Schlafzimmer zu achten. Straßenlaternen können den Mechanismus genauso beeinflussen wie das Licht eines E-Readers, Tablet-PCs oder Smartphones. Das kann nicht nur krank machen, sondern auch Alterungsprozesse beschleunigen, wie Untersuchungen an Mäusen nahelegen.

Forscher weisen auch darauf hin, dass die Leistungsfähigkeit von Kindern von der Inneren Uhr mitbestimmt wird. Viele Schüler entwickelten sich in der Pubertät von Lerchen zu Eulen - für sie beginne die Schule vielfach zu früh.

Auf die Innere Uhr der Preisträger nahm die Nobelpreis-Jury übrigens keine Rücksicht. Die Schweden klingelten zumindest zwei der drei US-Amerikaner nachts aus ihren Betten. «Ich habe fest geschlafen, es war 5.10 Uhr morgens hier», sagte Michael Rosbash. «Was für eine Art, aufzuwachen!»